Psalm 6,1
Andachten
Dies ist der erste Bußpsalm Davids in der Reihe der sieben Bußpsalmen, (32. 38. 51. 102. 130. 143.) und enthält ein gar bewegliches Klaggebet um Abwendung des göttlichen Zorns. Mit diesem Psalm tröstete im Jahre 1541 Dr. Luther eine betrübte und angefochtene Person und sagte: „Ich, Dr. Luther, bin auch in solchen Anfechtungen gewesen, die meinen Leib gar verzehrten, dass ich nicht wohl Atem hatte und mich schier kein Mensch trösten konnte; denn wem ichs klagte, der sagte: „Ich weiß nichts von dieser Anfechtung,“ dass ich darauf sagte: Bin ich’s denn allein, der ich den Geist der Traurigkeit leiden muss? Aber ich war’s nicht allein. Siehe den König David an, der hat diese Anfechtung auch gehabt. Er sprach wohl ernstlich: „Ich aber sprach, da mirs wohl ging, ich werde nimmermehr darniederliegen.“ (Ps. 30,7.) Darnach aber sprach er: „Ach, Herr, strafe mich nicht in Deinem Zorn und züchtige mich nicht in Deinem Grimm.“ (Ps. 6,2.) Diesen Vers habe ich aus der Erfahrung gelernt: „Ich schwemme mein Bett die ganze Nacht und netze mit meinen Tränen mein Lager.“ (Ps. 6,7.) – Freude und Leid, beides gehört zusammen; wer das Eine will, muss auch das Andere haben. Darum stehen neben den Lob- und Dankpsalmen auch Buß- und Klagpsalmen und folgt auf den Sonntag Jubilate der Buß- und Bettag des Jahres. Mit der Genesung der Seele geht’s einmal nicht anders. Sünde und Gnade bleiben, so lange wir leben, die Angeln, um die sich unser Christentum dreht. Beim Blick auf die Gnade daher lauter Dank, beim Blick auf unsere Sünde lauter Buße! Des Christen Leben daher ein immerwährendes Loben und sich Beugen! Auf das: Herr, sei mir gnädig! folgt immer das Bekenntnis: denn ich bin schwach. Die Not allein macht Füße. Vollends die Seelen- und Sünden-Not. Die Bußtränen sind das beste Vorbeugungsmittel vor der Hölle. Doch ist es nicht sowohl das weinende Auge, als das zerbrochene Herz, worauf Gott sieht. Um solches Herz bitte ich Dich; Herr, gib, Herr erhalte es mir bis an mein Ende. Amen. (Friedrich Arndt)
Auslegungen
1. Ein Psalm Davids, vorzusingen auf acht Saiten. 2. Ach, HErr, strafe mich nicht in deinem Zorn, und züchtige mich nicht in deinem Grimm. 3. HErr, sei mir gnädig, denn Ich bin schwach; heile mich, HErr, denn meine Gebeine sind erschrocken. 4. Und meine Seele ist sehr erschrocken. Ach du HErr, wie so lange! 5. Wende dich, HErr, und errette meine Seele; hilf mir um deiner Güte willen. 6. Denn im Tod gedenkt man deiner nicht; wer will dir in der Hölle danken? 7. Ich bin so müde von Seufzen, ich schwemme mein Bett die ganze Nacht, und netze mit meinen Tränen mein Lager. 8. Meine Gestalt ist verfallen vor Trauern, und ist alt geworden; denn ich allenthalben geängstigt werde. 9. Weicht von mir, alle Übeltäter; denn der HErr hört mein Weinen, 10. Der HErr hört mein Flehen, mein Gebet nimmt der HErr an. 11. Es müssen alle meine Feinde zu Schanden werden, und sehr erschrecken, sich zurück kehren, und zu Schanden werden plötzlich.
Der 6. Psalm ist einer von den sieben sogenannten Bußpsalmen. Von der Absicht und dem Gebrauch dieser sieben Psalmen wolle man sich bei diesem und den folgenden einmal für allemal merken, dass es damit nicht gemeint ist, als ob man daraus die allgemeine Beschaffenheit jeglicher Buße zu GOtt, und seliger Sinnes-Veränderung lernen müsste, oder als ob ein Jeder durch dergleichen Zorn-Empfindungen eines solchen Angstkampfes getrieben würde; es sind auch wirklich diese Psalmen nicht bei dem ersten bußfertigen Zugang Davids zu seinem GOtt gemacht worden, sondern vielmehr bei einem nach vorgängigem Lauf in den Wegen GOttes erst geschehenen leidigen Straucheln und Fallen, wodurch also schmerzliche Wunden verursacht und von GOtt, neben dem Druck Seiner Hand im Innern, auch schwere Umstände im Äußern mit Krankheit und Verfolgung verhängt worden sind. Dergleichen kommt ja freilich nicht bei Jedem vor, dem GOtt Buße zum Leben schenkt, vielmehr findet sichs, dass GOtt einem einen solchen Schritt durch manche Gnadenzüge im Innern, und durch allerlei gnädige Schickungen im Äußerlichen zu erleichtern sucht; deswegen Keines den Geist der Gnade in seiner Arbeit an sich und Andern damit stören soll, dass er auf ein diesen Bußpsalmen gleichkommendes Maß der Traurigkeit und Todesängsten dringen wollte. Aber da können hernach diese Bußpsalmen gute Dienste tun, wenn GOtt einen Menschen bei gewissen Sünden, oder beim Aufwachen der alten Sünden im Gewissen solcherlei Ängsten und Zorn-Empfindungen schmecken lässt, dass man daraus lerne, wie man auch in der größten Angst und Gefühl der Verderbnis seine Zuflucht zu der Barmherzigkeit und rettenden Gerechtigkeit GOttes nehmen und dieselbe besonders jetzt in Christo JEsu anrufen könne. Und da kann es freilich den Glauben nicht wenig erwecken und stärken, wenn man aus diesen Psalmen sieht, wie David wieder aus der größten Angst genesen, und wie ihm der Geist der Gnaden sein Herz in der Vergebung der Sünden so unvergleichlich erweitert und getröstet habe.
Der Psalm selbst nun hat 1) wieder seine Überschrift: Ein Psalm Davids vorzusingen auf acht Saiten. 2) Führt David eine wehmütige Klage unter immer eingemengten Bitten und Abbitten vom V. 29. „Ich bin schwach.“ Ach, wer doch seine Schwachheit von Herzen erkennen könnte! Denn wo ein Mensch nicht dahin kommt, dass er seine Nichtigkeit und Schwachheit fühlt, und in ihm untergeht alles fleischliche Vermögen, Stärke und Weisheit, so kann er der Gnade GOttes nicht teilhaftig werden, je mehr der Mensch untergeht und zunichte wird in allen seinen Kräften, Werken, Wesen, dass nichts mehr als ein elender Verlassener, Verdammter da ist, je mehr kann die göttliche Gnade, Hilfe und Stärke bei ihm ankommen. „Wende dich HErr!“ Wenn du GOttes Gnade hast, kannst fein beten, GOtt anrufen, Christum bekennen, kannst fein glauben, hast ein fröhliches Herz, so hältst du es oft für gering, und meinst, es komme von dir selber her, weißt nicht, dass GOtt dies Alles in dir ist, und tut, hast auch lange diese Güter nicht so lieb, kannst ins Trachten nach dem Irdischen hineingeraten usw. Da kommt denn unser HErr GOtt, und spricht: Harre! Ich will dir mein Reich aus der Seele nehmen, den Glauben, meine Liebe, die Hoffnung, das Gebet, den Heiligen Geist, ein fröhliches Herz, denn das ist Alles mein, und will dich in Traurigkeit, Angst, Pein, Furcht und Schrecken der Seele hinein führen, und will dann sehen, was dich darin trösten und erlösen kann. Da wirst du lernen das Reich GOttes hochachten, und wirst alsdann mit Ernst rufen lernen: Wende dich HErr, und errette meine Seele! „Ich bin so müde von Seufzen.“ Das Seufzen der Seele begreift das ganze Wesen der Buße, die schmerzliche Reue, den Glauben, und das Verlangen nach GOttes Gnade, den Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit in sich. Es sind des Menschen Seufzer nicht zu ergründen, denn sie begreifen zugleich Himmel und Erde, GOtt und die Welt, Gesetz und Evangelium, Zorn und Gnade, und tragen Alles GOtt vor in einem Augenblick; darum nennt es Paulus unaussprechliche Seufzer. So gar tief legt es GOtt in unseren Geist. In dieser Kraft GOttes ist das bekehrte menschliche Herz nicht zu ergründen, so wenig als das unbekehrte Herz in seiner Bosheit. 3) Er beschließt aber mit einer mutigen Erklärung, die von wiedererlangtem Trost und Stärkung zeugt. Denn wie sich David an seine Feinde von Außen macht, so muss er auch von Innen Lust und Sieg durch die gnädige Erhörung GOttes bekommen haben. V. 9. 10. 11. „Weicht von mir alle ihr Übeltäter.“ Niemals kann man das böse Wesen der Kinder des Unglaubens inniger verabscheuen, niemals tuts einem wohler, wenn man sich von ihnen scheiden kann, als wenn man aus einer frischen Erfahrung die Hilfe GOttes wieder gesehen hat: wie einem aus den misslichsten Umständen bei treuem Anhangen an den HErrn so wohl geholfen sei, und wie es also die Gerechten so gut haben. Diese Worte unsers Psalmen werden Matth. 7, 23. gegen die Heuchler angezogen, die all ihre Sache auf große Ehre, große Namen, Kunst und Weisheit und gut Leben sehen, können weder Christum, noch Sein Kreuz, noch Seine Gnade, noch Sein Joch lieben in ihrer geistlichen in ihrer geistlichen Hoffart und Reichtum, und kommen dabei niemals zur wahren Buße. Durch wahre Buße und Ausharren bei Christo in der Anfechtung muss Alles zunichte werden, was von sich selbst und vor den Menschen hochweise, klug und ansehnlich sein will.
Wenn Weltleute ihre Ausschweifungen immer mit Davids Exempel zudecken und verkleinern wollen, so sollten sie auch an das Buß-Feuer und den brennenden Ofen gedenken, darin er wieder gereinigt worden ist. Bei der Bathseba wollten sie gern im Bett liegen, aber nicht mit David die ganze Nacht das Bett mit Tränen netzen. Solche wird der König David einst aus ihrem eigenen Mund verurteilen, wie jene Boten 2. Sam. 1, 13-15. 4, 9-12. (Karl Heinrich Rieger)
Predigten
Arndt, Johann - Erbauliche Psalter-Erklärung - Psalm 6.
Dieser Psalm ist der erste unter den Bußpsalmen und enthält eine Klage über die Schrecken des Gewissens, Furcht des Todes und der Hölle, über Angst und Traurigkeit, und einen Trost, dass Gott das Gebet erhöre und die Feinde zurücktreibe. Damit lehrt uns David, worin die rechte Buße besteht.
V. 2. Ach HErr, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm. Das erste Stück der Buße ist, die Sünde erkennen. Nun aber können wir die Sünde nicht erkennen ohne Strafe und Züchtigung; so böse ist des Menschen Herz. Darum züchtigt uns Gott innerlich und äußerlich und wirket so die Buße in uns: also ist Gott unserer Bekehrung und Seligkeit Anfang, Mitte und Ende. Hier nun bekennt David, dass er ein Sünder sei, und bittet nicht, dass ihn Gott gar nicht strafen möge, sondern dass er ihn nur nicht in seinem Grimm und Zorne strafe, d. i. ewig verwerfen und verstoßen wolle. Da sehen wir, dass Gott auf zweierlei Weise straft, einmal in Graden als ein gütiger, gnädiger Vater, wenn er zeitlich straft an Leib, Gut und Ehre, die Seele aber ihren Trost und Hoffnung noch behält; das andere Mal aber straft Gott als strenger Richter, wenn er die Seele angreift und dieselbe Höllenangst empfinden lässt und seinen Trost hinwegnimmt. Und dagegen betet hier David. Wir lernen auch hier, dass wir alle Züchtigung und Strafe, sie sei leiblich oder geistlich, aufnehmen sollen als von der Hand des HErrn. David klagt wohl in diesem Psalm über seine Feinde, aber er spricht dabei, es sei des HErrn Strafe. Wenn wir in unserem Kreuz auf Menschen sehen, so werden wir ungeduldig, zornig und rachgierig; nur wenn wir es als Strafe Gottes ansehen, können wir Geduld haben und Gott bitten, er wolle unsere Seele schonen.
V. 3. HErr, sei mir gnädig, denn ich bin ich wach; heile mich, HErr, denn meine Gebeine sind erschrocken. Hier steht Gnade und Schwachheit bei einander; David bittet um Zuwendung der Gnade, weil er schwach sei. Und so ist auch der Mensch; erhält ihn Gott nicht, sondern lässt ihn fallen, so wird er zunichte. Ach, wer doch seine Schwachheit von Herzen erkennen könnte! Selig sind die, welche in ihrem Leben und guten Tagen das lernen, und nicht erst auf dem Totenbett es lernen müssen. Denn wenn ein Mensch nicht dahin kommt, dass er seine Nichtigkeit und Schwachheit fühlt, und alle fleischliche Kraft, Vermögen, Weisheit und Herrlichkeit in ihm untergeht, so kann er der göttlichen Gnade nicht teilhaftig werden. Darum spricht der Apostel (2 Kor. 12,9): ich will mich am liebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne.
Heile mich, HErr, denn meine Gebeine sind erschrocken. Die Sünde ist ein tödliches Gift, das Leib und Seele durchdringt; wer kann da heilen außer der göttliche Arzt, Christus unser HErr? Dieser heilt uns durch sein Leiden und Sterben, da wir durch seine Wunden heil geworden sind, durch seinen Heiligen Geist, der uns erneuert und mit seinem Trost unser verwundetes Gewissen heilt, durch sein Wort und Sakrament, daran unser Glaube hängt, und endlich durch seine fröhliche Auferstehung, dadurch er in uns lebt und siegt; davon werden auch unsere erschrockenen Gebeine, die der HErr erschreckt und zerbrochen hat, wieder froh werden.
V. 4. Und meine Seele ist sehr erschrocken. Ach du HErr, wie so lange! Den Schrecken der Seele - wer kann ihn heilen außer der Heilige Geist? Aber das Gebet, Gott wolle uns heilen, kommt nicht in unser Herz, so lange wir noch Trost haben an den Kreaturen und an der Welt. Darum nimmt Gott der Seele oft allen ihren Trost und macht sie voll Schrecken und Betrübnis, auf dass sie sich sehne nach seinem Trost. So wunderbar ordnet Gott all unser Kreuz, es sei leiblich oder geistlich, zu unserem Trost und unserem Besten. Wer nun solch innerliche Schrecken und Seelenangst leidet, der verzage nicht; was schadet's dir, wenn du gleich in solcher Höllenangst bist, so Gott bei dir ist? Dass aber Gott bei dir ist, merkst du daran, dass dich hungert und dürstet nach der Gnade Gottes. Der HErr führt in die Hölle und wieder heraus (1 Sam. 2,6). Aber was hälfe es dir, wenn du gleich in allen Freuden wärst, und Gott wäre nicht bei dir? Die in großer Freude und Wonne dieser Welt ohne Gott leben, die meinen, sie seien glücklich, während sie doch unselig sind, ob sie es auch noch nicht fühlen; aber im Ausgang kommt es zu Tage, wie bei dem reichen Manne. Wenn aber Gott die traurigen Herzen erlöset, so sehen sie, dass sie mitten in der Seelenangst in Gott gewesen sind; denn Gott hat sie erhalten. Doch was ist das auch noch so lange zeitliche Leid einer angefochtenen Seele gegen die ewige Qual der Verdammten? Ach, lieber Gott, schlage hie, brenne hie, züchtige hie und verschone dort und
V. 5. wende dich, HErr, und errette meine Seele; hilf mir um deiner Güte willen. Wenn sich Gott der HErr von einem Menschen abwendet und sich vor ihm verbirgt, so ist das der Seele höchste Traurigkeit, Angst und Pein. Denn wie die Seele des Leibes Leben ist, so ist Gott der Seele Leben. Wenn Gott seine Gnade und seinen Trost entzieht, so ist die Seele in größter Angst und Traurigkeit; denn wenn Gott den Menschen fallen lässt, so kann er nur in Jammer, Elend und Herzeleid geraten; wendet sich aber Gott wieder zu uns, so ist das die Erlösung von allem Elend und Jammer.
Da lerne nun auch den Unterschied, unter Gottes Gnade stehen und sie entbehren müssen. Wenn du Gottes Gnade hast, kannst du fein beten, Gott anrufen, Christum bekennen, kannst glauben und hast ein fröhlich Herz und Geist. Das hältst du wohl für geringe Güter, meinst auch, sie kommen von dir selbst her, und achtest zeitlich Gut und Ehre viel höher; du denkst etwa: o den Glauben, die Liebe Gottes, die Hoffnung, das Gebet, ein fröhlich Herz, das willst du doch wohl bekommen oder hast es bereits, und meinst: hätte ich nur Reichtum, Ehre und Herrlichkeit dieser Welt, das wäre die Hauptsache. Da kommt denn unser HErr Gott und spricht: sieh zu, ich will dir mein Reich mit allen seinen Gütern aus dem Herzen nehmen, und will dich aus dem geistlichen Himmel in die Hölle führen, und will sehen, ob dich alles Zeitliche aus der Hölle erlösen kann, dass du einmal lernst, meine himmlischen Güter und mein Reich hoch achten. Da fängt dann der Jammer an, und du rufst bald mit David: wende dich, HErr, und errette meine Seele. Da kannst du sehen, warum dich Gott in so hohe Anfechtung geraten lässt.
V. 6. Denn im Tode gedenkt man deiner nicht; wer will dir in der Hölle danken? Damit will David sagen: diejenigen, welche Gott in so hohe Todesnot und Höllenangst führt, können nicht recht beten und Gott loben, noch ihm für seine Wohltaten danken, denn sie sind gleichsam geistlich tot. Nun aber sei es Gott dem HErrn viel rühmlicher, dass er die Seelen vom Tod errette, denn dass er sie dem ewigen Tod übergebe, dass er sie aus der Hölle erlöse, denn dass er sie in der Hölle lasse. Einem angefochtenen Menschen tut die Strafe, ja die Höllenpein nicht so weh, als dass er Gott erzürnet hat und dass er Gott sein Lob und seine Ehre nicht geben kann mit den Auserwählten. Aber eben daran, dass es dir herzlich weh tut, wenn du nicht also anzurufen und zu loben im Stande bist, wie du gerne möchtest, daran kannst du merken, dass dich der HErr nicht verstoßen hat. Das ist das kleine Fünklein, das noch in der Seele leuchtet, dass man gerne Gott immer näher kommen möchte mit Beten, Glauben und Anrufen; und dass man es nicht tun kann, das tut einem schmerzlich wehe. Dieses Leiden ist die Stimme des Flehens, das Gott erhöret.
V. 7. Ich bin so müde von Seufzen, ich schwemme mein Bette die ganze Nacht und netze mit meinen Tränen mein Lager. Hier ist beschrieben die innerliche, geistliche Arbeit des Herzens, das da ringt und kämpft mit hohen Anfechtungen. Das ist eine sehr große und schwere Arbeit; weil; aber die Seele aus eigenen Kräften nichts dawider vermag, so muss sie ohne Aufhören seufzen nach der Gnade Gottes, nach Gottes Trost und Erquickung, und weil dieses Seufzen unaufhörlich ist, wird sie darüber matt und kraftlos. Gleichwie man sich gegen leibliche Feinde wehren muss mit leiblichen Kräften, so muss die Seele ihre geistlichen Kräfte daran setzen, wenn sie mit der Hölle und dem Teufel kämpft; weil aber die natürlichen Kräfte hierzu viel zu schwach sind, seufzt die Seele nach Gottes Kraft und Hilfe, und ob die Seele gleich darüber müde wird, so wird doch Gottes Kraft nicht müde, denn seine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Da sehen wir, wie die rechte Buße aus dem innersten Grunde des Herzens gehet; denn dieses heftige Seufzen begreift das ganze Wesen der Buße; - und wie tief das Reich Gottes in unserer Seele ist und in seinem äußerlichen Werk, Schein oder Heuchelei besteht. Der liebe David unterscheidet die äußerlichen, falschen Heucheltränen von den rechten innerlichen Herzenstränen: jene haben ihren Ursprung in leiblichen Dingen, diese aber im Geist, in der rechten Tränenquelle. Das meint hier David, wenn er sagt: ich schwemme mein Bette die ganze Nacht; denn er redet nach dem Geist. Wenn der Geist weint, möchte alles in Tränen zergehen; wenn aber der Geist sich freut in Gott, so ist ihm Himmel und Erde viel zu klein, und kann ihn nichts fassen denn die unendliche Gottheit. Und um zu zeigen, dass seine Tränen nicht Heucheltränen seien, nennt David die Zeit, die Nacht, wenn er allein ist. Denn solche Tränen lassen sich nicht gerne sehen, sie sind Gott am besten bekannt. Die hohen Anfechtungen und die geistliche Traurigkeit plagen die Seelen am allermeisten des Nachts, da man des Trostes wartet von einer Morgenwache bis zur andern. Da kommen dann recht die Tränen, damit man das Bette netzt und schwemmt. Da erkennt man recht, was die Welt ist mit all ihrer Lust, Herrlichkeit und Fröhlichkeit, mit all ihrer Pracht, Weisheit und Vermögen. Denn die Sünde, Hölle, Tod, Zorn Gottes macht es alles zunichte und verzehrt es als Stoppeln.
V. 8. Meine Gestalt ist verfallen vor Trauern und ist alt worden; denn ich allenthalben geängstet werde. Das ist der dritte Grad der hohen, innerlichen, geistlichen Traurigkeit. Schon an uns selbst haben wir ein Beispiel, wie die Sünde unsern Leib zunichte macht, so dass unser Leben ein stetiges Sterben ist; um so mehr geschieht das in hohen geistlichen Anfechtungen, da der Zorn Gottes alle Leibeskräfte zerbricht und das innerste Mark und Gebein durchsucht. Daraus sehen wir, dass es nicht mit lachendem Mund zugeht, rechtschaffene, ernstliche Buße zu tun. Es greift die Herzensbuße Leib und Seele an und alle Kräfte. Und durchsucht und zerbricht deine Sünde deinen Leib, was mag wohl aller Welt Sünde an dem heiligen Leib Christi getan haben? Ängstigen dich deine Sünden allenthalben an Leib und Seele, was muss deinem Erlöser von aller Welt Sünde widerfahren sein? Aber gleichwie deine Sünde deinen Leib zerbricht und zunichte macht, so wird Christi Gerechtigkeit an jenem Tag ihn wieder mit Schönheit und Klarheit überkleiden und ähnlich machen seinem verklärten Leib. Und hat die Sünde eine so große Macht, dich zu peinigen und zu quälen, viel größere Macht hat Christi Gerechtigkeit, sich zu erfreuen, und deren sollst du dich von Herzen trösten.
V. 9. Weichet von mir, alle Übeltäter; denn der HErr hört mein Weinen. Das ist die erste Frucht der wahren Buße, nämlich die Absonderung von den Gottlosen und allen Verächtern Gottes, die der wahren Christen in ihrem Kreuz und Betrübnis spotten, und ebenso von den Heuchlern, von den hohen stolzen Geistern, die ihr ganzes Leben, Dichten und Trachten nur allein richten auf die Dinge dieser Welt. Denn dass David solche Leute hier meint, legt der HErr Christus aus, da er spricht: es werden Viele zu mir sagen an jenem Tag: HErr, HErr! Das sind alle die, welche nur den äußerlichen Schein der Frömmigkeit, Gottseligkeit, Weisheit und Heiligkeit haben; darum spricht der HErr, sie sollen von ihm weichen als Übeltäter. Denn das sind die größten Übeltäter, die unter dem Schein der Heiligkeit und Frömmigkeit nur zeitliche Ruhe, gute Tage, große Ehre und Namen suchen. Darum hüte dich vor Allem, was einen großen Schein vor der Welt hat, oder du wirst betrogen; denn durch wahre Buße muss Alles zunichte werden und untergehen, was hoch, heilig, weise, klug und ansehnlich ist in dieser Welt. Wer hätte das Reich Gottes bei den Propheten, bei den Aposteln, ja bei Christo selbst gesucht? was waren sie für verachtete Leute vor der Welt nach dem äußern Ansehen? Aber in ihren Herzen war der himmlische, ewige Reichtum, Glaube, Liebe, Hoffnung, Demut, Geduld. Solche nennt Christus seine Freunde, Brüder und Kinder.
V. 10. Der HErr höret mein Flehen, mein Gebet nimmt der HErr an. Erhörung des Gebets, das ist die andere Frucht der wahren Buße. Da blickt der Glaube wieder hervor, der zuerst tief verborgen war. Hier können wir lernen, dass kein unbußfertiges Gebet erhört wird. Es muss Alles, was Gott gefallen soll, aus wahrer Buße, aus dem Glauben, aus der Liebe, aus der Furcht Gottes gehen. Es haben dir der Hoffärtigen Gebete noch nie gefallen, aber allezeit hat dir gefallen der Elenden und Demütigen Gebet, sagt die fromme Judith (9,13).
Wird aber gefragt, woran ein bußfertiges Herz es merken kann, dass sein Gebet erhört ist, so ist die Antwort: an der gnädigen Zusage und Verheißung Gottes, die gewiss, wahrhaftig, untrüglich und ewig ist.
Und findest du auch noch keinen Trost und kein Zeichen in deinem Herzen, sieh nicht auf dein Herz und Sinn, auf dein Fühlen und Empfinden, sondern sieh auf den Mund Gottes, der da spricht, dass er der Verlassenen Gebet nicht verschmäht (Ps. 102,18). Das lass dir gewisser sein als dein eigenes Herz und Sinn. Ist aber die Stunde der Traurigkeit einmal vorüber, so kommt Gott mit seinem Trost und erfreut Seele, Geist und Leib. Das ist dann die Antwort Gottes, dass er unser Gebet in unserem Elende lange zuvor erhört habe. Und das soll unsere Freude und Leben sein.
V. 11. Es müssen alle meine Feinde zu Schanden werden und sehr erschrecken, sich zurückkehren und zu Schanden werden plötzlich. Die dritte Frucht der wahren Buße ist der Sieg über die Feinde. Das ist ein wunderlicher Handel, dass Buße und Gebet sein soll der Sieg über unsere Feinde; wie mag das zugehen? Weil durch Unbußfertigkeit der Zorn Gottes erweckt wird, dass Gott sein Heer ausschickt wider uns, so muss auch die Abwendung der Strafe durch wahre Buße geschehen, und die Ursache der Strafe erst hinweggenommen werden. Derjenige muss die Feinde abwenden und stillen, der sie erweckt hat; darum hilft hier kein Mittel, wenn nicht wahre Buße zum Grund gelegt wird.
Hat aber Gott das bußfertige Gebet erhört, so müssen die Feinde zu Schanden werden; denn sie tun Alles aus Hoffart und Hochmut wider Christum, und daraus kann nichts anderes als Schande folgen. Und weil sie mit ihrer großen Gewalt drohen, muss sie Gott mit Schrecken schlagen. Auf den Schrecken aber folgt die Flucht. Das böse Gewissen flieht und ist allezeit flüchtig und kommt doch in der Flucht um. Dass aber die Feinde zu Schanden werden plötzlich, das ist Gottes Meisterstück. Daran die Feinde lange gearbeitet, geratschlagt, List und Gewalt gebraucht, das macht Gott plötzlich in einem Augenblick zunichte. Gott lässt erst die Hoffärtigen fein ausprahlen und triumphieren, aber in einem Augenblick macht er alle menschliche Gewalt zunichte mit einem einzigen Schrecken, alle irdische Weisheit zur Torheit, alle irdische Freude zur Traurigkeit, alle Hoffart und Pracht zur Schande. So heißt es denn: alles Fleisch ist Heu und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Heu verdorrt, die Blume verwelkt; aber das Wort unseres Gottes bleibet ewiglich (Jes. 40,6.8). Amen.
Wir danken dir, HErr JEsu Christe, dass du uns aus unserer schweren Anfechtung und Höllenangst so gnädig geholfen hast, dass wir nun gewiss sind, dass uns alle unsere Sünden vergeben, und dass wir Kinder und Erben der ewigen Seligkeit sind. Erhalte, o lieber HErr, und bestätige solchen Glauben und Trost in unseren Herzen und lass uns nimmermehr aus deinen Händen fallen. Gib uns auch deinen heiligen Geist und einen fröhlichen Mut und ein frisches Herz, dass wir in aller Anfechtung dem Teufel und allen Feinden durch dein Wort und Wahrheit begegnen können, und wir im Leben und im Tod allezeit in dir und durch dich wider sie den Sieg behalten, und sie alle an uns gleichwie an allen deinen andern Gläubigen zu Schanden werden müssen. Amen! HErr JEsu! Amen.