Johannes 8,10
Andachten
Jesus aber richtete sich auf; und da er niemand sah, denn das Weib, sprach er zu ihr: Weib, wo sind sie, deine Verkläger? Hat dich niemand verdammt? Sie aber sprach: Herr, niemand. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin, und sündige hinfort nicht mehr.
Das Erbarmen Jesu, wer kann es aussprechen! Hier hat er eine verworfene Kreatur, eine Ehebrecherin vor sich, umringt von Anklägern, ein Weib, auf welches die ganze Welt Steine werfen möchte. Es war nicht der Hass gegen die Sünde, was die Ankläger jenes Weibes eigentlich trieb, sie vor Jesum zu führen. Es war zuerst eine boshafte Schadenfreude; wie gerne ertappt man einen Andern über einer Sünde, um sie ihm dann bei Gelegenheit vorhalten zu können! Es war aber auch eine Schlinge, welche jene Herren dem Heiland selber letzten. Ihre Frage: Moses hat uns im Gesetz geboten, solche zu steinigen, was sagst du? war wieder solch' eine Galgenfrage, womit jene Heuchler den Herrn oft zu fangen suchten. Hätte er gesagt: Ja, steinigt sie, so hätten sie ihm die römische Gerichtsbarkeit auf den Hals gebracht, da die Juden zu jener Zeit nicht mehr das Recht der Todesstrafe hatten. Hinwiederum, hätte er gesagt: Lasst sie gehen, so hätten alle triumphierend geschrien: Christus ist ein Sündendiener. Aber Jesus hatte etwas Anderes im Herzen, als den Vorsatz, jenen Anklägern Rede und Antwort zu stehen. Er sah sie gar nicht an, so niederträchtig kamen sie ihm vor, sondern schrieb gleichgültig mit dem Finger auf die Erde. Als sie aber ihre spitzfindige Frage wiederholten, jagte er ihnen ein Schwert ins Gewissen, indem er sprach: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Da wurden jene Richter auf einmal selber zu Angeklagten und zu Ehebrechern. Alle ihre geheimen Lustsünden wurden blutrot und bekamen einen Mund und sagten dem Ältesten wie dem Jüngsten: Du bist der Mann des Todes. Und Alle schlichen sich hinweg und Jesus blieb allein mit dem Weib. Ein feierliches Alleinsein, wenn alle Menschen weg sind, und nur Jesus und der Sünder es mit einander zu tun haben. Da muss dann die Sünde zur Hölle, aber auch das Erbarmen Jesu zum offenen Himmel werden. So war es auch dort. Es lagen schon Kohlen genug auf dem Haupt jenes Weibes, und Gott hat seinen Sohn nicht gesandt in die Welt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn selig werde. Wenn die Menschen uns ihre Türe zuschließen, so öffnet Jesus uns seine Liebesarme. Hat dich niemand verdammt? fragt er jene Arme. Und sie: Herr, niemand. Hierauf er mit dem großen Wort: So verdamme ich dich auch nicht; gehe hin, und sündige hinfort nicht mehr. Ein seliges Hingehen, wenn der Stein weggewälzt ist und in der Tiefe des Meeres liegt. Dann kann das zerschlagene Herz rühmen und der betende Mund bezeugen: Das ist je gewisslich wahr, und ein teures wertes Wort, dass Christus Jesus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste bin. (Friedrich Lobstein)