Jeremia 6,8
Andachten
Bessere dich, Jerusalem, ehe sich mein Herz von dir wendet.
Ein Prophetenwort, in dem wir Gott selbst aus tiefstem Herzen zu seinem abgefallenen Volke sprechen hören, aber sprechen, als ob Tränen seine Stimme erstickten. Tief ist in Jeremias Zeit die Nachkommenschaft von Juda gesunken, und schwere Gewitterwolken. ziehen sich von Babel her gegen Stadt und Tempel zusammen. „Es will Abend werden, und die Schatten werden groß“. Jerusalem muss gezüchtigt werden, wenn anders später noch etwas aus ihm werden soll, und um keinen Preis kann es sich selbst befreien von dem nahenden Gottesgericht, sondern alles weitere hängt davon ab, ob das Gericht so ertragen wird, dass es am Ende doch noch einen Segen hinter sich zurücklassen kann. Jerusalem muss sich züchtigen lassen, es muss das Gericht über sich ergehen lassen, bußfertig, willig, gehorsam; darin muss es bedingungslos eins sein mit Gott, oder es steht ihm noch etwas viel Schlimmeres bevor. Es ist, als fürchte Er, der uns, aber auch sich selbst durch und durch kennt, es möge sonst das Allerärgste geschehen, dass sein liebevolles Herz sich endlich doch noch einmal losreißen könnte von einem so unverbesserlichen Volke. Und gerade das will er in Ewigkeit nicht, denn er gedenkt des Bundes, den er mit seinen Freunden und ihrem Samen geschlossen. Aber wird er das tun können, ohne seine eigne heilige Natur zu verleugnen? Er bittet eindringlich, nicht nur um ihret- sondern auch um seiner selbst willen, dass sie ihm das Erreichen seiner herrlichen Absicht nicht sittlich unmöglich machen; er faltet die Hände und lässt ihnen gleichsam die Wahl, entweder sich seine Rute gefallen zu lassen, oder seine Liebe gänzlich zu verlieren. Rührender Anblick! Gott bittet den Menschen, der König sein Volk, der Vater sein Kind - wie nachher, sich versöhnen zu lassen, so hier, sich züchtigen zu lassen. Ist das weniger ergreifend, als wenn später Jesus Christus über dasselbe Jerusalem weint und fruchtlos jammert: „Wenn du es wüsstest zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient - aber nun ist es vor deinen Augen verborgen.“ (Luk. 19, 42.)
Ja, der Herr kennt sein Geschöpf ganz genau; das zeigt er dadurch, dass er auch solche Töne hören lässt, wenns ja auch nur noch allzu oft vergeblich ist! So ist es; nicht die Züchtigung an sich selbst wirkt eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit, sondern die Art und Weise, wie sie ertragen wird, und vor allem das Maß, in dem man sich durch die Züchtigung üben lässt. „Lass dich züchtigen!“ Dazu gehört viel mehr, als man bei oberflächlicher Betrachtung denken sollte. Es ist nun einmal nicht genug damit, dass wir den Strom des Jammers, dem wir nun einmal nicht wehren können, über uns kommen lassen; dass wir uns zitternd niedersetzen dahin, wo die Schläge niederfallen, die nun über uns ergehen sollen; dass wir die Striemen fühlen, und sie dann so bald wie möglich abwaschen. Es will noch viel mehr sagen, als dieses alles. Sich züchtigen lassen - das will natürlich nicht heißen, dass es uns angenehm sei, aber doch, dass wir für recht, für gut, für seiner und unser würdig halten, was er mit uns tut; das will sagen, dass es am Ende besser ist, seine Gnade zu genießen, wenn sie auch in Gestalt der Züchtigung kommt, als seine Rute zu entbehren, aber dann auch die Gnade ganz zu verlieren. Das ist gewiss nichts Geringes, dieses sich züchtigen lassen, zumal wenn es länger als heute oder gestern dauert. Wir waren es früher so ganz anders gewöhnt, wir wüssten doch auch nicht, dass gerade wir so viel schlechter wären als andere; und am allerwenigsten begreifen wir, warum das Kreuz grade für diese Schultern doch gleichviel: Lass dich züchtigen, Jerusalem! deinen Irrweg hast du nach Herzenslust selbst wählen können, aber die Zuchtrute, die gegen dich aufgehoben wird, musst du willig über dich ergehen lassen, gleichviel in welcher Form sie kommt und wohin sie dich trifft. Gezüchtigt werden ist noch immer nicht das Ärgste. Vergeblich gezüchtigt werden, siehe da, das ist es, warum wir beten müssen, dass uns der Herr davor bewahre. Der Bastard, der der Rute gar nicht mehr würdig gehalten wird, ist schlimmer daran, als der verlorene Sohn im Elend der Fremde.
„Auf dass sich mein Herz nicht von dir wende“! Nein, Herr, dies Eine in alle Ewigkeit nicht; lieber denn noch, wenn's sein muss, einen Schlag mehr von der Rute! Auf deine Bitte: „Lass dich züchtigen!“ kann nur dies unsere Antwort sein: Züchtige mich Herr, doch mit Maße (Kap. 10, 24), und erspare mir zur Not auch ein schweres Kreuz nicht, nur lasse mich dein Herz behalten! Und wahrlich, das wirst du tun, du, der einmal durch denselben Propheten deinem Volke, als es sich züchtigen ließ, jenes unschätzbare Trostwort zukommen ließ, welches wohl wert ist, dass mans mit gebeugten Knien anhört: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, nämlich Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden.“ (Kap 24, 11-13.) (Oosterzee, Johannes Jacobus van)