Matthäus 15,8
Andachten
Dieses Volk naht sich zu mir mit seinem Munde, und ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist ferne von mir.
Viele behelfen sich mit dem bloß äußerlichen Gottesdienst, und nahen sich auch mit dem Munde und nicht von Herzen zu Gott; sie sind Pharisäer und Heuchler. Andere hören und lesen gar nicht Gottes Wort, und sind ruchlose freche Spötter und Freigeister, das sind die Sadduzäer unserer Zeit, die keine Auferstehung von Herzen glauben. Beide Gräuel, Heuchelei und Ruchlosigkeit, kommen daher, dass die Menschen nicht ihr böses Herz recht erkennen. Wer also recht bußfertig, gerecht und selig werden will, der bitte Gott, dass er ihn sein Herz recht erkennen lasse: denn aus dieser Quelle des Herzens kommt alles Arge. Heuchelei und Spötterei sind zwei sehr böse Dinge, und die Ursachen der jetzigen bösen Zeiten und Gerichte. Herr, bessere unsere Herzen und Häuser, so werden bald bessere Zeiten folgen. (Aus Bogatzkys gold. Schatzkästlein.)
Dies Volk naht sich zu mir mit seinem Munde, und ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist ferne von mir.
Die Herzensrichtung, die der Herr hier beschreibt, ist der Formalismus. Man schaue in die Religion so vieler Menschen, so vieler Haushaltungen oder so mancher Kirchgemeinden, was findet man? Ein totes Formenwesen, aber das geistige Leben fehlt. Klingende Schellen und tönendes Erz gibt es überall, aber lebendige Seelen muss man oft lange mit der Laterne suchen. Und doch, kann man sich einen unbehaglicheren Zustand denken, als den Formalismus? Eine Religion, die dem Herzen nichts gibt als leeres Stroh, kann man sich auch nur eine Stunde darin gefallen? Braucht man nicht etwas Besseres als solchen Klingklang? Ja, wenn man nur nicht immer warten würde, bis man über und über in dem Formalismus steckt! Das Unbehagen gibt sich nur anfangs kund, wer aber dadurch nicht hinlänglich geweckt worden ist, dem ist es nach und nach ganz wohl im geistlichen Tod. Der Herr zeigt uns hier, wie der Formalismus anfängt. Wenn das Herzensgebet zu einem bloßen Plappergebet wird, und das Hinnahen zu Gott nicht ein Hinnahen im Geist und in der Wahrheit bleibt, so wird bald nicht nur das Gebet, sondern das ganze christliche Leben einschlafen. Der Geist Gottes ist treu und seine Zucht tut Jedem kund den Weg zum Leben; aber das ist das Unglück der Meisten, dass sie die Zucht des Heiligen Geistes überhören, und dann hat der Geist auch keine Macht mehr über sie. Prüfen wir uns doch recht scharf: Wenn ich bete, bin ich auch im Gebet? ist denn auch ein Verlangen in mir da nach Gott und seiner Nähe? Er ist nahe Allen, die ihn anrufen, aber nur Allen, die ihn mit Ernst anrufen. Ebenso, wenn das Wort Gottes vor uns liegt, prüfen wir uns wiederum: Lasse ich es auch in die Gedanken und Sinne meines Herzens eindringen, oder gleitet es über mein Gewissen weg? Der Herr spricht von einem ganzen Volk, das nur ein Maulchristentum hat und sich nicht unglücklich fühlt, so ferne von Gott zu leben. Wie hat man zu wachen, dass man nicht auch in einen Pharisäer zusammenschrumpft! Wie haben besonders christliche Familien über ihre Hausandachten zu wachen, oder Gemeinden, in denen das Evangelium Jahrelang verkündigt worden ist, über ihren Glauben, dass ihre Gefäße stets voll Öl seien, und dass sie nicht törichte Jungfrauen und ein dummes Salz werden! Man schlage sich lieber aufs Maul, als vor Gott nur Worte zu machen, und lese lieber nur eine Stelle, als ganze Kapitel, nur dass man erfüllet bleibe mit Geist und Leben und in allen Verhältnissen dann auch getrieben werde von der Liebe Christi, die nicht den Schein des gottseligen Wesens, sondern die Kraft desselben heischt. (Johann Friedrich Lobstein)