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Jakobus 4,14

Jakobus 4,14

Andachten

Denn was ist Euer Leben? Ein Dampf ist es, der eine kleine Zeit währt, danach aber verschwindet er.
Was ist mein Leben?! Wie flüchtig eilen auf dem großen Triebrade der Zeit meine Tage dahin! Kaum bin ich zum Bewusstsein meiner selbst gekommen und fange an, die zu meinem Bestehen und Fortkommen in der Welt nötigen Fertigkeiten und Kenntnisse mir zu erwerben; kaum habe ich es dahin gebracht, im Leben selbstständig auftreten und in meinem Wirkungskreise mich denen würdig anreihen zu können, welche nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft sind: so sind meine Tage schon wieder in der Ewigkeit unersättliches Grab hinabgesunken und ehe ich es vermute, hat sich die Sonne meines Lebens zum Untergange geneigt. Die Jahre der Kindheit vergehen unter harmlosen Spielen so schnell, die Jahre des Mannesalters eilen unter ernster Beschäftigung so flüchtig dahin, wir stehen als Greise am Grabe und wissen nicht, wie uns geschieht, und wenn wir unser Leben überschauen, so dünkt uns Alles wie ein Traum vergangener Nacht.

Es soll mir dies eine ernste Mahnung sein, dem Leben, das eine kleine Zeit währt, den bestmöglichen Genuss abzugewinnen und, was es Angenehmes und Erfreuliches bietet, recht weise und fromm zu benutzen. Durch unnötige Sorgen will ich mir die wenigen frohen Stunden nicht verbittern und die Freudenblüten, welche an meinem Lebenswege stehen, will ich nicht mutwillig zertreten.

Wie schnell jedoch meine Lebenstage vergehen, ich eile auf ihren Schwingen einer höheren Welt entgegen. Dem Leibe nach bin ich als Erdenbürger wie alles Irdische dem Gesetze der Vergänglichkeit, dem ich so bald anheimfalle, unterworfen; aber mit dem Geiste gehöre ich dem Himmel an, und wenn diese flüchtigen Minuten vergangen sind, wie ein Dampf, so nehmen mich der Ewigkeit grenzenlose Räume auf. So eilet denn dahin, ihr flüchtigen Jahre; ich kann euch ruhig scheiden sehen, da ich weiß, dass ich, wie Stunde an Stunde sich reiht, der Ewigkeit näher komme, und der Gedanke, dass ihr mich einem Kreise höherer Wesen entgegenführt, schwellt mit dem Gefühle der Achtung vor der Würde meines Lebens die Brust. Und diese Achtung vor mir selbst will ich dadurch beweisen, dass ich mit strengem Ernste in weiser Bedachtsamkeit Alles zu vermeiden suche, was mich herabwürdigen und entehren kann, dass ich in keine Sünde willige und tue wider Gottes Gebot und mich bestrebe, Mensch zu sein in rechter, vernünftiger Weise, das Ebenbild der Gottheit in seiner ganzen Reinheit und Vollendung darstellend.

Nicht bloß im Zusammenhange mit einer höheren Ordnung der Dinge steht mein Leben auf Erden, es ist auch vorbereitend auf einen vollkommeneren Zustand, und erst wenn ich die rechte Befähigung erlangt habe und nach dem Grade, in welchem ich mir sie zu erwerben gewusst habe, werde ich in die Reihe der Himmelswesen eintreten und meine Stelle einnehmen. Wie sollte ich darin aber nicht eine heilige Verpflichtung, eine kräftige Aufmunterung finden, keine Minute vorbeigehen zu lassen, ohne dieselbe zur Übung meiner Kräfte, zur Ausbildung meiner Anlagen weise benutzt zu haben, und jede Gelegenheit zu ergreifen, die mir zur Vervollkommnung meiner unsterblichen Seele geboten wird. Kein Tag, den ich habe unbenutzt an mir vorbeigehen lassen, kehrt wieder, und wenn sie alle abgelaufen sind wie eine Weberspule und ich muss, von des Todes Ahnung, deren Schauer mein Gebein durchrieselt, an den großen Tag der Vergeltung gemahnt, im Rückblick auf die dahingeschwundenen Jahre bekennen: Du hast Deine Lebenszeit verloren und nicht Bitte, nicht Gebet kann sie wiederbringen, nicht Reue und Verzweiflung kann Deine Schuld sühnen; so muss ich vergehen vor Gram und vergebens lechzt das Herz nach Erquickung.

Verstehe ich es aber und bemühe ich mich, meine Zeit weise zu benutzen, so hält das Bewusstsein meiner Pflichttreue mich in jedem Erdenleiden aufrecht, und der Gedanke, dass die flüchtigen Tage meines Lebens mich einem seligeren Sein zuführen, gibt Geduld und Mut in jeder Plage. Über das Erdenleben hinaus erhebe ich freudig den Blick in ein seligeres Sein, in das Land des ungestörten Friedens, wo es nicht mehr um mich stürmt und mein Herz nicht mehr von des Schicksals Schlägen verwundet wird; wo mich die Erdensorgen nicht mehr bekümmern und jeder Kampf widerstreitender Verhältnisse sein friedliches Ende gewonnen hat; wo kein Leid mehr ist und kein Geschrei und alle Tränen von meinen Augen abgewischt sind. Jeder Leidenstag bringt mich diesem herrlichen Ziele immer näher, und wenn ich jede Anfechtung standhaft ertragen habe, so hilfst Du, Herr, zu Deinem himmlischen Reiche. Amen. (Gerhard Friederich)

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