1. Korinther 2,1
Andachten
Und ich, liebe Brüder, da ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder Weisheit, euch zu verkündigen die göttliche Predigt; denn ich hielt mich nicht dafür, dass ich etwas wüsste unter euch, ohne allein Jesum Christum, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch mit Schwachheit und mit Furcht und mit großem Zittern.
Den Wert hoher und weislicher Rede für die Förderung des Reiches Gottes achtet Paulus nicht groß; sie kann wohl menschlich begeistern, aber nicht göttlich erneuern. Er selber wartete in Korinth mit Schwachheit, mit Furcht und großem Zittern seines Amtes. Warum war es aber also bei seiner reichen Amtserfahrung, seiner hohen, natürlichen Begabung und seiner Geisterfüllung? Er war sich der Verantwortung und der großen Aufgabe bewusst, denn er hatte das wichtigste Thema zu behandeln, das Himmel und Erde kennt: nicht Christum, als Vorbild, sondern Christum, den Gekreuzigten. Diese Predigt deckt die Sündhaftigkeit des Menschenherzens auf und redet von des Gesetzes unerbittlicher und ungesühnter Forderung, verkündigt den Nat der ewigen Liebe und dessen Erfüllung in der Sendung des Sohnes, führt in die Leidenswege nach Gethsemane, durch die Verurteilung, Verhöhnung und Geißelung auf den Schmerzensweg nach Golgatha; sie schildert die große Qual, die Christus an unsrer statt getragen hat, und seine noch größere Liebe; sie predigt die freie Gnade für die Verlorenen, wenn sie nur zum Gekreuzigten kommen und sich das Heil schenken lassen! Von der Annahme oder Verwerfung solcher Predigt hängt des Menschen Heil ab, und wie Christus, der Gekreuzigte, der Wendepunkt der Weltgeschichte geworden ist, soll er es auch sein für jedes Menschenleben. Die vielen Nachbildungen des Kreuzes in Holz oder Stein, in Silber oder Gold sind Fingerzeige zu dem Lamme Gottes, das am Kreuz hing, Weckrufe für den Sünder, aber auch Stimmen der Warnung vor dem ewigen Verlorengehen.
Würden wir uns alle in rechter Weise zum Kreuze Christi verhalten! Etliche gehen sorgfältig daran herum, sie könnens nicht entbehren und wagen doch nicht, es zu erfassen; etliche bleiben vor ihm stehen und blicken in Angststunden hin; etliche fallen bußfertig vor ihm auf ihr Angesicht und bitten um Vergebung. Wer das recht übt, der soll noch das vierte tun: Christi Kreuz in sich aufrichten, als stetes Gericht über den alten und als Heilskraft für den neuen Menschen und Pfand des vollen Sieges. Meine Seele, welche Stellung nimmst du zum Kreuze ein?
Herr Jesu Christ, wenn auch dein Kreuz manchem ein Ärgernis und eine Torheit ist, so lass es doch uns ein Kleinod sein, das alles überstrahlt. Richte es in unsren Herzen auf, dass der alte Mensch daran sterbe und der neue lebe. Schenke allen Predigern die einfache Kreuzespredigt mit Schwachheit und Zittern, aber in Beweisung der Gotteskraft! Amen. (Rudolf Wenger)