Psalm 39,6
Andachten
Siehe, meine Tage sind einer Hand breit bei dir, und mein Leben ist wie nichts vor dir. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben!
Zweimal tönt in unserem Psalm die bange, erschütternde Klage: „Ach, wie so gar nichts sind alle Menschen! Meine Tage sind einer Hand breit.“ Wohl liegt das Leben so voll und reich und weit vor Einem, wenn man in träumerischer Jugendzeit in die Ferne schaut. Es ist Einem, als wolle es gar kein Ende nehmen. Und was zieht da nicht von stolzer Hoffnung durch die Seele! Was will man nicht alles erringen, erarbeiten, genießen, erleben!
Aber wie man nun in Kampf und Arbeit des Lebens hineintritt, da fliegen Wochen, Monde, Jahre, Jahrzehnte pfeilgeschwind. Bald liegen die Tage der Jugend wie ein verlorenes Paradies von Nebel umhüllt, (ach, auch oft von finsteren drohenden Wolken bedeckt,) hinter uns, wie ein verlorenes Paradies. Du erinnerst dich wehmütig ihrer Spiele und Freuden und zugleich musst du mit niedergeschlagenem Blick und der Träne im Auge flehen: „Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend!“ Bald schaut man, rückwärts blickend, seinen Weg, da liegen Trümmer neben Trümmer. Ach, es sind die Ideale, die Zukunftsbilder, mit denen du dich trugst. „Aus der Jugendzeit klingt ein Lied dir immerdar; ach, wie liegt so weit, wie liegt so weit, was dein einst war.“ Und die Ewigkeit, die dir vor kurzem noch so weit in der Ferne lag, sie rückt näher und näher. Schon mehren sich die Zeichen, die dir melden, dass deines Leibes frischeste Kraft geschwunden ist. Schon sinken mehr und mehr, rechts und links, Freunde und Genossen der eigenen Jugend in's Grab hinein. Schon kommen Stunden, da ein banges Gefühl der Verlassenheit sich deiner bemeistern, dein Herz einschnüren will. Ja als die Hinwegeilenden sind wir Gäste und Fremdlinge auf Erden.
Und doch, wie nichtig auch der Mensch ist, wie verzagt er auch oft ist über die Eitelkeit der irdischen Dinge und über die eigene Ohnmacht und Hinfälligkeit, dennoch kann der Mensch sich gebärden, als ob er, ich weiß nicht was, wäre und schier ewig auf Erden bliebe. Ob er auch in einem Kartenhaus wohnt, das der erste Windstoß umwerfen kann, er stellt sich doch, als ob er der Bewohner einer unerschütterlichen Felsenburg wäre. Da sammelt Einer und sammelt und baut sich einen Palast wie für Ewigkeiten und kaum ist der letzte Stein zum vorletzten gefügt, da sinkt er in das Grab. Die Anwohner sehen's und zittern, aber nicht lange; denn ein unnennbarer Leichtsinn hat sein Heim in des Menschen Brust; bald ist das Zittern vergangen und sie wohnen sicherer als vordem. „Herr, lehre uns doch, dass es ein Ende mit uns haben muss!“ betet darum der Psalmist. Man sollte nicht meinen, dass es dieser göttlichen Belehrung bedürfte, da jedes Blatt, das vom Baum fällt, uns diese Lehre gibt. Aber wenn hier David, und im 90. Psalm (V. 12) Moses, der Mann Gottes, so beten müssen, wie vielmehr wir! Ach, wie so gar nichts sind alle Menschen! Ja, und das Schlimmste ist, dass sie, die gar nichts sind, so viel sein wollen. O, wie sorgt das Menschenkind, das wie ein Schattenbild über die Erde zieht, so ängstlich um seine Ehre, um seinen Ruhm! Wie erbittert kann es werden über eine kleine Ungerechtigkeit und Beleidigung! Wie lange kann es sich innerlich quälen über eine Demütigung und Zurücksetzung, die ihm widerfahren ist; wie lange kann es sich grämen über einen kleinen Verlust an irdischem Gut, das doch bald alles verloren ist! O, wir Narren!
Lieber Leser, kennst du eine Himmelsleiter, daran du aufwärts steigen kannst in das Land, wo ewige Güter und unvergängliche Herrlichkeit gefunden werden? Kennst du einen Quell, dessen Trank ewige Jugend verleiht? Rennst du eine Liebe, die mit Allmachtshand dich auch mitten im zeitlichen Sterben und Verderben fest hält und sicher trägt? Du kennst das Alles, wenn du Den kennst, der in armer Knechtsgestalt und im Pilgerkleid durch den Staub dieser Erde schritt, gerade wie du, nur demütiger, nur heiliger. Den, in dessen Niedrigkeit dennoch das Angesicht des ewigen Vaters enthüllt wurde, Den, der da sprach zu den Hinsterbenden: „Wer an mich glaubt, der wird nicht sterben, sondern er ist schon von dem Tod zum Leben hindurch gedrungen.“ Kennst du Ihn? O, suche Den, lass Alles stehn! O, suche Ihn, ergreife Ihn, mit so viel Glauben und Vertrauen du kannst, suche Ihn und dann gib sich Ihm, aber ganz! Es wird dein Tod sein und dein Leben. Aber sterben wird nur, was doch schon dem Tod geweiht ist; ewige Lebensfülle und Herrlichkeitsgestalt aber wird werden, was jetzt kaum bange Hoffnung und Sehnsucht ist. (O. Funcke)
HErr! mein Leben ist wie nichts vor Dir.
Es ist alles ganz eitel, spricht der Prediger Salomo. Es ist alles Tun so voll Mühe, dass es niemand ausreden kann. Ich sah an alles Tun, so unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel Jammer. Denn seht, was machen wir? Womit bringen wir unser Leben zu? Wie verfließet unser Leben? Wie vergeht ein Tag nach dem andern, wie verzehrt sich unsere Zeit und nimmt augenblicklich ab, als ein Licht? Und wenn wir alle unsere Werke besehen, so wir auf Erden getan haben, so ist es eitel Mühe und Arbeit, Nichtigkeit und Eitelkeit; ich will der Sünden geschweigen, die wir täglich häufen. Ach, es ist eine große Weisheit und Kunst, der Welt Eitelkeit und seine eigene Nichtigkeit erkennen! denn unser ganzes Leben, Vermögen und alle unsere Kräfte sind nichts, darum hat sich auch ein Mensch nichts zu rühmen. So sich aber jemand lässt dünken, er sei etwas, da er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. (Johann Arnd)
Ach wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben!
Wer nicht will betrogen sein, und sich durch Hoffart in Unglück stürzen, der halte sich für nichts; denn Gott ist alles, und wir haben alles von Ihm; von uns selbst sind und haben wir nichts. Es ist alles Gottes, was wir sind: Unser Verstand ist Gottes, denn wie bald kann Er einen Weisen zum Narren machen wie den Nebukadnezar und den Ahitophel? Alle Kräfte unsers Leibes sind nicht unser, sondern Gottes; wie bald kann Gott die Stärke zerbrechen und niederlegen, wie den Goliath? Unser Vermögen und unsere Güter sind alle ein fremdes Gut, und sind nicht unser, sondern Gottes; wie bald kann es Gott wieder nehmen, wie dem Hiob und dem reichen Nabal? Unser Leben ist nicht unser, sondern Gottes; wie bald kann Gott unsere Seele von uns nehmen? Darum ist es eine lautere Nichtigkeit mit uns, und wir haben uns nichts zu rühmen. Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit rc. Wo sich aber ein Mensch auf sich selbst verlässt, so fällt er in seine eigene Nichtigkeit, und versinkt in den Abgrund seines eigenen Elends, und muss ewig verderben in Seiner Unseligkeit. (Johann Arnd)
Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben!
Dies ist das gewöhnliche Leben und Treiben der Menschen. Sie essen, sie trinken, sie arbeiten, sie ruhen, sie schlafen und wachen, sie sind neidisch, geizig, hochmütig, sie afterreden1), sie lügen und betrügen, sie treiben sich unter einander herum, sie üben ihre Lüste und Leidenschaften aus, Alles in der größten Sicherheit, ohne ernsthafte Gedanken an die Ewigkeit, an die Hölle, der sie doch auf diesem Weg bestimmt entgegengehen.
Woher diese Sicherheit der Minder des Verderbens? Antwort: aus der verfluchten Eigenliebe, aus dem Hochmut heraus. Ein Jeder meint, ihm für seinen Teil könne es nicht fehlen. Wenn das Wort Gottes gepredigt wird, wenn die Leute so herumsitzen und hören von der Liebe und vom Ernst Gottes, und dass ohne Heiligung Niemand den HErrn sehen werde: so können sie das so anhören, und bleiben doch in dem Tod der Sünde und der Eitelkeit gefangen. Dies geschieht nur deswegen, weil ein Jeder meint, ihm werde es nicht fehlen, ihn gehe das scharfe Wort nicht an, bei ihm werde eine Ausnahme von der Regel gemacht. Da denkt ein Jeder an seinen Nachbar, an einen Dritten; man wünscht, wenn nur der oder jener, den man liebt, getroffen würde, dass er seine Untugenden aufgäbe: für sich selbst aber bleibt man in der größten Sicherheit. Ich will mich schon noch mit Gott verständigen; ich will schon noch ernstlich werden; bei mir hats keine Not. Seht da unser arges, eigenliebiges, hochmütiges Herz!
Ist ein Mensch angesehen vor den Leuten, in einem Stand, wo sich die Menschen vor ihm bücken, so meint er, Gott und sein Wort müssen sich auch vor ihm bücken, sich beugen und ihm ausweichen. Ist ein Mensch nicht in äußerem Ansehen, so weiß er andere Gründe. Er hat ein gutes Herz; er meint es doch gut; er hat andere gute Eigenschaften, die viele hundert Andere nicht haben; der HErr wird also, wie er meint, eine gerechte Ausnahme bei ihm machen. Und kann oder mag Einer von dem Allem nichts anführen, so glaubt er eine Ausnahme um seines Ichs willen; weil er der und der ist, wird der HErr nicht so streng mit ihm verfahren. Warum? Ich bin‘s ja. Mit der Weichlichkeit, mit welcher er selber sich liebt, meint er, werde ihn auch Gott lieben und behandeln. Aber dies ist weit gefehlt. (Ludwig Hofacker)