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Römer 7,22

Römer 7,22

Andachten

“Denn ich habe Wohlgefallen an dem Gesetz Gottes nach dem inneren Menschen; aber ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meines Sinnes widerstreitet und mich in Gefangenschaft bringt unter das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.“
“Da schied Gott das Licht von der Finsternis.“ 1. Mose 1,4
In einem Gläubigen sind zweierlei Kräfte in Tätigkeit. In seinem natürlichen Zustande war er nur der einen dieser Kräfte untertan, welches war die Finsternis; nun hat das Licht bei Ihm Eingang gefunden, und die beiden Mächte kämpfen nun um die Oberherrschaft. Beachtet die Worte des Apostels Paulus in diesem siebenten Kapitel des Römerbriefs: „So finde ich in mir nun ein Gesetz, der ich will das Gute tun, dass mir das Böse anhanget. Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und nimmt mich gefangen in der Sünde Gesetz, welches ist in meinen Gliedern.“

Wie wird dieser Zustand der Dinge hervorgerufen? „Gott schied das Licht von der Finsternis.“ Die Finsternis ist an und für sich ruhig und bleibt ungestört; sobald aber der Herr Licht hineinsendet, so gibt es einen Kampf, denn eines stehet dem andern entgegen. Und dieser Kampf höret nimmer auf, bis der Gläubige völlig verklärt ist im Herrn. Findet nun eine Scheidung innerhalb des einzelnen Christen statt, so erfolgt auch äußerlich eine Scheidung. Sobald der Herr einem Menschen Licht schenkt, so strebt er, sich von der umgebenden Finsternis los zu machen; er will nichts mehr zu schaffen haben mit einer bloß weltlichen Frömmigkeit äußerlicher Formeln, denn ihm genügt von nun an nichts mehr, außer dem Evangelium von Christus, und er entzieht sich aller weltlichen Gesellschaft und allen leichtsinnigen Vergnügungen und sucht die Gemeinschaft der Heiligen, denn „wir wissen, dass wir aus dem Tode in das Leben gekommen sind; denn wir lieben die Brüder.“ Das Licht sammelt sich, und so auch die Finsternis.

Was Gott geschieden hat, wollen wir nicht zu vereinigen suchen, sondern gleichwie Christus hinausging außer dem Lager und seine Schmach trug, so wollen auch wir ausgehen von den Gottlosen und ein heiliges Volk sein. Er war heilig, unschuldig, unbefleckt, von den Sündern ausgesondert; und gleich wie Er, sollen auch wir uns nicht dieser Welt gleichstellen, sondern alle Sünde verabscheuen und uns von den übrigen Menschen dadurch auszeichnen, dass wir unserem Meister ähnlich werden; denn wir sind geheiligt durch den Namen unseres Herrn Jesu Christi. (Charles Haddon Spurgeon)


Es gefällt mir Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen; ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz meines Gemütes, und nimmt mich gefangen in der Sünde Gesetz, welches in meinen Gliedern ist. Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes? Ich danke Gott durch Jesum Christum unsern Herrn.
Jedes Gesetz, ohne alle Ausnahme, ist etwas in dem Verstande des Menschen; denn selbst wenn ein Gesetz dem Menschen von oben her gegeben ist durch göttliche Offenbarung: so kann er es dennoch, weil es durch die Rede gegeben ist, auch nur mit seinem Verstande vernehmen. Die Erfüllung desselben aber, also der Gehorsam gegen das Gesetz, ist eine Sache des menschlichen Willens. Und diese beiden, Verstand und Wille, stimmen und gehen nicht immer zusammen. Das ist auf der einen Seite der eigentümliche Vorzug des Menschen, aber auf der andern Seite ist es auch eben die Ursache, warum überall, wo das Gesetz ist, auch die Sünde sich zeigt.

Der menschliche Verstand ist in dieser Hinsicht unstreitig schneller, und geht weiter als der menschliche Wille. Wir sehen das Gute früher nicht nur, sondern auch in einer vollkommeneren Gestalt, als wir es vollbringen können. Ist aber nicht eben dieses Voranschreiten unseres Verstandes vor unserem Willen die Bedingung alles menschlichen Fortschreitens in Allem, was zu unserem geselligen Leben und zu unserem gemeinsamen Beruf auf Erden gehört? und ist es nicht von dieser Seite angesehen unser eigentümlicher Vorzug vor allen andern beseelten Geschöpfen? Wie aber nun dieses Voreilen des menschlichen Sinnes und Verstandes, vermöge dessen wir uns das Gute und Treffliche, was wir in der Gegenwart noch nicht hervorzubringen vermögen, wenigstens als ein künftiges hinstellen, das zur Wirklichkeit gebracht werden soll: so gehört auch jene größere Langsamkeit des menschlichen Willens, wiewohl auf den ersten Anblick Langsamkeit nicht als etwas Schönes erscheint, doch ebenfalls zu den eigentümlichen Vorzügen des Menschen. Denn wie würde es um uns stehen, wenn nicht eine solche Langsamkeit in unserem Triebe wäre und in unserer Tätigkeit, dass wir auch anhalten könnten; wenn wir nicht umkehren könnten, wo wir Falsches und Verkehrtes begonnen haben: sondern, in unserem Inneren begonnen, wäre es auch gleich äußerlich fertig. wie oft sind wir Alle noch in dem Fall, diese Langsamkeit unseres Wesens segnen zu müssen! Hängt doch alle Sicherheit des menschlichen Selbstgefühls, ja das ganze Bewusstsein unserer Freiheit und Selbsttätigkeit eben an diesem langsamen Fortschreiten des Willens, an diesem Bewusstsein der Mühe und Anstrengung, mit der wir das Eine nach dem Anderen vollbringen und auf diesem Wege unser Werk fördern, unsere Kräfte erhöhen und unseren Sinn reinigen.

Wenn wir aber nun auf die Kehrseite sehen, so müssen wir freilich sagen, wo der langsame Wille dem nicht nachkommt, was der Verstand vorlängst als gut erkannt hat, da ist das Gefühl der Sünde. Beides also, sehen wir, ist unzertrennlich: wo das Gesetz ist, da ist auch die Sünde. Das Gesetz ist uns überall, wo wir etwas Gutes und Schönes sehen und danach trachten, was wir noch nicht vollbringen können; die Sünde ist uns überall, wo wir fühlen, dass wir etwas, wonach wir trachten, noch nicht vollbringen können, weil wir erst etwas Widerstrebendes zu überwinden haben; und ebenso wenn das Gesetz verbietet, und wir nicht unterlassen können. Das ist der Widerstreit, den uns der Apostel in seinem Briefe an die Römer beschreibt, und dabei unterscheidet ein Gesetz, welches wir haben in unserm Geiste das ist jedes voraneilende Erkennen dessen, was gut und gottgefällig ist und ein Gesetz, welches wir finden in unseren Gliedern, das ist die Macht der Gewöhnung an das früher Geübte, das aber dem Neuerkannten widerstreitet. Am deutlichsten finden wir dies freilich ausgesprochen in der Gewalt der sinnlichen Lust; aber es ist auch überall dasselbe, wo etwas Unvollkommenes, das uns lieb geworden ist und leicht, einer höheren Forderung weichen soll. Das ist das Gesetz in den Gliedern, welches uns hindert zu vollbringen, was das Gesetz im Geiste uns vorhält, und diese beiden sind mit einander im Streit. Und selbst bei angestrengter Treue werden wir dieses Streites doch niemals ganz erledigt; und wenn es scheint, als ob der Widerstand ganz überwunden. wäre, so beginnt sogleich derselbe Zwiespalt aufs Neue. Denn obschon das ewige göttliche Gesetz, worauf doch alle menschlichen zurückgehen, unveränderlich ist: so können wir es doch nicht auf einzelne Gebiete unseres Lebens anwenden, ohne es uns näher zu bringen und uns zu vermenschlichen: in dieser Gestalt aber ist es dann auch veränderlich; wir schauen es erst dunkler und unvollkommener, dann schärfer und heller. Hat das Gesetz jenen Streit erregt, und die ihm zugewendete Kraft des Willens hat allmählig das Gesetz in den Gliedern überwunden, so ist unterdes das Auge des Geistes auch nicht müßig gewesen; durch die Übung geschärft, entdeckt es nun an dem vorher als Ziel aufgestellten Gesetze doch wieder Fehler und Unvollkommenheiten, und setzt an die Stelle dieses Gesetzes ein neues und höheres. Und wie oft sich dieses auch fortsetze, es bleibt immer das Nämliche, und nie wird eine menschliche Tat so ganz dem Gesetze, welches derselben zum Grunde gelegen hat, gleichen, dass Einer von uns zur Zufriedenheit mit sich selbst jemals gelangen sollte, sondern wir werden immer mit dem Apostel ausrufen müssen: O wer wird mich erlösen von diesem Leibe des Todes!

So ist denn wohl gewiss, dass kein Gesetz erdacht werden kann, aus welchem nicht, wie auch Paulus sagt (Röm. 3, 20.), Erkenntnis der Sünde käme für denjenigen, der unter dem Gesetze steht. Das Andere aber ist schon Jedem von selbst klar, dass der Mensch ohne Gesetz zwar auch sehr verderbt sein kann und elend, dass ihm aber doch etwas erst Sünde werden kann, wenn ihm ein Gesetz geworden ist. (Röm. 7, 7.) Was folgt aber aus beiden zusammen? Offenbar dieses, dass, so lange wir unter dem Gesetze stehen, wir freilich einen Sporn haben, uns von der Verderbtheit und Unvollkommenheit loszumachen, welche durch das Gesetz bezeichnet wird, dass wir aber zu einer Gerechtigkeit auf diesem Wege niemals gelangen können, und also auch zu keinem Frieden. Hängen nun Sünde und Gesetz so zusammen, dass eins nicht ohne das andere gedacht werden kann, so kann auch jenes nicht anders hinweggenommen werden, als indem dieses zugleich aufgehoben wird; und eine göttliche Veranstaltung, welche uns wirklich selig machen will, kann, da der Friede mit dem Bewusstsein der Sünde nicht bestehen kann, auch nicht wieder ein Gesetz sein; eben deswegen konnte die göttliche Verheißung nur erfüllt werden durch den Glauben, und durch die Sendung dessen, der allein der Gegenstand eines solchen Glaubens sein kann und darf. (Friedrich Schleiermacher)

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