Johannes 4,36
Andachten
“Wer da schneidet, der empfängt Lohn, und sammelt Frucht zum ewigen Leben, auf dass sich mit einander freuen, der da sät und der da schneidet.“
Das sagt der Heiland zu den Jüngern, als Er die Samariter schon von fern her über die Fruchtfelder zu Ihm her laufen sieht. Sie, die Jünger, sagt Er, dürfen einmal einsammeln, was Er säte. Wenn aber die Zeit kommt, dass die Leute so laufen, wie damals die Samariter, und zwar von aller Welt her laufen, was wird's dann sein! Da gibt's dann eine große Erntezeit mit viel Arbeit, auf die aber auch die Erntefreude folgt für den Heiland wie für die Seinen, wenn die Erlösung vollendet ist. Zuerst aber mussten die Jünger den Leuten nachgehen und hat's geheißen: „Gehet hin in alle Welt!“ Wenn aber einmal die Zeit kommt, da an die Leute der Befehl ergeht: „Lauft her aus aller Welt!“ - dann ist's schöne Zeit. So lang der HErr nur uns sagen muss: „Gehet hin!“ da werfen sie Einem die Steine nach; aber wenn er umgekehrt zu den Leuten sagt: „Kommt her!“ da geht's dann besser. Nun damals sind dem Heiland ein paar Garben zugefallen, und es kommt einmal die Zeit, da werden die reifen Garben auch uns zufallen für Ihn; und auf die Zeit freuen wir uns. Das ist dann die große Adventszeit, in welcher der HErr den Menschen wird nahe kommen, aber auch die Menschen Ihm; und dann ist auch der Lag Seiner Wiederkunft bald vorhanden, da die große Erntefreude beginnt, und Himmel und Erde jauchzen wird über der großen Barmherzigkeit, die aller Kreatur widerfahren ist. (Christoph Blumhardt)
Und wer da schneidet, der empfängt Lohn und sammelt Frucht zum ewigen Leben, auf dass sich mit einander freuen, der da sät, und der da schneidet. Denn hier ist der Spruch wahr: dieser sät, der andere schneidet.
Wenn in der Welt der Eine sät und ein Andrer erntet, so empfinden das ihre Kinder sehr schmerzlich und beklagen sich darüber als über eine Ungerechtigkeit, die ihnen vom Schicksal zugefügt werde. Sie haben eben mit ihrer Arbeit nicht an Andre, sondern an sich gedacht, und die Güter, nach welchen sie streben, sind der Art, dass sie sich in demselben Maße vermindern, als die Zahl ihrer Teilhaber wächst. Wenn Jemand den Grund zu einem Werke legt, welches einen reichlichen Gewinn an zeitlichen Gütern verspricht, und spart dabei weder Geld, noch Zeit noch Mühe, er wird aber, setzen wir den Fall, grade, als nun seine Opfer reichlichen Lohn bringen sollen, von einem Andern verdrängt, und derselbe pflückt die Früchte, welche Jener so mühsam gepflanzt und gepflegt, während er selber in Armut und mit gebrochener Kraft zusehen muss, wie seine Arbeit einem Andern zu Gute kommt, welcher dafür doch wenig oder Nichts getan, so ist dies deshalb so bitter, weil die Absicht des Gründers verfehlt ist und wenn auch sein Werk gelungen, er selber doch keinen Nutzen davon gehabt hat. Im Reiche Gottes aber handelt es sich um andre Güter, um Güter, welche um desto herrlicher und reicher werden, je mehr der Teilhaber sind, um Güter, welche ein Jeder voll und ganz besitzen kann, ohne dass ein Andrer dadurch irgend beeinträchtigt werde, gleichwie das Licht der lieben Sonne von Millionen genossen wird, und deshalb nicht weniger hell und warm scheint, auch wenn noch andre Millionen dazu kommen. Im Reiche Gottes waltet auch ein andrer Sinn. Hier waltet die Liebe und nicht der Eigennutz. Hier wird gesät, begossen und geerntet, um Andern zu dienen, um auch Andre an demselben Glück Teil nehmen zu lassen, welches jeder Arbeiter in sich schon besitzt. Hier sind deshalb solche Enttäuschungen, wie sie in der Welt so häufig sind, nicht möglich, weil ein Jeder schon hat, was er braucht, und weil man nicht seinen, sondern Andrer Gewinn im Auge hat. Aber wenn nun eben dieser letztere ausbleibt, den man doch so sehnlich wünscht, wie dann? Ist das nicht auch ein Schmerz?
Gewiss, und ein tiefer. Es ist die Trauer eines Vaters über einen auf törichtem und sündlichem Wege wandelnden Sohn, der Schmerz über verkannte und zurückgestoßene aufopfernde Liebe. Aber es bleibt der Trost, dass unsere Arbeit in dem Herrn doch nicht vergeblich gewesen zu sein braucht. Vielleicht hat uns der Herr nur als Säeleute gebraucht, und der Schnitter soll später kommen. Vielleicht haben wir nur die Gabe, zu säen, aber nicht auch die Gabe, zu ernten. Aber was tut es, wenn wir auch nicht schneiden, wenn nur überhaupt geerntet wird? Nicht um unsertwillen arbeiten wir ja, sondern um Andrer willen. Unsre Freude wird daher nicht geringer sein, wenn Andre in unsere Arbeit kommen und sie vollenden und schneiden dürfen, da wo wir gesät haben; wir sehen unsere Absicht erreicht, unsern Wunsch erfüllt. Wenn wir nun ernten, wo wir nicht gesät haben, so möge uns dies desto mehr demütigen, säen wir aber, ohne zu ernten, so wollen wir deshalb nicht verzagen, und ist es uns vergönnt, zu säen und zu ernten, so müssen wir dies als eine doppelte Gnade mit desto tieferer Beschämung dankbar entgegen nehmen. (Anton Camillo Bertoldy)