Psalm 77,12
Andachten
Darum gedenke ich an die Taten des Herrn, ja ich gedenke an deine vorigen Wunder, und rede von allen deinen Werken, und sage von deinem Tun: Gott, dein Weg ist heilig. Wo ist so ein mächtiger Gott, als du, Gott, bist? Du bist der Gott, der Wunder tut; du hast deine Macht bewiesen unter den Völkern. Du hast dein Volk erlöst gewaltig, die Kinder Jakobs und Josephs. Sela.
In der Geschichte des verlorenen Sohnes bahnte das Wort „da schlug er in sich“ einen vollständigen Umschwung an; während vorher Sünde und Not des Menschen im Vordergrund stund, ist es nun des Geistes erneuerndes Wirken und des Vaters unendliche Liebe.
Einen ähnlichen Umschwung brachte das unserem Text vorangehende Wort: „Ich muss das leiden.“ Assaph schaut nun auf Gott, und das bisher sich allein geltend machende Ich mit seinen Ansprüchen, Zweifeln und seiner Trostlosigkeit ist gründlich unter das Anschauen des majestätischen Gottes und seiner Wunder in alter und neuer Zeit zurückgedrängt. Selbsterkenntnis ist die erste Stufe zur rechten Gotteserkenntnis. Ist der Star nicht geschnitten, so dringt kein Lichtstrahl aus der Höhe ins Auge und der Mensch bleibt in Finsternis. Das Leiden allein weist nicht himmelwärts; es weckt nur die bangen Fragen: woher? wozu? wie lange? Aber wer sich unter dasselbe beugt und schuldbewusst fragt: woher, lieber Gast? dem antwortet es: vom Himmel! und wer dann fragt: wohin, lieber Gast? dem sagt es: zum Himmel!
Assaph sah nicht zunächst die Barmherzigkeit Gottes; es trat ihm seine Heiligkeit vors Auge. „Gott, dein Weg ist heilig“ das lehrte ihn die schmerzliche Erkenntnis, dass eigenes Verschulden ihm solches Läuterungsfeuer zugezogen hat. Ja, in den Leidenszeiten erkennt der Mensch Gottes Heiligkeit. Vergesse das niemand: Wer nie erbebte vor dem Zorne Gottes, wird nie das Lied des Lammes im höchsten Chore singen können. Gottes Zorn ist wie ein heiliges Feuer, das schonungslos das dürre Reisig an unserem Lebensbaume ausbrennt. Wohl dem, der es bedenkt!
Weiter schaut Assaph die Allmacht in den Wundern Gottes. Aber das Wunder aller Wunder ist die Erlösung, die Gott seinen Kindern zu Teil werden lässt. Hat die Heiligkeit die Sünde als Schuld gezeigt, so deckt die Barmherzigkeit sie zu und befreit von ihrer umstrickenden Macht. Der Israel gewaltig aus Ägyptens Knechtschaft errettete, ist in Jesus Christus der ganzen Menschheit Erlöser geworden. Halleluja!
Heiliger, wunderbarer, barmherziger Gott! Hast du alle errettet, so bin auch ich erlöst, so sind meine Bande zerrissen und ist meine Schuld bezahlt. Mache dies täglich wahr und befreie mich von dem Hochmut, der nicht leiden will. Ehe ich gedemütigt ward, irrte ich, nun aber gib mir Kraft, zu halten dein Wort! Amen. (Rudolf Wenger)
Darum gedenke ich an die Taten des Herrn, ja ich gedenke an deine vorigen Wunder.
Es gibt eine nützliche Betrachtung ab, von Zeit zu Zeit seine mancherlei gemachten Erfahrungen zu überschauen; besonders aber bleibt die erstmalige Ausgießung der Liebe Gottes ins Herz fürs ganze Leben unvergesslich, und wie Manche haben sich, wie billig, Tag und Stunde bemerkt, wo sie dieses Glücks teilhaftig geworden sind. Das Andenken an diese Erfahrung ist nicht selten ein gesegnetes Mittel, die Seele auch in der Wüste zu ermuntern. Man wird den Seefahrern ähnlich, welche, an die Auftritte des Meeres gewohnt, durch einen Sturm nicht so sehr in Schrecken gesetzt werden, weil sie schon manchen überstanden haben. Jedoch ist's auch wahr, dass, wie die Kinder Israel des Nachts das Schilfmeer nicht sahen, was ihnen doch so nahe lag, und wie es an Speise mangelte, eben so ungläubig waren, wie sonst: so vergisst man auch wohl aller erfahrenen Durchhilfe, kann sich damit nicht trösten, oder die Umstände kommen einem so neu, so unerwartet und schwer vor, dass man Steuer und Ruder verliert, und sich über nichts besinnen kann. (Gottfried Daniel Krummacher)