Titus 3,3
Andachten
Wir waren auch weiland Unweise.
Tit. 3, 1-3. schreibt der Apostel: „Erinnere die Christen, dass sie alle Sanftmütigkeit beweisen gegen alle Menschen. Denn wir waren auch weiland Unweise, Ungehorsame, Irrige, Dienende den Lüsten und mancherlei Wollüsten, und wandelten in Bosheit und Neid, und hassten uns unter einander.“ Wenn wir im Gnadenstand unseres natürlichen Zustandes nicht vergessen, und bedenken, was wir waren, ehe sich Gott unserer erbarmte, so mag uns das eine Mahnung zur Sanftmütigkeit gegen diejenigen sein, denen wir einst gleich waren. Und was waren wir damals?
- Wir waren Unweise; kannten weder Gott in seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit, noch uns selbst in unserer Unheiligkeit und Ungerechtigkeit; das Wort vom Kreuze war uns Ärgernis oder Torheit, und eine andere Gerechtigkeit, als die durch des Gesetzes Werk, war uns unbekannt. Dennoch hielten wir uns für weise und verständige Leute, und dagegen diejenigen, die Christum ihre Weisheit und Gerechtigkeit sein ließen, und sich gläubig in Gottes Heils- und Gnadenordnung fügten, für unweise und unaufgeklärte Leute.
- Wir waren auch Ungehorsame. Denn obschon wir wussten, dass ein Gott sei, haben wir ihn doch nicht durch willigen, herzlichen, treuen Gehorsam geehrt; und doch hielten wir uns für ehrliche und rechtschaffene Menschen, ja für Kinder Gottes, denen um ihre Seligkeit nicht bange sein dürfe.
- Ferner waren wir Irrige. Weil wir dem Worte Gottes nicht folgten, den Weg nicht gingen, davon es heißt: „Dies ist der Weg, denselbigen gehet, sonst weder zur Rechten, noch zur Linken!“ so ließen wir uns wiegen und wägen von jedem Wind menschlicher Lehre, gingen bald eigensinnig unseren eigenen bösen Gedanken nach, folgten bald leichtsinnig der Menge zum Bösen, kurz gingen in der Irre wie die Schafe ohne Hirten. Dennoch meinten wir nicht, auf dem Irrwege zu sein, ja, wenn sich einer unseres Gleichen bekehrte, so dachten wir: „der Mensch ist verführt!“
- Auch waren wir Dienende den Lüsten und mancherlei Wollüsten. Augenlust, Fleischeslust und hoffärtiges Leben, das waren die drei Götzen, welchen zu Ehren wir Feste und Lustbarkeiten anstellten, denen wir die Blüte der Jugend, die Kräfte und Gesundheit Leibes und der Seele opferten. - Und das nannten wir wahren Lebensgenuss, und wenn sich einer davon zurückzog, so befremdete es uns, und wir spotteten seiner, als eines Kopfhängers.
- Dabei wandelten wir in Bosheit und Neid, und hassten uns unter einander. Anderen aus Eigennutz und Habsucht, oder wohl gar aus Schadenfreude Schaden zu tun, und ihr Gutes ihnen zu missgönnen, jede erfahrene Kränkung und Beleidigung uns zum Hass und zur Wiedervergeltung reizen zu lassen, und mit Worten und Werken wehe zu tun, oder bei kaltem und lieblosem Herzen uns zu gebärden, als hätten wir uns gern und lieb: das war so unsere Lebensweise gegen einander, die uns aber nicht sündlich und gottlos schien.
So waren wir weiland. Jetzt schämen wir uns dessen und beten die Gnade Gottes an, die uns da herausgerissen hat. Sollen wir aber nun nicht Sanftmütigkeit gegen alle Menschen beweisen? Sollten wir uns gegen Unweise, Ungehorsame, Irrige, Lästerer, Boshafte gebärden, als seien wir nicht ihrer Art und ihres Geschlechts gewesen, als seien wir von Natur oder durch unser Verdienst anderes Sinnes und Lebens geworden? Das sei ferne, denn von Gottes Gnaden sind wir, was wir sind! (Carl Philipp Johann Spitta)
Denn wir waren auch weiland unweise, ungehorsame, irrige, dienende den Lüsten und mancherlei Wollüsten, und wandelten in Bosheit und Neid und hassten uns unter einander.
In der Weise wie die ersten Christen kennen wir den Gegensatz zwischen Christentum und Heidentum nicht, denn wir sind alle in den frühesten Tagen in JEsum Christum getauft, wir leben in der christlichen Kirche und kennen nichts als christliche Weise. Aber eben darum ist auch unsere Verantwortung umso größer. Denn so gewiss es Tyrus und Sidon erträglicher ergehen wird am Jüngsten Gericht, als den Städten, in denen am meisten von JEsu Zeichen geschehen waren und hatten sich doch nicht gebessert, ebenso gewiss ist der Abfall von der Wahrheit schlimmer, als die Unwissenheit, und die Verleugnung Christi schlimmer, als die Unkenntnis Seines Namens. Sind wir denn nicht mehr, was die Heiden sind, so wollen wir doch an ihnen sehen, was wir gewesen sind und was wir noch sein würden, wenn die Barmherzigkeit Gottes sich nicht unser angenommen hätte, damit wir Gott recht preisen für Seine süße Wundertat und mit doppeltem Fleiß uns hüten, dass wir nicht wieder in dasselbe unordentliche, wüste Wesen zurückfallen. Denn was der Apostel hier von den Heiden sagt, das ist das Bild des natürlichen Menschen, und wie der alte Mensch erst mit dem Tode abgetan wird, so hasten alle diese bösen Stücke auch an unserer Natur, und wir haben bis an das Ende damit zu kämpfen. Kein Verstand und keine Erkenntnis von Gott und seinem Worte, und darum auch kein Wille, nach diesem Worte zu tun, irrend auf seinen Wegen, beherrscht von der Welt und den eigenen Lüsten, das Herz voll Selbstsucht, Neid und Hass, - so ist der natürliche Mensch, ein düsteres Bild, und doch wahr, ganz wahr, und wer es bedenkt, der erschrickt davor und fasst die Gnade nur umso fester, die aus dem alten einen neuen Menschen macht.
HErr, was sind wir doch gewesen und was würden wir noch sein, wenn Du Dich unserer Seelen nicht so herzlich angenommen hättest! Lass es uns nie vergessen, dass es Deine unverdiente Gnade ist, die uns so vorgezogen hat, damit wir das teure Gut unserer Erlösung allezeit dankbar erkennen, Dich dafür von Herzen preisen, es mit Vorsicht bewahren und uns der armen Heiden erbarmen, die noch sind, was wir gewesen sind, und die auch werden sollen, wozu Deine Gnade uns gemacht hat. Amen. (Hermann Haccius)