Matthäus 12,50
Andachten
Wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, derselbe ist mein Bruder, Schwester und Mutter.
Die Bande, die die Natur zwischen uns knüpft, vereinen uns fest. Wir empfangen reiche Güter dadurch, dass wir nach der Ordnung der Natur Eltern, Brüder und Schwestern haben, ebenso auch, dass wir als Zeitgenossen zum selben Geschlecht und durch dieselbe Rasse, Sprache und Geschichte zu einem Volk verbunden sind. Es gibt aber noch eine festere Verbundenheit und vollständige Gemeinschaft; das ist die, die uns Jesus bereitet hat. Seine Mutter und seine Brüder machten die Ansprüche geltend, die ihnen ihre natürliche Verbundenheit mit Jesus gab. Jesus wies aber diese Ansprüche ab, nicht weil er das natürliche Recht zerträte und die natürliche Gemeinschaft vernichtete. Er anerkannt sie willig; es muss aber sichtbar werden, dass es noch etwas Größeres gibt, eine Gemeinschaft, die auch da besteht, wo die natürlichen Bande nicht vorhanden sind, und auch das Persönlichste in uns erfasst und uns daher ganz miteinander vereint. In diese Gemeinschaft sind alle hineingesetzt, die den Willen Gottes tun. Mit ihnen macht sich Jesus eins und verbindet sie so fest mit sich, wie die Natur uns zusammenführt. Was diese macht, lässt sich nicht ändern. Unsere Mutter ist für immer unsere Mutter und unsere Brüder bleiben es unser Leben lang. Ebenso unzerbrechlich heißt Jesus seine Gemeinschaft mit denen, die den Willen Gottes tun, und indem er sich mit ihnen verbindet, sind sie auch miteinander vereint. Wenn unsere Einigung nicht an dieser tiefsten Stelle ihren Grund hat, bricht sie. Manche Mütter sahen sich von ihren Kindern verlassen und zwischen Brüdern entsteht oft grimmiger Hass. Wenn aber der Wille Gottes unser Wille wird und von uns nicht nur gekannt, sondern getan wird, dann trennt uns nichts von Jesus und trennt uns nichts voneinander. So werden wir eins.
Du nimmst Dich unser an, o Jesus, gönnst uns deine Gemeinschaft und gibst ihr den sicheren Grund im Willen Gottes. Nichts wird mich von Deiner Liebe scheiden, wenn ich im Willen Gottes bleibe. Um die Verbundenheit mit Dir bitte ich Dich; denn sie ist mein Friede, meine Kraft und mein Heil. Amen. (Adolf Schlatter)
Wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, derselbe ist mein Bruder, Schwester und Mutter!
Je höher wir den Herrn ehren, dessen Dornenkrone die Diademe aller Fürsten weit überstrahlt, vor dem sich beugen die Kniee aller, die im Himmel und auf Erden sind, dessen natürlicher und unabweislicher muss der Wunsch sein, ihm näher verbunden zu stehen, ihm anzugehören. Auch er, der König, dessen Reich höher ist, als alle Reiche dieser Welt, lebte während seines Erdenwallens in einem Familienkreise. Auch er war einem Vater und einer Mutter untertan, auch er liebte Brüder und Schwestern und nahe Blutsfreunde. Möchten wir sie, denen vergönnt war, ihm so nahe zu stehen, ihm durch so heilige Bande verbunden zu sein, nicht beneiden? Möchten wir das Glück, einen solchen Verwandten zu besitzen, nicht unendlich hoch anschlagen? - Legen wir mit Recht einen hohen Wert auf die Abstammung von berühmten oder edlen Eltern, rechnen wir die Verwandtschaft mit hochausgezeichneten Männern mit allem Fug zu den höchsten Gütern, die wir auf Erden besitzen können, wie müsste es nicht unsern größten Stolz ausmachen, wenn wir nachweisen könnten, dass wir von Jesus abstammen!
Dieses Heil aber hat Er selbst uns gütig zuerkannt. Können wir auch keineswegs unsere Abstammung von ihm und unsere Verwandtschaft mit ihm durch Bande des leiblichen Blutes herleiten, so sind doch Alle, die ihn wahrhaft kennen und verehren, durch die viel höheren Bande des Geistes und des Herzens mit ihm vereinigt und verwandt! Denn es steht geschrieben: „Da Jesus noch zu dem Volke redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden. Da sprach Einer zu ihm: Siehe, Deine Mutter und Deine Brüder stehen draußen und wollen mit Dir reden. Er aber antwortete und sprach zu Dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter? Und wer sind meine Brüder? Und reckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, derselbige ist mein Bruder, Schwester und Mutter!“
Also so heilig auch dem Herrn die Bande des Blutes waren, so willig er als Kind seinen Eltern gehorchte, so kindlich er noch am Kreuze für seine Mutter sorgte, so sind doch diese Verhältnisse es nicht allein, nicht vornehmlich, welche die Verwandtschaft mit ihm bedingen, vielmehr kommt es auf die Bande der geistigen Gemeinschaft, auf das Bestreben an, wie er, dem Willen Gottes gemäß zu handeln, um uns als seine wahren Brüder und Schwestern, um uns als mit ihm verwandt rühmen zu dürfen. Wer diese Bedingungen nicht erfüllt, er gehört nicht zu ihm, er hat keinen Teil an ihm und seinem Reiche, er ist verstoßen als ein unwürdiges Familienglied, möchte er auch seine Abstammung von Jesu Familie unbezweifelt durch einen irdischen Stammbaum und tausend Geburtszeugnisse nachweisen können. Es wäre ein falscher Adelsbrief, den er vorzeigte, eine erlogene Ehre, die er sich aneignete; er wäre dem ungeratenen Kinde gleich, von dem der Vater sagt: ich erkenne Dich nicht mehr für meinen Sohn, meine Tochter! Denn Christus spricht: Wer meinen Geist nicht hat, der ist nicht mein. Und abermals spricht er: Wer mich nicht durch treue Nachfolge meines Beispiels bekennt vor den Menschen, den will ich auch nicht bekennen vor meinem himmlischen Vater!
Sind wir aber also nicht bloß durch die Wasser-, sondern auch Geistestaufe mit Christus verwandt, sind wir geistig seine Brüder und Schwestern und seine Mutter, o welcher Ehre sind wir gewürdigt! welcher edle Stolz geziemt uns! Ihm verwandt sein, dem Gott einen Namen gegeben hat, der über alle Namen ist, und alle Gewalt im Himmel und auf Erden, dem Lieblinge des Vaters, dem Abglanz der ewigen Herrlichkeit, dem Könige der Ewigkeit, welches Glück kann größer, welche Würde kann köstlicher sein! O, erkennet sie, diese Würde, diese Ehre, Hohe und Niedrige, Weise und Unweise, Reiche und Arme! und fühlet Euch gedrungen, derselben Euch würdig zu erweisen durch einen Wandel, wie Euer hoher Ahnherr, Jesus Christus, ihn fordert.
Sind wir Christi Bruder und Schwester und Mutter, gehören wir einem so großen Herrn an, reicht unser geistiger Stammbaum bis zu Ihm hinan: wie könnten wir ihn, den Göttlichen, verleugnen in unserm Herzen und Leben! Wie sollte nicht die innigste Liebe zu Gott und zu unseren Brüdern uns heilige Pflicht sein! Wie dürften wir in Sünde und Laster solcher Ehre uns verlustig machen! Nein, wenn schon die Erinnerung an große Väter und Vorfahren die Kinder und Enkel und Enkel-Enkel anspornt, sich solcher Abstammung wert zu beweisen, wie viel mehr muss das Gefühl unserer Verwandtschaft mit dem Größten und Erhabensten, der je auf Erden weilte, uns zur regsten Nacheiferung seines erhabenen Beispiels anmahnen und auffordern!
Sind wir Christi Bruder und Schwester, welcher Trost steht uns dann zur Seite! Oder sollte Er uns verlassen, der selbst den herben Kelch des Todes trank und versucht wurde, gleich wie wir? Sollte Er, der uns bis in den Tod geliebt und aus Liebe zu uns sich in den Tod gegeben, sich von uns wenden, wenn wir nach Trost und Kraft rufen! Das kann der Bruder nicht; er wird uns nahen, unsern Schmerz zu stillen!
Sind wir Christi Bruder und Schwester, welche Hoffnung hebt uns empor! Unser erhabener Bruder, der König des ewigen Reiches, betete: Vater ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die Du mir gegeben hast, dass sie meine Herrlichkeit sehen. Er hat uns dort die Stätte bereitet! Hat er dem Tode die Macht genommen, so wird das Grab auch über uns keine Macht haben, sondern Christus wird uns dort zurufen: O Ihr Gesegneten meines himmlischen Vaters, kommet und ererbet das Reich, das Euch bereitet ist von Anbeginn!
Darum sinke ich nieder vor Dir, Vater! breite meine Arme aus vor Dir unter den Wundern des Leben und unsterbliches Wesen verkündenden Frühlings, den Du abermals geschaffen, und bete: ich will nicht müde werden, zu tun Deinen Willen, o Vater im Himmel! und meine Ehre soll sein, dass ich Christo nachfolge! Amen. (Gerhard Friederich)