Hebräer 2,17
Andachten
Daher musste er allerdinge seinen Brüdern gleich werden, auf dass er barmherzig würde, und ein treuer Hohepriester vor Gott, zu versöhnen die Sünde des Volkes. Denn darinnen er gelitten hat, und versucht ist, kann er helfen denen, die versucht werden.
Mir achten leicht zu wenig auf die Tiefe des Geheimnisses, welches das heilige Weihnachtsfest uns predigt, und welches darin liegt, dass Gott Mensch geworden ist. Wir denken uns den Vorgang leicht so, dass der ewige Sohn Gottes die menschliche Natur nur für die Dauer seines Erdenlebens als ein zeitweiliges Kleid um sich genommen habe, um darin seine ewige Herrlichkeit zu verhüllen. Er habe diese Hülle zurückgelassen, als er gen Himmel fuhr, und sei nun durch dieselbige Kluft von uns geschieden, welche den unnahbaren Gott scheidet von der Kreatur. Oder wir denken es uns so, dass der Herr Jesus, als er zu Bethlehem geboren wurde, erst angefangen habe zu sein, so dass er ein bloßer Mensch bleibt, der von Gott verherrlicht und erhöht ist. In beiden Fällen nehmen wir dem Weihnachtswunder seine Tiefe. Denn es verhält sich wirklich so, dass der Sohn Gottes herabgestiegen ist vom Himmel und ein Mensch und unser Bruder geworden, und das ist er auch geblieben, nun er eingegangen ist zu seiner Herrlichkeit. Er ist unser Bruder geworden, in allen Dingen uns gleich, nur ohne Sünde. Der Grund aber, weshalb der Sohn Gottes also für alle Ewigkeit Fleisch und Blut angenommen hat, und voll und ganz ein Mensch geworden ist, ist der: „auf dass er ein treuer Hohepriester würde vor Gott, zu versöhnen die Sünde des Volkes.“ Das lässt uns noch weiter die selige Liebestat der Weihnachtsnacht verstehen. Von der Krippe sehen wir hin nach Golgatha. Wenn sonst ein Mensch geboren wird, so wird er geboren, um zu leben. Der Sohn Gottes aber ist Mensch geworden, um zu sterben. Er wollte sein Blut für uns vergießen, darum musste er Fleisch und Blut annehmen. Daher, sagt nun weiter unser Text, musste er in allen Dingen uns gleich werden, „auf dass er barmherzig würde.“ Das ist ein merkwürdiges Wort. War es doch lauter Barmherzigkeit und Güte, die ihn bewog, ein Mensch zu werden. Wie kann es denn heißen, er sei uns gleich geworden, um erst barmherzig zu werden? Die Antwort ist nicht schwer. Denn ein Reicher kann wohl Mitleid haben mit einem Armen; aber wie's recht dem Armen zu Sinn ist, dass weiß doch nur der, der selber arm gewesen ist. So, will die Schrift sagen, ist der Sohn Gottes Mensch geworden, damit er selber wisse, wie's uns armen Menschenkindern zu Mute ist. „Darinnen er gelitten hat, und versucht ist, kann er auch denen helfen, die versucht werden.“ Ach, dass wir möchten Vertrauen fassen zu ihm, der unsere Not und Schwachheit aus eigenster Erfahrung kennt.
Lasst uns beten: Herr, Jesu Christe, Du eingeborner Sohn des Vaters, lehre Du uns selbst das Geheimnis Deiner Menschwerdung recht verstehen. Wie nahe bist Du uns doch gekommen, da Du Fleisch und Blut angenommen hast, und bist unser Bruder geworden. Ach, gib uns nun auch, dass wir Deiner Barmherzigkeit vertrauen, und es glauben, dass Du Mitleid mit uns hast, wenn wir schwach sind und verzagt, weil Du unsere Schwachheit kennst aus eigener Erfahrung. Sei Du bei uns mit Deiner barmherzigen Liebe in der Stunde der Anfechtung, und lass uns nicht versinken. Amen. (Alfred Meyer)