5. Mose 27,9
Andachten
Heute, dieses Tages, bist du ein Volk geworden des Herrn, deines Gottes, dass du der Stimme des Herrn, deines Gottes gehorsam seiest.
Gottes freie Wahl hat Israel aus ewigem Erbarmen zu einem Volke gemacht. Nach der langen Zubereitung in Ägypten und der Reise durch die Wüste sollte es den Jordan überschreiten, in Kanaan einen Altar bauen und dann sich bewusst werden, dass es nun Gottes Volk sei. Auch die Gläubigen des Neuen Bundes sind aus Gottes ewigem Erbarmen ein Volk geworden; sie haben zwar kein eigenes Land, keine einheitliche Verfassung wie Israel, gleichen eher den vielen Ästen und Zweigen, die aus dem einen Stamme hervorwachsen und auf der einen Wurzel ruhen. Ein Volk also mit gemeinschaftlichem Leben sollen wir sein. Wer eigenmächtig vom Vaterhause weggeht, wie der jüngere Sohn, kommt unter die Säue. Wer die Hürden verlässt, wird ein verlorenes Schaf; wer auf eigne Faust streitet, wird vom Feind überwunden. Erbarmung aber rettet aus der Irre und vereinigt wieder. Wenn auch kein Zweig des Baumes dem andern völlig gleicht, so bilden sie doch zusammen die einheitliche Krone des einen Baumes.
Israels Bund mit Gott musste ihm oftmals wieder ins Bewusstsein gebracht werden; darum wurde ihm häufig befohlen, Denksteine aufzurichten und Gedenktage zu feiern. Welches ist das Heute, an dem wir Glieder des Volkes Gottes geworden sind? Nenne den Tag der heiligen Taufe, - o hätten wir den damals geschlossenen Bund nie verletzt! Nenne den Tag der Konfirmation, o hätten wir sein Gelübde stets gehalten! Wir hatten unsern Willen Gott übergeben, aber es geschah nicht gründlich und darum nicht bleibend. Seitdem sind noch manche Tage gekommen, die uns die Erneuerung des Bundes ermöglichten; aber wann kommt endlich derjenige, der ihn für immer festigt? Auf Gottes Seite wankt er nie, warum schwanken wir so oft? Die Eingliederung ins Volk Gottes bringt Segnungen, legt aber auch Verpflichtungen auf. Israel sollte von nun an der Stimme des Herrn seines Gottes gehorchen und durfte nicht mehr nach eigenem Gutdünken handeln. Würde es nicht gehorchen, so würde Gott es züchtigen. Den Geboten Gottes zu gehorchen ist auch unsere Pflicht; aber nicht nur Pflicht, denn wir leben im neuen Bunde, sondern Freude und Lust. Ein Reis, das eingepfropft ist, braucht nicht Anstrengungen zu machen, um zu wachsen, und sich nach der Art des Baumes zu entwickeln; seine einzige Aufgabe ist, sich anzuschließen, den Saft des Baumes in sich aufzunehmen und treiben zu lassen. Ebenso ist der Weg zum Halten der Gebote Gottes nicht mühsames Streben, sondern tieferes Einwurzeln in den Grund der ewigen Erbarmung und Aufnehmen der Kräfte des dreieinigen Gottes. Wie ein gesunder Baum seinen Saft durch alle Zweige in alle Blüten und Früchte hinein treibt, so will der Geist Jesu Christi in uns das Halten der Gebote wirken. Da gilt keine Auswahl und kein Zurückbleiben. Wir dürfen nicht einem Krüppel gleichen, der vielleicht gute Erkenntnis, aber lahme Hände hat, der viel weiß, aber wenig tut. Wir müssen dem Triebe Gottes nach jeder Richtung gehorchen.
Wo fehlt es, wenn das nicht geschieht? Es ist nicht der ganze Wille in Jesu Wille gelegt, deswegen braucht er das Messer und schneidet, auch wenn es blutet, damit nicht das Unfruchtbare oder Absterbende das noch Gesunde schädige. Je mehr Gehorsam unsrerseits, desto weniger Gebrauch des Rebmessers seinerseits, und desto mehr Freude und Kraft in der Gliedschaft des Volkes Gottes.
Dreieiniger Gott, seitdem du mich in der Taufe zu deinem Eigentum angenommen hast, bist du mir treu geblieben; ich aber bin abgefallen und wenn du den Bund nicht wieder gefertigt hättest, so wäre ich für immer verloren. Umfange mich denn mit deiner Retterhand so fest, dass deine Kraft in mir wirke und ich deine Gebote halten könne. Gib auch den Angefochtenen durch das Sakrament der Taufe, dessen sie teilhaftig worden sind, neue Gewissheit! Amen. (Rudolf Wenger)