Veit Dieterich - Einleitung zum Hohelied
Dieses Buch, weil es durchaus von einer anderen Sache redet, denn die Worte lauten: läßt sich nicht von einem Kapitel zum andern mit kurzen Summarien fassen, wie andere Bücher. Und ob man gleich die Meinung kurz und einfältig anzeigen könnte, so wird doch der in der heiligen Schrift ungeübte Leser nimmermehr solche Meinung aus den Worten bringen können. Denn die Worte lauten dahin, als sey es ein Brautlied, da Braut und Bräutigam auf das Freundlichste mit einander reden, eines das andere lobt, und dem andern sein Herz und seine Liebe entdeckt. Aber Salomonis Meinung ist weit anders; denn mit solchen verdeckten Worten will er sein Königreich als eine schöne Metze und trautes Weib loben, und sich in allerlei Anstößen und Widerwärtigkeiten, die ihm als einem Regenten begegnen, damit trösten, daß er ein König sey unter einem solchen Volk, bei dem Gott, sein Wort und der rechte Gottesdienst ist. Weil nun durch und durch die Worte anders lauten, denn die Meinung ist, wird es zum gewissen Verstand von Nöthen seyn, daß man nicht ein Kapitel, sondern ein Stück nach dem andern vornehme, und eine kurze Meinung anzeige, auf daß Niemand an solchem Buch sich ärgern, sondern, wenn man's lieset, Jedermann daraus sich bessern möge.