Apostelgeschichte 17,27
Andachten
Und zwar ist Er nicht ferne von einem jeglichen unter uns.
Gott ist uns nicht fern, Er ist uns nahe, ja Er ist der Allernächste, Er ist uns so nahe, wie unser eigenes Leben ist, und wir würden Ihn nicht verloren haben, wenn wir uns nicht selbst verloren hätten an den Trug der Lüge, in die Nacht der Sünde, in den Dienst des Fleisches und der Eitelkeit. Das ist der furchtbare, schreckliche Zwiespalt in uns, der entweder muss gehoben werden, oder der endlich zu einem nagenden Wurm wird, der nicht stirbt, zum brennenden Feuer, das nicht erlöscht. Ja Gott ist uns nahe, nach Seinem innersten, unveränderlichen Wesen, das lauter herablassende, mitteilende Liebe ist. Er ist nicht der unendlich Ferne, den wir nicht erreichen, zu dem wir uns nicht erheben können, sondern Er ist der nahe, Sich unaufhörlich mitteilende Gott. Er hat nur Seine Wege mit dem Menschen geändert, als sie Ihn verließen, aber nicht Sein Herz gegen sie, und ist mit ihnen vereinigt geblieben als ihr Lebenselement, und wer Ihn gesucht hat, der hat Ihn auch gefunden, der hat es erfahren, dass Er ein Helfer und Vergelter ist aller derer, die Ihn suchen, eben indem Er Sich von ihnen finden lässt als der Gott der Hilfe und des Heils, des Friedens und der Freude, des Lichts und des Lebens, in dessen Gemeinschaft der Mensch sagen kann: sei nur zufrieden, meine Seele! (Friedrich Mallet)
Gott ist nicht ferne von einem Jeglichen unter uns; denn in Ihm leben, weben und sind wir.
Als der Apostel Paulus nach Athen gekommen war, da hatten die Einen ihren Spott mit ihm: Was will dieser Lotterbube? Andere aber kamen neugierig herzu, um irgend ein geistreiches, philosophisches System zu vernehmen, das ihnen noch unbekannt. Aber der Apostel, voll Kraft und Macht des heiligen Geistes, damit er ausgerüstet war von Gott, redete ihnen nicht nach dem Munde, sondern schalt ihren Unglauben und Aberglauben und predigte das Evangelium von dem Heilande Jesu Christo und von der Erfüllung des Gesetzes durch Ihn. Und die Forderung Gottes, diesem Seinem lieben Sohne, dem Er das Gericht übergeben hat, zu folgen und zu gehorchen, ist keine, die wir übersehen und gering achten können. Gott sieht uns, Er kennt die Gedanken unseres Herzens, Er ist uns nahe aller Orten. Das soll uns nur anspornen, immer so zu wandeln, wie vor Seinem heiligen Angesichte! Ach wie betrübt sich meine Seele, wenn ich den Gedanken so recht erfasse. Vor einem Gewaltigen dieser Erde, vor einem Fürsten und Herrn, da habe ich mich wohl gescheut, dies und das zu reden, da habe ich ängstlich gesorgt, in reinen, fleckenlosen Kleidern zu erscheinen, aber habe ich auch das Kleid der Seele rein behalten vor dem Herrn Herrn? Habe ich das Herz nicht oft befleckt mit sündlicher Begier und sinnlicher Lust? Bin ich es mir immer bewusst gewesen, dass der Herr um mich ist, auch wenn kein menschlich Auge mich sah?
Herr, barmherziger Gott, ich fühle es, ich bekenne es vor Dir, wie mannigfach ich gefehlt habe, wie schwer ich mich gegen Dich versündigt habe. Aber sei Du mein Helfer, sei Du mein Beistand! Auf Dich will ich hoffen, - Dir will ich vertrauen! Amen! (Burghard von Cramm)
(Die Menschen sind auf den Erdboden gelegt) dass sie den Herrn suchen sollten, ob sie doch ihn fühlen und finden möchten.
Wer sich Tag um Tag Notizen darüber gemacht hat, was ihm während des verflossenen Jahres Alles begegnet ist und was er Alles erlebt hat, der wird, wenn er's heute einmal durchsehen will, ein gar buntes Durcheinander finden. Von Geschäften aller Art, häuslichen Leiden, erfüllten Hoffnungen, schmerzlichen Todesfällen, Hochzeiten und allerlei Freudenfesten, von vergeblichen Arbeiten, Dienstbotennöten, von erwünschtem und unerwünschtem Besuch, von Zahnweh und allerlei Wehleides und der Seele, von kleinen Ausspannungen und großen Verdrießlichkeiten, von Liebe und Undank der Menschen, von Konzerten, Kirchgängen, Ehrenbezeugungen, Sorgen um die Kinder, bitteren Demütigungen, Verlusten usw. usw. wird er da ein ellenlanges Register finden. Dies wirre Durcheinander, worin man doch zugleich ein monotones, gleichmäßiges Wellenschlagen spürt, ist das Bild des durchlebten Jahres, ja im Ganzen aller durchlebten Jahre.
Da kommt Einem nun billig die Frage: Was soll denn das Alles? Was ist der Zweck von all diesem Arbeiten, Ruhen, Rennen, Laufen, Lachen, Weinen, Hoffen, Enttäuscht werden, Lieben, Leiden, Lernen, Verlernen, Gewinnen, Verlieren? Warum sind wir eigentlich in der Welt?
Man sollte meinen, keine Frage liege näher als diese und zumal am Sylvester könne kein Mensch daran vorbei. Dennoch, wie unglaublich es ist, so ist es doch wahr, dass unzählige Menschen sich diese Frage niemals stellen. Sie träumen so stumpfsinnig ihr Leben hin, tun, was getan werden muss, genießen, was sich ihnen zum Genuss darreicht. Geht Alles bequem, so sind sie behaglich, geht's schwer, so machen sie ein düsteres Gesicht. Andere scheinen zu glauben, dass der Zweck des Lebens sei, „die uns verliehene Zeit zu vertreiben“, wie man einen Feind vertreibt. Sind die Stunden lustig und schnell hingeflogen, haben sie sich „die Zeit wundervoll vertrieben“, dann sind sie ganz zufrieden. Fehlt's an Zeitvertreib, so langweilen sie sich und andere Leute noch dazu. Mit der Uhr in der Hand schauen sie missmutig dem langsam hintreibenden Zeitstrom zu und warten auf Wellen, die ihnen Zeitvertreib bringen. - Andere arbeiten und schaffen unermüdlich im Schweiße ihres Angesichtes um allerlei irdischer Ziele willen. Reich zu werden, um Macht zu haben, reich zu werden, um dann ungestört genießen zu können, Ehre, Lob und Ansehen von den Menschen zu nehmen, eins von diesen Stücken, ober auch alle zugleich zu erwerben, ist ihr Lebensideal. Die Einen von diesen schauen verbittert dem Strom der Zeit nach; sie haben trotz allem Ringen doch ihr Ziel nicht erreicht.
Andere haben erreicht, was sie wollten, und nun sehen sie, dass sie dennoch unbefriedigt, arm und leer sind im Herzensgrund. Aber, es sei damit wie es sei, jedenfalls kann das Leben nicht seinen Zweck in sich selber haben. Paulus, da er auf den Areopag in Athen vor den gebildetsten Menschen der Erde redete, - vor den Gliedern des Volkes, das am fleißigsten gesucht und am glücklichsten gefunden hatte, vor den Gliedern des Volkes, das so hohe irdische Ziele erreicht hatte wie kein anderes, das auch eine glänzende Gabe zum Genließen hatte, unter einem ewig heiteren Himmel, umgeben von einer lachenden Natur und von aller Herrlichkeit menschlicher Kunst, ich sage, Paulus wagt es auch vor dieser Versammlung als den eigentlichen Zweck des Lebens der Menschen auszusprechen: dass sie „den Herrn suchen sollen, ob sie wohl ihn fühlen und finden möchten.“ Damit gibt er zu verstehen, dass auch das glänzendste, tätigste Leben so lange ein verfehltes sei, bis der Mensch mit dem persönlichen Gott persönliche Fühlung gewonnen und Ihn als seinen Gott gefunden habe.
Wie steht es nun darin mit dir, lieber Leser? hast du in deinem vergangenen Leben, hast du auch in dem Jahr, das wir heute beschließen, Gott gesucht und gefunden? Verstecke dich nicht dahinter, dass Gott ja unsichtbar, du aber ein sinnliches Wesen seiest und also Gott nicht finden könnest. Das sind nur unnoble und unlautere Ausflüchte. Frage dich lieber, (denn das wird ehrlicher sein): Gab es je in meinem Leben eine Zeit, wo ich wirklich darüber aus war, Gott zu fühlen und zu finden? Gab es eine Zeit, wo ich mit dem ernsten Willen, mit der heiligen Energie, die einer so großen Sache würdig sind, alle meine andern Pläne und Arbeiten von diesem einen höchsten Projekt beherrschen ließ: Ich will und muss Gott finden? Gab es eine Periode, wo du oft mit Gott allein warst, um mit ihm allein zu reden, und wo du Alles, Alles wegzuräumen bemüht warst, wovon du ahntest, dass es das Fühlen und Finden Gottes erschweren könnte?
O ja, ich weiß wohl, deren sind Wenige, die schlankweg erklären, dass sie mit Gott ein für allemal nichts zu tun haben wollten. Deren sind Wenige, die nicht manchmal gute Vorsätze und Ansätze nehmen. Aber sie bringen nicht durch. Bald hört man: „Es fehlt an Zeit!“ Die wunderlichen Leute! es fehlt ihnen doch nicht an Zeit zum Atmen. Sie sollten lieber sagen, es fehlt an Ewigkeit; die ewigen Bedürfnisse schlafen noch in uns. - Andere dringen tiefer ein, aber sie kehren um, da sie Gott näher kommen. Sie merken, dass Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis, Selbsterkenntnis und Selbstgericht, ja eine reelle Lösung von dem eigenen Ich, ineinander fallen. Und davor graut ihnen.
Und doch ist das grade der Anfang aller wahren Gemeinschaft mit Gott, dass wir vor Gott total zu Nichte werden; denn nicht eher kann sich uns die Herrlichkeit und liebe Gottes in Christo Jesu enthüllen, bis wir in uns zu Schanden und vor Gott zu Bettlern geworden sind. Dann nur fahren wir im Frieden hin aus der Zeit in die Ewigkeit oder auch aus dem alten ins neue Jahr, wenn wir, wie jener alte Simeon, Gott in dem Menschenkind Jesus erschauet haben. Das ganze Leben ist ja ein unaufhörliches Suchen, Finden und wiederum Verlieren; so geht's immer aufs Neue weiter und das ist ein trostlos Ding. Kein Verlust folgt aber mehr, wenn wir die eigene Seele verloren und Gott als unsern Vater gefunden haben; denn in Ihm haben wir alles und in Ihm wird auch der Verlust zum Gewinn.
Schatz von ew'gem Wert,
Schatz von Gott geehrt,
Ach, zu oft durch Lust und Sorgen
Vor des Menschen Blick verborgen,
Sei du mein Gewinn,
Sonst fahr' Alles hin. (Otto Funcke)
Der Herr ist nicht ferne von einem jeglichen unter uns, denn in Ihm leben wir.
Sobald wir aus Gott geboren sind und also Leben aus Gott in uns ist, senkt sich der Himmel hinein in unsere Seele, und wir besitzen tatsächlich eine ganz direkte Verbindung mit dem Himmel und mit dem Herrn, der Seine Wohnung, den Ort Seiner sichtbaren Herrlichkeit, im Himmel hat. Mag nun die Stätte der unmittelbaren Offenbarung Gottes auch Millionen und aber Millionen Stunden von uns entfernt sein, das tut nichts dazu und nichts davon und kommt hier gar nicht in Betracht. Der im Himmel wohnende Christus wohnt auch in uns, Raum und Zeit hören da völlig auf. Wo der Geist des Herrn ist, da dehnt sich Sein Himmel aus, da kann Er ruhen und wirken, und da wird Er empfunden und genossen. Der hohe und erhabene Herr sieht die innerste Regung unseres Willens und hört den leisesten Gedanken unseres Herzens; Er durchwohnt und durchschaut die Ihm verbundenen Seelen, und weil sie als aus Gott geboren in Ihm sind, so haben sie stets freien, offenen Zugang zu Seinem Gnadenthron. Christi Glieder senden ihre Bitten empor, und sie erreichen Gottes Herz ganz sicher, denn sie sind in Christus, und der Herr spricht Sein Amen im Himmel, Sein Amen der Taten und der Segnungen. Sie erlangen und empfangen das Erbetene auf demselben Wege, auf dem ihre Bitten emporgestiegen sind. Jesus, das verklärte Haupt im Himmel, steht mit Seinen geheiligten Gliedern auf Erden in inniger Verbindung. Auf dieser realen Gemeinschaft mit Gott beruht die Heiligung, und diese Gemeinschaft kann bei allen stattfinden, die aus Gott geboren sind. (Markus Hauser)