Römer 11,34
Andachten
Wer hat des Herrn Sinn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen?
Wer den Herrn wahrhaft gefunden hat, der gelangt auch dazu seine Ratschlüsse zu verstehen. Nicht als ob der Fromme besser als ein Anderer wüsste, was nach der Weisheit Gottes in diesem oder jenem einzelnen Fall geschehen wird: in dieser Hinsicht sind vielmehr die Wege des Herrn noch jetzt ebenso unerforschlich, als sie es von Anbeginn waren; und Niemand weiß besser, wie notwendig die menschliche Unwissenheit in diesem Stück sei, als der, welcher die höchsten Vorstellungen von der göttlichen Weisheit hat. Eine bestimmtere Voraussicht der Zukunft war zwar oft eine Gabe der ausgezeichneten Diener Gottes; aber man kann sagen, dass sie ihnen nicht zukomme als den Frömmsten, sondern als den Klügsten ihrer Zeit. Und wie offenherzig bekennt nicht des Menschen Sohn selbst, dass er Vieles, was seine großen Angelegenheiten betraf, nicht wisse, und dass es dem Vater allein gegeben sei, Tag und Stunde zu bestimmen. Das aber wusste er mit unumstößlicher Gewissheit, dass der Glaube die Welt besiegen, dass die Guten das Böse aus dem Wege räumen, dass Wahrheit und Gerechtigkeit sich ausbreiten würden auf Erden. Dieser Glaube ist einem Jeden eigen, der den Herrn gefunden hat; von dieser allgemeinen Fortschreitung zum Besseren so überzeugt sein, dass wir Alles, was in der Welt geschieht, als ein Mittel dazu ansehen, wie wenig es auch oft als ein solches erscheine, das heißt die Wege des Herrn verstehen. Andere mögen frevelhafter oder zaghafter Weise zweifeln, ob es überhaupt besser werde in der Welt, und je nachdem sie es glauben oder nicht, mögen sie mit mehr oder weniger Lust und Liebe ihre Pflichten erfüllen; Andere mögen sich mit ganzem Herzen an diesen oder jenen gutgemeinten Entwurf, an eine auffallende Begebenheit hängen, wovon sie einen plötzlichen großen Fortschritt zum Ziele der Vollkommenheit hoffen, und je nachdem ihre Erwartungen befriedigt oder getäuscht werden, mag Wohlwollen und Gleichgültigkeit gegen die Welt, Eifer und Untätigkeit in ihrem Berufskreise, Freude und Widerwillen an der menschlichen Natur sich in stürmischem Wechsel in ihrem Herzen hin und her drängen: der den Herrn gefunden hat, ist von diesen leidenschaftlichen Bewegungen frei; auch hierüber ist er ruhig und heiter immerdar. Die Zuversicht, dass es besser wird, verlässt ihn nie: denn sie ist einerlei mit dem Glauben an die ewige Kraft und Weisheit, die er gefunden hat. Nie unterbricht die Besorgnis, dass Alles vergeblich sei, seine pflichtmäßige Tätigkeit, denn er hat das Gesetz des göttlichen Willens gefunden, dass es nur durch das Gutestun besser wird. Nie wird seine hoffnungsvolle Zuneigung gestört zu der Welt, in deren Führung er überall die Spuren einer solchen Weisheit findet; nie beurteilt er das Ganze nach dem Blick, der ihm jetzt eben über irgendeinen einzelnen Teil vergönnt ist; denn er weiß, dass der Herr nicht hier oder da, sondern nur überall zu finden ist. Nie hängt er sein Herz an eine einzelne Veränderung, dass er von ihr das Heil der Welt erwarten sollte; sein Gemüt wird weder von überspannten Hoffnungen beunruhigt, noch von gescheiterten Erwartungen seines inneren Friedens beraubt, denn er kennt den ewigen Ratschluss Gottes, dass das Gute nur durch dasjenige gefördert wird, was um des Guten willen geschieht, und dass alles Andere zu jenem Wesen der Welt gehört, welches vergehet. Das ist die Gelassenheit, die durch kein menschliches Streben und Tun, durch keinen unerwarteten Wechsel in der äußeren Gestalt der Dinge bewegt wird; das ist die felsenfeste Ruhe, die keine leidenschaftliche Schwärmerei für dies und jenes Unternehmen zulässt, sondern Allem, was geschieht, mit dem im Voraus gefällten Urteil zusteht: Was daran von Gott ist, aus einer reinen Gesinnung, aus einem wahrhaft göttlichen Geist entsprungen, das wird bestehen, und das Andere wird von selbst zerfallen (Apostelg. 5, 38. 39). Diese Zuversicht aber ist nicht nur ein auf die Zukunft gerichteter Glaube; sie ist dabei auch ein Schauen dessen, was bereits da ist. Denn wer da glaubt, dass das Reich Gottes kommen wird, der muss auch wissen, dass es bereits da ist, wenn es gleich kleiner und unvollkommener erscheint. So geht der Fromme hin, alle Tage seines Lebens den Herrn suchend und findend. Es ist nicht ein Geschäft, welches er auf einmal verbrächte, sondern ein solches, welches sich beständig erneuert und worin er es zu einer immer größeren Vollkommenheit bringt. Immer sicherer und reiner wird seine Luft an der allein weisen Regierung des Höchsten, und so wird auch der darauf beruhende eigentümliche Friede seines Herzens immer fester gegründet. (Friedrich Schleiermacher)