Matthäus 5,22
Andachten
Warum willst du noch andern zürnen? Durch solchen Zorn wirst du leicht zu einem zweifachen Mörder. Den nächsten tötest du, und dich auch.
Den nächsten tötest du mit dem Herzen, gönnst ihm das Leben nicht, sondern lieber den Tod und alles Unglück; siehst ihn unfreundlich an, kränkst seine Ehre, die ihm so lieb wie das Leben ist, und betrübst ihn mit manchem bitteren Wort. Dich selbst tötest du geistlich; denn dein Zorn trennt dich von Gott. Wo der Zorn die Herrschaft einnimmt, da geht Christus, die Sonne der Gerechtigkeit, unter; Christus ist der Seele Leben, ohne Ihn bist du geistlich tot.
Willst du zürnen, so zürne besser gegen deine Sünde. Willst du strafen, so strafe besser dich. Willst du richten, so sei besser ein strenger Richter über deine eigenen Taten. - Ach, der gewöhnliche Zorn gegen andere ist meist ein sündiger, nicht hervorgegangen aus Abscheu vor der Sünde, sondern aus der Selbstsucht; nicht geübt um Gottes und der Wahrheit willen, sondern weil unser eitles, selbstverliebtes Ich verletzt worden ist. Ein solcher Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist. Denn solcher Zorn ist blind, und das Sprichwort sagt zu Recht von ihm 'Zorn macht den Menschen verworren' und 'Zornes Ausgang ist der Reue Anfang'. Er sucht im Grunde nur Rache, aber nicht Recht und Gerechtigkeit, nicht die Rettung und Besserung des Bruders.
Vor solchem Zorn bewahre uns Gott! damit uns desto mehr der heilige Zorn für des Herrn Sache gegen die Sünde und alles ungöttliche Wesen in uns und außer uns durchglühe; denn dieser ist seiner innersten Natur nach nichts anderes als heilige Liebe, die nur zürnt aus Liebe, die vorsichtig wandelt, die zur rechten Zeit redet, und zur rechten Zeit schweigt. Für unsere eigene Person haben wir alles zu vergeben, und alles zu dulden; nur dann, wenn wir sagen können: ich habe keinen Feind mehr auf der Erde, sind wir recht und fähig, des Herrn Kriege zu führen und mit heiligem Feuer zu streiten. (Friedrich Arndt)
Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Racha, der ist des Rats schuldig; wer aber sagt: du Narr, der ist des höllischen Feuers schuldig.
Christus verdammt hier allen Zorn, Hass, Scheltwort und dergleichen. Er trägt Mosis Gebot von den steinernen Tafeln, die man mit Augen sah, bis ins tiefste Herz hinein. Ja er legt auf das, was die Welt in ihrem Gericht ungestraft hingehen lässt, nicht allein menschliche, sondern auch göttliche Strafe. Liebe Christen, die hier vorgezählten Punkte sind gar nicht so schwer. Eine Zornkohle im Herzen gegen Diesen oder Jenen trägst du fast beständig mit dir herum. Ein Wort wie „Racha“ es bedeutet: „leerer, nichtsnutziger Mensch“ läuft dir beim Urteil über Andere gar leicht über die Zunge. Und das „du Narr“ ist heut zu Tage so wohlfeil geworden, dass es eine ganz gang und gäbe Münze ist. Es fällt kaum noch auf. Hast du denn dies dein Zürnen und Schelten schon einmal recht an dies Wort Christi gehalten? Ei, antwortest du, das darf man so genau nicht nehmen! Wie nimmst du es aber, wo es sich etwa um deinen Schaden handelt, so genau! Wenn es in deinem Haus brennt, löscht du nicht allein das helle Feuer aus, sondern du reißt auch die Dielen auf, ob etwa darunter im Gebälk noch etliche Funken glimmen. Aus solchen glimmenden Funken erwächst ja der ganze Brand. Zorn und Hass im Herzen sind die glimmenden Funken, die in Misshandlung und Mord zur hellen Flamme ausbrechen. Wenn unsere Gedanken auf der Stelle Taten würden, wären wir allzumal Mörder, Diebe und Ehebrecher.
Gib uns doch, lieber Herr, die rechte Liebe zu den Brüdern, die nicht nur äußerlich alles Ärgernis meidet, sondern vor Allem das eigne Herz durchdringen soll. War doch dein Wandel allezeit von solch herzlicher Liebe getragen. So stelle dich selbst uns vor Augen, wo wir auch seien und was wir auch tun werden. Bewahre uns vor Jähzorn und Leidenschaft. Wir verstören uns ja dadurch das eigene Wohl schon hier auf Erden, und machen uns unwürdig, deine Glieder zu sein. Darum befehlen wir Herz und Sinn für diesen ganzen Tag deiner Zucht und Obhut. Amen. (Friedrich Ahlfeld)
Ich aber sage Euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Racha! der ist des Rates schuldig; wer aber sagt: Du Narr! der ist des höllischen Feuers schuldig!
Wie einst die ersten Eltern unsers Geschlechts im Paradiese, als der Tag sich neigte und die Nacht hereinbrach, Dein Wandeln, Ewiger und Erbarmungsreicher! vernahmen und Deine Stimme hörten1), also fühle auch ich Deine Nähe in dieser stillen Stunde, also höre auch ich heute Deinen Ruf.
Als in Paradiesesauen hat heute mein Auge und Herz geweilt auf der in reicher Fülle um mich ausgebreiteten Frühlingszeit. Höher atmete meine Brust im wärmeren Gefühl des wieder erwachten neuen Lebens und meine Seele freute sich der Herrlichkeit, womit Du die Erde geschmückt, mein Gott und Vater! Herr der Natur!
Aber erfüllte diese Deine Liebe, welche Berge und Täler, Hügel und Ebene mir verkündigten, erfüllte sie auch mein Herz gegen meinen Bruder? Bewegte meine Seele herzliches Wohlwollen gegen die, die Du mir zugesellt auf dem Wege zum noch schöneren Feste des Frühlings in den ewigen Hütten?
Entehrte, schändete ich mich nicht durch Härte und streute schmerzlich verwundende Dornen auf die Wege meiner Brüder, meiner Mitwanderer, diese Wege, die Du so lieblich schmücktest?
Dein Gesandter, Er, der bezeugen konnte: ich und der Vater sind Eins! Er, der erhabenste Menschenfreund, der mir Vorbild sein soll auf allen meinen Pfaden, Christus spricht: Ich aber sage Euch, wer seinem Bruder zürnt oder ihn schilt, der ist schwerer Ahndung schuldig. Es ist nicht genug, dass Ihr sprecht: Ich bin kein Mörder! Auch der, der einem seiner Mitwanderer den kurzen Tropfen der Lebenszeit verbittert, der irgend ohne Not Gram und Ärger ihm bereitet, legt Hand an des Bruders Leben!
Ach, dass ich dieses Wort bedacht hätte mit heiligem Ernst an dem verflossenen Tage, ich würde nicht zittern, mich nicht schämen vor Deinem Rufe am kühlen Abend. Nein, ich würde mich freuen, innig freuen der Rechenschaft, die Du von mir forderst. Die Liebe ist ja des Gesetzes Erfüllung!
Aber, obgleich ich am Morgen auch dieses Tages mit heiligen Vorsätzen stand vor Dir, Gott, mein Gott! Und wahrlich, obgleich ich Dir feierlich gelobte: ich will Liebe, Sanftmut, Milde üben gegen alle meine Brüder, will, wie Du, Freude schaffen und verbreiten, so viel ich vermag: dennoch muss ich bekennen, dass ich es nicht vollbracht, nicht ausgeführt habe, was ich wollte und gelobte; dennoch muss ich mich selbst anklagen, dass ich das größte Gebot übertrat, dass ich schuldig bin vor Dir und den Brüdern, ach umso schwerer schuldig, als ich nur jene Entschließungen hätte treu bewahren dürfen!
Darum dringt des Herrn Ruf: Ich aber sage Euch! einem zweischneidigen Schwerte gleich durch meine Seele; darum stehe ich erschüttert vor Dir, heiliger Richter über den Sternen, und muss bekennen, Dein Urteil über mich ist gerecht! Darum sehe ich mich aus dem Paradiese verwiesen und einen Cherub mit flammendem Schwert, der mir mächtig die Rückkehr verwehrt.
O, wie preise ich Dich, Vater, dass Du Dich auch meiner erbarmt und Jesum Christum gesendet hast, mir den Rückweg zu öffnen zum Paradiese und seine Pforten wieder aufzuschließen, wenn ich der Stimme desselben gehorche, wenn ich umkehre von dem Irrpfade der Lieblosigkeit und Härte!
Ich will es, will mit ihm gehen, nicht bloß seinen Namen anrufen, sondern sein treuer Jünger sein, indem ich gehorche seinem großen: Ich sage-Euch! Ich will mit redlichem Herzen wieder gut zu machen suchen, was ich Übles getan, will wieder heilen die Wunden, die ich schlug, will forthin keinen andern Wahlspruch kennen, als das Wort: Wer spricht, er liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner!
Gott, schon da ich in aufrichtiger Reue diesen Entschluss fasse, umweht mich Dein Friede, der Himmelsfriede; schon jetzt vernehme ich den Spruch Deiner Gnade in meinem Herzen, sehe den Cherub mit flammendem Schwert verschwunden und den Eingang in das Paradies offen.
Wie, o wie wird erst meiner Seele sein, wenn ich, treu dem Dir dargebrachten Gelübde, festen Schrittes den Weg betrete und wandele, den Pfad der Liebe, der Versöhnlichkeit, der Sanftmut, auf den der Herr mich führt. Wie, o wie glücklich, wie selig werde ich schon hier sein und inne werden: die Erde ist ein Vorhof des Himmels!
Hilf mir dazu, mein Gott und Vater! der Du nicht willst, dass Jemand verloren werde. Gib dazu mir den Segen, der doch das beste Teil bleibt im irdischen Leben!
Dein Segen, Deine Gnade sei mit mir und allen meinen Teuren, allen meinen Brüdern und Schwestern auf der weiten Erde! Dein Segen sei mit ihnen in dieser Nacht! Amen, durch Jesum Christum Amen! (Gerhard Friederich)