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Johannes 1,29

Johannes 1,29

Andachten

Des anderen Tages sieht Johannes Jesum zu ihm kommen und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.
Herr, barmherziger Heiland, du bist das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt. Du hast auch unsere Sünde getragen, und uns erlöst. Das ist unser einziger Trost im Leben und im Sterben. Das soll unser letzter Seufzer sein: Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünde der Welt, erbarme dich unser und gib uns deinen Frieden. O Herr, wir danken dir für deine große Liebe. Was können wir dir wiedergeben für Alles, was du uns zu gut getan und gelitten hast? Nimm unser Herz hin, dass es dein eigen sei. Zerstöre in uns alle Weltseligkeit und Selbstzufriedenheit, und wecke uns auf zu dem Suchen und Fragen: Wo bist du, unser Heil, unser Friede, unser Leben? Hilf uns, dass wir kommen und sehen, deine Herrlichkeit sehen, und dein Evangelium erfahren als eine Kraft Gottes zur Seligkeit, und dann dir auch nachfolgen und deine Jünger werden. Gib, dass wir dir zu Lieb die Welt mit all ihrer Lust verlassen und verleugnen, dass wir mit Wort und Tat dich bekennen und deinen Namen verkünden. Lass es einst auch von uns gesagt sein: Sie blieben bei ihm, bei Jesu, den ganzen Tag. Amen. (Adolf Clemen)


Das ist ein christlicher Prediger, der nichts Anders, denn was Johannes predigt und beständig darauf bleibt. Nämlich, dass er zuerst das Gesetz wohl predige, daran die Leute lernen sollen, wie große Dinge Gott von uns fordere, der wir keines tun können, aus Unvermögen unserer Natur, durch Adams Fall verderbet, und also mit dem Jordan taufe. Denn das kalte Wasser bedeutet die Lehre des Gesetzes. Die zündet nicht an die Liebe, sondern löschet sie vielmehr. Denn durchs Gesetz erkennt der Mensch, wie schwer und unmöglich das Gesetz sei. Darüber wird er ihm feind und erkaltet seine Lust zu demselben, dass er fühlt, wie gar er dem Gesetze aus Herzensgrunde zuwider ist. Das ist denn gar eine schwere Sünde, dass man Gottes Geboten feind ist. Da muss er denn sich demütigen und bekennen, dass er ein verlorener Mensch ist und alle seine Werke Sünde seien, mit seinem ganzen Leben. Damit ist denn Johannis Taufe geschehen, und ist recht wohl, nicht allein begossen, sondern getauft. Da sieht er denn, was Johannis Wort will. Da versteht er denn, dass Johannes recht sage und Jedermann Not ist, sich zu bessern und Buße zu tun. Aber zu dem Verstand kommen sie nicht, lassen sich auch nicht taufen, die Pharisäer und Werkheiligen meinen, sie bedürfen keiner Buße; darum ist Johannis Wort und Taufe vor ihren Augen ein Narrenwerk.

Zum andern wenn also die erste Lehre des Gesetzes und die Taufe vollendet ist, dass der Mensch gedemütigt durch sein Selbsterkenntnis an ihm selbst und allem seinem Vermögen muss verzagen. Da geht nun das andere Teil der Lehre an, dass Johannes die Leute von sich auf Christum weist und spricht: Seht da, das ist das Lamm Gottes, das der Welt Sünde auf sich nimmt. Das ist so viel gesagt: ich habe euch zuerst durch meine Lehre Alle zu Sündern gemacht, alle eure Werke verdammt und gesagt: dass ihr an euch selbst müsst verzagen; aber, auf dass ihr auch nicht an Gott verzaget, seht da, ich will euch zeigen, wie ihr eure Sünden sollt los werden und die Seligkeit erlangen. Nicht könnt ihr eure Sünde ablegen, oder euch durch Werke fromm machen, ein anderer Mann gehört dazu; ich kanns auch nicht tun, doch zeigen kann ich Ihn.

Er ist dieser Christus, das Lamm Gottes. Der, der, und sonst Niemand, weder im Himmel, noch auf Erden, nimmt die Sünde auf sich, so gar, dass auch du nicht die allerkleinste Sünde könntest bezahlen. Er muss allein auf sich nehmen, nicht deine Sünden allein, sondern der Welt; und nicht etliche Sünden der Welt, sondern alle Sünden der Welt, sie seien groß, klein, viel, oder wenig. Das heißt denn das lautere Evangelium gepredigt und gehört und den Finger Johannis erkennt, damit er dich Christum, das Lamm Gottes, lehrt erkennen, dass es deine Sünde auf Ihm trage: - so hast du gewonnen: so bist du ein Christ, ein Herr über Sünde, Tod, Hölle und alle Dinge, da muss dein Gewissen froh werden und dem zarten Lamm Gottes aus Herzen hold werden, und den himmlischen Vater über solchem abgründlichen Reichtum seiner Barmherzigkeit, durch Johannen gepredigt und in Christo gegeben, lieben, loben, danken und aufs allerwilligste werden, seinen göttlichen Willen zu tun, was du kannst aus allen Kräften. Denn was kann tröstlicher und liebreicher werden gehört, denn dass unsere Sünden nicht mehr unser, noch auf uns liegen, sondern auf dem Lamm Gottes? Wie kann die Sünde ein solches unschuldiges Lamm verdammen? Sie muss auf Ihm überwunden und vertilgt werden, so muss gewiss der Tod und die Hölle, auch mit der Sünde (als der Sünden Verdienst) überwunden werden. Da siehe, was uns Gott, der Vater, in Christo gegeben hat. Darum hüte dich, hüte dich, dass du nicht dich vermessest, deine geringste Sünde durch dein Tun abzulegen vor Gott, und Christo, dem Lamm Gottes, solchen Titel nehmest. Denn Johannes bezeugt wohl und spricht: Bessert euch, oder tut Buße, dass er aber damit nicht meine, du solltest dich bessern und durch dich selbst eine Sünde ablegen, bezeugt er mächtig mit dem andern Teil, da er spricht: Seht da das Lamm Gottes nimmt weg aller Welt Sünde; sondern er meinet, wie droben gesagt ist, dass ein Jeder sich selbst erkennen soll, dass ihm Besserung Not sei; doch nicht bei ihm selbst solches suchen, sondern bei Christo allein. Zu solcher Erkenntnis Christi helfe uns Gott, der Vater, nach aller seiner Barmherzigkeit, und sende in die Welt die Stimme Johannis mit vielen Scharen der Evangelisten. (Martin Luther)


Es ist aus der Maßen fein und tröstlich von Christo, unserm Heiland, gepredigt; wir können's mit Worten, ja auch mit unsern Gedanken nimmermehr erlangen. In jenem Leben werden wir in Ewigkeit unsere Freude und Lust daran haben, dass der Sohn Gottes sich so tief herunterlässt und nimmt meine Sünde auf seinen Rücken; ja nicht allein meine Sünde, sondern auch der ganzen Welt, die von Adam an bis auf den allerletzten Menschen getan ist, die will Er getan haben und auch dafür leiden und sterben, damit ich ohne Sünde sei und das ewige Leben und Seligkeit erlange. Wer kann doch nach Notdurft davon reden oder denken, nämlich, dass die ganze Welt mit aller ihrer Heiligkeit, Gerechtigkeit, Macht und Herrlichkeit unter die Sünde geschlossen sei und gar vor Gott Nichts gelte, und wo Jemand wollte selig und seiner Sünde loswerden, dass er wisse, dass seine Sünde alle auf des Lammes Rücken gelegt sind?

Deshalb weist Johannes seinen Jüngern dies Lamm und spricht: Willst du wissen, wo da sind die Sünden der Welt hingelegt, dass sie vergeben würden? Siehe nicht auf das Gesetz Mosis, noch laufe sonst zum Teufel; denn da wirst du Sünde finden, davor du erschreckst, und verdammt wirst. Aber willst du wissen und finden einen Ort, da die Sünden der Welt getötet und weggenommen worden sind, so siehe an das Kreuz und auf den Rücken dieses Lammes hat der Herr alle unsere Sünde gelegt, und sonst auf Niemand anders. Das Lamm hat Er dazu geordnet, dass es der ganzen Welt Sünde tragen sollte.

Auf diesem Spruch soll ein Christ einfältig bleiben und ihm den selbigen nicht nehmen lassen. Hierauf steht der Grund aller christlichen Lehre; wer die glaubt, der ist ein Christ, wer's nicht glaubt, der ist kein Christ, der wird sein Teil auch finden. Es ist ja klar genug gesagt: Dies ist das Lämmlein Gottes, das da tragt die Sünde der Welt, und ist der Text Gottes Wort und nicht unser Wort, noch von uns erdacht, dass Gott dies Lamm darum habe geschlachtet, und das Lämmlein aus Gehorsam gegen den Vater, der ganzen Welt Sünde auf sich geladen hat. Aber die Welt will nicht hinan, sie will dem lieben Lämmlein die Ehre nicht gönnen, dass wir alleine selig würden darum, dass es unsere Sünde tragt. Sie will auch etwas sein, und je mehr sie tun will und Sünde büßen, je arger sie es macht. Denn außer diesem Lämmlein ist kein Sündenbüßer nicht, Gott will sonst von keinem wissen. (Martin Luther)


Des andern Tages sieht Johannes Jesum zu sich kommen, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt. Dieser ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, welcher vor mir gewesen ist, denn Er war eher denn ich. Und ich kannte Ihn nicht; sondern auf dass Er offenbar würde in Israel, darum bin ich gekommen, zu taufen mit Wasser.
Gestern hat Johannes von sich selbst bezeugt: ich bin nicht wert, dass ich Seine Schuhriemen auflöse; heute bezeugt er von Jesu: Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt. Dieses „Heute“ ist ein wunderbarer Advents-Feiertag gewesen in des Täufers Leben, denn er „sieht Jesum zu sich kommen“! und die heilige Freude durchwallt sein Gemüte und löst ihm die Lippen zu dem großen und glückseligen Bekenntnis! es ist eine vollkommene Erkenntnis der Person Christi hier vorhanden, denn weiter heißt es: ein Mann vor mir gewesen und eher denn ich! also: Sein Ausgang von Anfang und Ewigkeit her, und in der Zeit: Gottes Lamm! - Siehst Du Jesum auch so zu Dir kommen! das wäre ein seliger Advent. Er gehet ganz gewiss nicht an Dir vorüber, denn es steht von Ihm geschrieben: siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an! es ist Ihm auch keiner zu geringe, schlecht, niedrig und elend! Er liebt es auch, gerade bei Sündern zu wohnen! wer Ihn aber sieht, der erkennt Ihn als Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt, auch Deine und meine! und doch ist Er von Ewigkeit her! Beides gehört unzertrennlich zusammen und ist die Ursache der herrlichen Adventsfreude. Das Lamm Gottes ist das Bild Seiner Sanftmut und Demut, und der „Mann von Ewigkeit her“ das ist der König, dem das Reich gebührt. Einen Solchen bedarf die Sünderwelt und das Sünderherz. - Warum nehmen sie Ihn denn nicht sie sehen Ihn ja nicht zu sich kommen! und warum sind ihre Augen nicht aufgetan? weil sie nicht gestern bekannt haben von sich selber, dass sie nicht wert sind, Seine Schuhriemen aufzulösen, darum erkennen sie Ihn heute nicht als Gottes Lamm und Gottes Sohn. Denn es muss dabei bleiben: Den Hoffärtigen widersteht Er und nur den Demütigen gibt Er die Gnade, Ihn zu sich kommen zu sehen! Sei uns tausendmal gegrüßt Du Gottes-Lamm und Du König von Ewigkeit her! (Nikolaus Fries)


Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.
Soll deine Seele zur Ruhe kommen, sieh hin auf Jesum. Erfährst du in der Versuchung immer aufs neue, dass der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach, ficht dich die Sünde mit ihrem Reize immer wieder an, blick auf den am Kreuze, seine Leiden und Marter, ob da nicht die Sünde ihren Reiz verliert und ein Grauen vor ihr dich ergreift. Ist dir ein hartes Kreuz auferlegt, hast du schwer daran zu tragen, und um Trost ist dir bange, siehe, das ist Gottes Lamm; durch das Kreuz, das er getragen, hat er unser Kreuz verklärt; trage nur dein Kreuz nach Golgatha, unter Jesu Kreuz, da wird es dir ein sanftes Joch und eine leichte Last. Denn in der Versöhnung mit Gott liegt auch die Versöhnung mit allen Schickungen Gottes. Hast du von Menschen zu leiden, vergelten sie deine Liebe mit Undant, reizen sie dich zur Ungeduld, zum Zorn, dass du tust und redest, was nicht recht ist und dich reut, blick auf das Lamm Gottes, wie große seine Geduld und Sanftmut, mitten in aller Bosheit der Welt, und lerne von ihm dulden und stille sein. O Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünden der Welt, erbarme dich unser und gib uns deinen Frieden. Wie groß ist deine Liebe und Geduld! Deine Liebe soll mein Trost und mein Lobgesang sein. Deine Geduld soll meine Stärke sein, dass ich nicht klage und zage, wenn ich um deinetwillen muss Schmach und Kreuz leiden. Auf dich will ich blicken, wenn der Feind meine Seele fällen will; und wenn er mich im Tode ängstigt, soll mein brechendes Auge auf dich schauen, und droben will ich mit den Erlösten allen rühmen und preisen: „Das Lamm, das erwürgt ist, ist würdig zu nehmen Kraft und Reichtum, und Weisheit und Stärke, und Lob und Ehre und Preis.“ Amen. (Adolf Clemen)


Johannes sieht Jesus zu ihm kommen und spricht: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.“
Dem, was der Täufer über Jesus sage, hat Jesus nicht widersprochen. Das war er und er war es mit ganzem Herzen, das für Gott geheiligte und zu Gottes Eigentum gemachte Lamm. Jesus kannte nichts Größeres, keinen herrlicheren Beruf. Das für Gott geweihte Lamm kam an jedem Morgen und an jedem Abend auf den Altar und dagegen, dass er zum Altar gebracht werde, hat sich Jesus nie gesträubt. Im Leben und im Tod mit Seele und Leib gehört er dem Vater ganz. Das täglich geopferte Lamm war der Trost Israels; denn es zeigte ihm Gottes Vergebung und nahm seine Schuld von ihm weg. Darum war am frühen Morgen, wenn das Lamm auf den Altar gebracht wurde, immer auch eine betende Gemeinde im Tempel, die dankend Gottes vergebende Güte pries. Bedurfte nur Israel ein Lamm, das seine Schuld wegtrug und es von der Last seiner Sünde befreite? Was im Tempel geschah, zeigte der Welt, was sie nötig hat. Die Welt, das ist die Menschheit, wie sie immer und überall ist, die Menschheit, die ein gemeinsames Schicksal hat und eine alte bedrückende Not. Bisher sprach das Lamm Gottes nur zu Israel von Gottes Gnade. Nun aber ist die Stunde des Heils gekommen, in der sich Gottes Gnade für jeden, der Mensch ist, offenbart. Nun wird die Schuld der Welt begraben. Hier ist er, sagte der Täufer, der das kann, und Jesus widerspricht ihm nicht, sondern antwortet in der Vollmacht Gottes: Ja, ich bin da und heilige mich für euch alle und nehme von euch allen weg, was eure Seele euch bereitet hat.
Was Welt ist, lieber Vater, das sehe ich, und was die Sünde der Welt ist, ist mir nicht völlig verborgen. Offenbar und gewiss ist mir, dass niemand die Sünde der Welt wegnehmen kann als Du allein. Nun zeigt mir Dein Wort den, der dein eigen ist, den Du dazu gabst, damit er die Schuld der Welt auslösche. Das ist ein Wunder über alles Begreifen hinaus. Es ist aber ein fröhlich Ding, diesem Deinem Wort zu glauben. Dazu hilf mir, lieber Herr. Amen. (Adolf Schlatter)


Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt! O Lamm Gottes, unschuldig! Am Kreuzesstamm geschlachtet; Allzeit funden geduldig, Wiewohl du warst verachtet. Adi Sünd' hast du getragen, Sonst müssten wir verzagen.

Erbarme dich unser, o Jesu!

Heute feiern wir den Todestag unsers HErrn, den Todestag Dessen, der das Leben in ihm selber hat, der die Auferstehung und das Leben ist, und der nun lebet von Ewigkeit zu Ewigkeit. Das ist der Tag, den Gott gemacht hat, den er dem verlorenen, in Sünde, Elend und Tod versunkenen Menschengeschlecht gemacht hat, der Tag der Versöhnung, der Tag, an welchem das Blut des neuen Bundes auf Golgatha floss; das ist der Tag, welcher Größeres hervorgebracht hat, als die Schöpfung der Welt, denn an diesem Tag ist die Welt erlöst worden durch den Schöpfer; der Tag des großen Generalpardons für alle Sünder! Ach seine große Lieb' und unsre große Not, das hat die Glut entflammt, die stärker als der Tod. Fa seine große Lieb' und unsre große Not, das hat ihn an das Holz des Fluches, das hat ihn in Not und Tod getrieben. Wer vermag das auszudenken! Wer vermag das auszureden? Dem Lamm, das geschlachtet ist, nur dem Lamm gebührt Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob! Amen. (Ludwig Hofacker)


Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünden trägt.
Das Wörtlein „Siehe“ enthält eine Aufmunterung, von allem weg, hierher zu sehen. Weg sollten die Juden sehen vom Tempel und Allem, was darin geschah; weg sollten sie, und insbesondere Johannes Jünger sehen von ihm selbst, allein auf diesen hin. Er musste wachsen, alles Andere abnehmen. Auch wir sollen uns mit unserm ganzen Vertrauen, mit allen unsern Hoffnungen und all unserm Verlangen zu ihm wenden. Aber wie schwer sind wir dahin zu bringen, wie an Johannes Jüngern zu sehen ist, welche all seines Unterrichts ungeachtet, doch fort und fort bei ihm blieben. Sollen wir aber auf dies Lamm Gottes schauen, so müssen wir wahre Bedürfnisse für dasselbe haben, und mit Johannes erkennen, dass wir bedürfen, von ihm gewaschen zu werden; wir müssen unsere Sünden und Elend fühlen, wie die Kinder Israel den Schlangenbiss, damit wir uns so genötigt sehen, zu diesem Lamm zu flüchten, und bei ihm zu bleiben. Sollen wir von allem wegsehen, so müssen wir erlernt haben und lernen, dass außer diesem Lamme nirgend das Wahre und Rechte anzutreffen ist, selbst nicht in der sonst göttlichen Anordnung der Predigt und des Abendmahls, will geschweigen bei uns selbst, in unsern eignen Kräften. Das so tief gewurzelte Vertrauen zu uns selbst muss sich in lauter Misstrauen umgewandelt haben, und uns nichts übrig bleiben, als dies eine Lamm. Sollen wir auf dasselbe allein sehen, so müssen wir verstehen gelernt haben, dass in diesem Lamme alle Fülle wohnt, dass es mit seinem Leben belebt, mit seinem Blut wascht, mit seiner Wolle bekleidet und schmückt, mit seiner Stimme lehrt und erfreut, mit seinem Fleische speist und sättigt, dass uns in und mit diesem Lamme Alles geschenkt ist, Alles, Mut und Glauben, und wie es heißen mag. Wer so sich selbst, wer so die Kreatur und dieses Lamm kennen lernt, der kann der Aufforderung Johannes entsprechen: Siehe! (Gottfried Daniel Krummacher)


Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.
Das muss eine starke und allmächtige Liebe sein, die solche Last auf sich zu nehmen im Stande ist! O, wenn wir nur Eine einzige wissentliche Sünde begangen haben, und haben noch nicht Freudigkeit finden können, sie unsrem himmlischen Vater zu beichten und abzubitten, wie schwer liegt sie uns schon auf; ist's uns doch dann schon, als wäre eine Bergeslast auf unsre Seele gewälzt, und der Atem wollte uns schier ausgehen. Und was für Sünden häufen sich in eines Menschen Leben, und wenn er ihre ganze Last empfinden sollte, er müsste schier unter ihrer Schwere zusammenbrechen. Und nun die Last der Sünde der Welt, aller Sünden, die je begangen wurden, seit eines Menschen Fuß über die Erde dahinschritt, und noch werden begangen werden, bis zu dem letzten Adamskinde, das unter dem Herzen einer Mutter geruht hat! Da kann es uns nicht wundern, wenn wir lesen, dass Jesus unter der Last eines so schweren Kreuzes zusammenbrach, und wolltest du fragen: warum hat es denn Simon von Kyrene tragen können, ohne zu erliegen? Darauf ist zu erwidern: Simon trug nur das Kreuzesholz, aber der Heiland musste die Sünden der Welt mittragen, wie es der Prophet von Ihm geweissagt hatte: „aber der Herr wars unser Aller Sünden auf Ihn.“ (Jes. 53, 6.) - Er nahm diese ungeheure Last auf Sich, die doch nicht Seine Sünden waren! Wie viel Überwindung hat's uns schon in unseren Kinderjahren, wo doch die Liebe noch am Innigsten zu sein pflegt, gekostet, wenn wir nur Einen einzigen Schlag von Vater- oder Mutterhand hinnehmen mussten, der nach unserem Bedünken den Bruder oder die Schwester hätte treffen müssen; und das war sehr selten, dass Eins sich in seinem Herzen stille gefreut hätte, wenn's ihm gelungen war, des Vaters Zorn von dem schuldigen Bruder auf sich zu lenken, und statt seiner die Züchtigung erdulden zu können.

Du aber, mein liebreicher Heiland, bist wie ein rechter Leidensbruder für uns eingetreten; Du hast den Zorn des Vaters, der uns hätte treffen sollen, auf Dich gelenkt; und die Strafen, die unsrer warteten, es waren ja nicht Rutenschläge, wie eine zitternde Mutterhand sie etwa austeilt, sondern unsre Sünden hätten mit dem Schwerte gerächt, mit dem ewigen Tode gebüßt werden müssen, und wenn wir nun in diesen stillen Tagen der Adventszeit uns auf Dein heiliges Wiegenfest freuen, dann wollen wir nicht bei der Freude unsrer Kinder stehen bleiben, die Dich am liebsten in Deiner Krippe begrüßen, und nur zu dem Kinde ihr dankbares Herz über die reichen Weihnachtsgaben ausschütten - der Stern über Bethlehems Hütte soll uns dann den Weg weisen nach Golgatha; da wollen wir stille stehen, und Deine Liebe in unsrem Geiste sinnend bewegen, und wollen anbetend in den Staub niedersinken, darüber, dass Du auch unsrer Sünden Last getragen hast. Und wenn wir dann von Deinem Kreuze heimkehren zu Deiner Krippe, siehe, dann können wir der Kinderlust und der Weihnachtsherrlichkeit doppelt froh werden, denn Deinem Kreuze haben wir's ja allein zu danken, dass wir auch noch in späten Jahren froh und glücklich sein können wie Kinder, weil Du den Todesbann gebrochen hast, der so lange auf unsrem Herzen lastete, und der Freude und dem Jauchzen den Zugang verwehrte. Und wenn wir euch ansehen, ihr lieben Kinder, die ihr noch so harmlos und selig an dem bunten Schmuck euch freut, und den Glanz der Lichter noch bis auf eures Herzens Grund hinableuchten lassen könnt: dann wollen wir der Zeit eures Lebens gedenken, wo auch für euch die Sünde wird das liebliche Paradies eurer Kinderjahre verschlossen haben, und wollen's uns als eure Väter und Mütter heilig geloben, dass wir euch frühe lehren wollen, das Kind in der Krippe herzlich zu lieben, damit ihr in euren Mannesjahren das himmlische Kind als den Mann der Schmerzen am Kreuze wiederfinden möget, als das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt, und auch euch aus allen euren Sünden selig machen will. (Julius Müllensiefen)


Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.
In den Zeiten des Alten Bundes gab es auch Gelegenheiten, wo Lämmer geopfert wurden. Jenes Lamm, das Passah, mit dessen Blute die Türpfosten der Israeliten in Ägypten bestrichen wurden, verhinderte ja den Einbruch des Würgengels, als er die Erstgeburt der Ägypter schlug. Aber alle jene Opfer und auch das Blut des Passahlammes hatte nur seine Bedeutung und seinen Wert in dem Opfer des neutestamentlichen Lammes, in dem Opfer Jesu Christi. Dieser ist das wahrhaftige Opferlamm, von Gott dazu ausersehen vor den Weltzeiten, erschienen in der Fülle der Zeit, auf dass er eine ewige Erlösung erfände; Opfer und Gaben hatte der Vater nicht gewollt, aber den Leib hatte er ihm bereitet, um ein Opfer zu werden für das Leben der Welt. Mit dieser seiner Aufopferung, mit seiner Geduld, mit seinem Harren auf Gott, mit seiner Liebe bis zum Tode, mit seinem Todeskampf und blutigen Schweiß hat er die Welt versöhnt, die von Gott abgefallene Welt, die Welt, auf welcher der Zorn Gottes ruhte: denn er, der Mittler zwischen Gott und den Menschen, trug unsere Sünden, und hat den ganzen Zorn Gottes gegen die Sünde auf sich genommen. O schreckliche Last, die Sünden aller Sünder! Aber, Gott Lob! das Lamm hat gesiegt, es hat ausgehalten, es hat sie getragen; das Opfer ist vollendet; es bedarf keines Opfers mehr; dem Übertreten ist gewehrt, die Sünde zugesiegelt; die Missetat versöhnt, und die ewige Gerechtigkeit gebracht (Dan. 9, 24.). Er hat eine ewige Erlösung erfunden; Jesus Christus hat die Sünden getragen und aufgehoben; also, dass ihrer ewig nicht mehr gedacht werden soll vor dem Angesichte des Vaters.

O es ist ein gar schöner, bezeichnender Ausdruck, den Johannes davon gebraucht: das der Welt Sünde trägt, oder vielmehr durch sein Tragen wegnimmt. Sie sind also nicht mehr vorhanden; sie sind also ins Meer der Vergessenheit versenkt; sie dürfen also nicht mehr zwischen mich und meinen Gott scheidend hineintreten; sie sind begraben, bedeckt, verhüllet, versöhnt in den Wunden des Lammes. (Ludwig Hofacker)


Des andern Tages sieht Johannes Jesum zu sich kommen und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.
Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünde der Welt, erbarme dich unser! Johannes, der Engel des neuen Bundes, der vor dir hergehen musste, dir den Weg zu bereiten, heißt uns auf dich sehen. Aus der Wüste kommst du zurück an den Jordan. Dort warst du vom Teufel versucht worden; hier taufte Johannes. Und Johannes steht dich kommen, nicht prangend in der Herrlichkeit, wie Satan dir angeboten hatte, sondern gebeugt unter den Gehorsam des Vaters, als das demütige und geduldige Gotteslamm, und von ihm ausersehen, auf dich zu nehmen und zu tragen die Sünde der Welt. Darum ruft Johannes: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt! Auch ihm bezeugte der Heilige Geist, dass du gekommen seist, zu dulden, zu bluten und zu sterben für die Welt; für ihre Sünde das Leben zu lassen. Ach, welche Zentnerlasten hast du an unser aller Sünden getragen und wie schwer ist dir dein heiliges Versöhnungswerk auszurichten geworden! Ein Blick auf dich, ein Blick auf dein Kreuz in diesen Tagen der schmerzlichen Erinnerung an deine Leiden zeigt es uns, wie viel es dich gekostet, dass wir versöhnt sind. Wir möchten gern wegsehen davon, weil über dem Anblick deiner Leidensgestalt unsere Sünde, die die Ursache deines Kreuzes und deines Todes ist, mit tiefer Reue und Scham unser Herz erfüllt. Wir dürfen aber nicht absehen von dir und deinem Kreuz; das „Siehe, das ist Gottes Lamm,“ verbietet es uns, weil dir an unserer Neue über die Sünde gelegen ist. Wir würden ja sonst keinen Trost aus deinen Wunden haben und dir, du stilles und williges Gotteslamm, nicht die Geduld ablernen, die du in deinen Leiden geübt hast. Darum lass doch heute und alle Tage unsere schwere Sünde und dein schmerzliches Leiden uns nicht aus dem Sinne kommen, dass wir deines Leidens und Sterbens für uns im Leben und Sterben uns getrösten lernen und dadurch uns bewegen lassen, dich zu lieben und an einander Geduld zu üben, wie du geliebt hast und geduldig gewesen bist, Herr Jesu. Amen! (Carl Gottlieb Just)

Predigten

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