Hebräer 3,12
Andachten
Sehet zu, lieben Brüder! dass nicht Jemand unter euch ein arges ungläubiges Herz habe, das da abtrete vom lebendigen Gott; sondern ermahnet euch selbst alle Tage, so lange es heute heißet, dass nicht Jemand unter euch verstockt werde durch Betrug der Sünde.
Der Apostel fand diese Warnung bei den ersten Christen, die durch ihn oder andere Apostel des Herrn erweckt und geführt wurden, für notwendig; wie vielmehr wird sie für uns nötig sein? Ach, wie leicht fällt man zurück, wird wieder lau, und endlich umempfänglich für alle Gnadenrührungen - woraus nach und nach Verstockung geboren wird. Es ist nichts listiger als die Sünde, sie betrügt so leicht wieder den, der ihr abgesagt hat, aber nicht ganz, oder sich nicht beständig vor ihr fürchtet, sein Herz nicht mit Demut bewahrt und nicht kindlich an dem Herrn hängt. Es versteckt sich nach und nach etwas Arges und Schlechtes im Herzen, macht dasselbe ungläubig, und es fällt ab vom lebendigen Gott, bleibt am toten Buchstaben, an Formen und gewohnten äußern Übungen hängen. Aber der lebendige Gott, Christus und sein Geist, sein Friede und seine Nähe ist aus dem Herzen gewichen. Was kann und wird aus einem solchen Christus-leeren, gottlosen Herzen werden? Es zieht ein Anderer ein, der mit sieben Ärgern kommt. Warum sagt Paulus: vom lebendigen Gott? Darum, weil Gott für uns ein toter Gott ist, wenn er nicht in uns lebt. Gott ist in sich immer lebendig, aber für dich ist er nichts, wenn du sein Leben und Wesen, seine Gnade und Kraft nicht in dir spürst. Du hast dann nur die toten Götzen der Buchstaben ohne Geist, der leeren Worte ohne Leben. Das wirket die Täuschung der Sünde. Sie lässt dir einen toten Gott auf der Zunge, ohne Geist im Herzen, äußere Übungen ohne inneres Leben; wenn nur Gott, Christus nicht in dir lebt, damit sie ihr Wesen in deinem Herzen treiben kann. Es muss aber umgekehrt sein, die Sünde muss im Innern getötet werden, und Christus muss darin leben, sonst bist du abgetreten vom lebendigen Gott, und deine frommen Übungen werden dir zu toten Götzen, die das Herz verhärten und verstocken. (Johannes Evangelista Gossner)
“Dass nicht jemand unter euch ein arges ungläubiges Herz habe, das da abtrete vom lebendigen Gott.“
Wie kann es dazu kommen, dass jemand vom lebendigen Gott wegtritt? Ein trotziges Kind, das seinen Willen nicht durchsetzen konnte, will jetzt auch keine Liebkosung von der Mutter dulden; es biegt den Kopf zur Seite, es macht sich mit Gewalt hart, um sich nicht weich machen zu lassen. Wie kommt ein Mensch in solche Verfassung Gott gegenüber? Wenn Gott ihm seinen Willen nicht tut. „Weil er mir mein Kind hat sterben lassen“, sagte mir einst eine Mutter, „will ich nichts mehr von ihm wissen, nie!“ Die Richtung des Misstrauens, des Unwillens führt sie zum Unglauben, und dann gibt es bald durch den Betrug der Sünde auch die Tat: Wegtreten von Gott weg. Was hilft's? Er ist der Lebendige; du kannst ihm doch nicht entlaufen. Und wenn du tausend Schritte oder Meilen von ihm wegeilst, bleibst du doch in seiner Hand. Was wird dann dein Los werden? Die Liebe zu Jesus und die Liebe Jesu zu uns darf nicht gestört werden. Unser herzliches Vertrauen zu ihm darf nicht erschüttert werden. Sonst kann, wer weiß was, aus dieser geheimen Erkältung erwachsen. Trage deine Seele alle Tage in deinen Händen!
Herr Jesus, du weißt alle Dinge! Du weißt, dass ich dich lieb habe. Ich kann den bloßen Gedanken nicht ertragen, dass deine Liebe mir nicht mehr sollt gelten, oder dass meine Liebe zu dir geschädigt würde. Darum erbarme dich meiner und halte mich fest. Ich bin dein! Amen. (Samuel Keller)
Seht zu, lieben Brüder, dass nicht Jemand unter euch ein arges, ungläubiges Herz habe, das da abtrete von dem lebendigen Gott.
Es liegt in diesen Worten eine ernstliche Warnung, sich vor einem argen, ungläubigen Herz zu hüten, sich genau zu prüfen, in welcher Beschaffenheit sich dasselbe befindet. Ein arges Herz, wenn man Arges von Gott denkt, wenn man mit seinen Wegen und Führungen nicht zufrieden ist, wenn man denkt, Andern lasse er es besser gehen, als uns. Dies kommt aus dem Unglauben. Der Unglaube möchte gerne Aussicht haben, und hat keine; der Glaube hat Aussichten und will keine. So ging es den Israeliten in der Wüste. Sie sahen so viele Wunder Gottes, vergaßen sie aber gleich wieder und murrten, wenn sie in eine Not kamen. Wir haben diese Beispiele vor uns, ja wir haben noch viele andere; Hebr. 11 wird uns eine ganze Wolke von Zeugen vorgeführt. Wir haben im Wort Gottes Beispiele vom Glauben und Unglauben, nebst den beiderseitigen Folgen. Diese sollen wir uns selbst öfters vorhalten. (Joh. G. Kolbs Lebenslauf.)
Seht zu, liebe Brüder, dass nicht Jemand unter euch ein arges, ungläubiges Herz habe.
Ist das Herz verfinstert, so wird es auch in seinem Lichten eitel, wie Paulus Röm. 1, 21. von den Heiden sagt, und so erhebt sich eine ganze Menge verkehrter Urteile über Gott, seine Wege und den eignen Seelenzustand. Statt davon nach dem göttlichen Worte zu urteilen, das uns auch Züchtigungen als Liebeszeichen ansehen, und die Trübsal von einer Seite kennen lehrt, wo sie als höchst vorteilhaft erscheint und Anlass zum Rühmen gibt, das uns zum Herrn weist, und uns ermuntert, auf den Namen des Herrn zu hoffen, und uns zu verlassen auf unsern Gott, wenn wir im Finstern wandern, - lässt es einer Menge eigener Gedanken Raum, und urteilt nach der Empfindung und nach den Eingebungen der Vernunft, und nicht nach dem untrüglichen Wort, dem wir fest glauben sollen, und darin den Faden finden, der uns durch die verschlungensten Irrgänge leitet. Ach! wir sind ohnehin so voll jämmerlichen Misstrauens und Argwohns gegen den so vertrauenswürdigen Gott. Ereignet sich das Geringste, das dieses zu rechtfertigen scheint, so ist des Argdenkens kein Ende. Heißt es nicht: sollte Gott gesagt haben? so heißt es doch: sollte er es halten? Heißt es nicht: kann er's? so heißt es doch: will er's tun? Zweifelt man nicht an Andern, so tut man's umso mehr an sich selbst, und es wird uns weit leichter, ihm, aller Versicherung vom Gegenteil ungeachtet, schlimme als gute Gesinnungen gegen uns zuzuschreiben. Das ist ein großer Teil und eine reiche Quelle unseres Elends. (Gottfried Daniel Krummacher)