Römer 7,18
Andachten
Ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, wohnt nichts Gutes.
Wenn die weltlichen Begierden wären an des Hauses Wand gemalt, so möchtest du daraus laufen, oder wären sie in den roten Rock gestrickt, so möchtest du ihn austun und einen grauen antun, oder wüchsen dir in den Haaren, so möchtest du dich lassen bescheren und eine Platte machen, oder wären ins Brot gebacken, so möchtest du Wurzeln dafür essen! Nun sie aber in deinem Herzen stecken und dich durch und durch besitzen, wo willst du hinlaufen, dahin du dich nicht mitnimmst? Was willst du antun, da du nicht unter bleibst? Lieber Mensch, die große Reizung ist in dir und musst von dir selbst am ersten laufen und fliehen! (Martin Luther)
Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht.
Neue Abschnitte auf unserem Lebenswege sind gewöhnlich die Geburtsstätten unsrer so genannten guten Vorsätze. Wen hätte nicht schon der Rückblick in eine Vergangenheit voller Sünde und Versäumnis gedrungen, den festen, heiligen Vorsatz zu fassen: Von jetzt an soll es anders werden? Und diese Vorsätze, so oft gefasst, sind auch eben so oft wieder gebrochen worden! Wie kommt es, dass sie so wenig Halt haben, dass wir von dem Anlauf, den unsere bessere Natur nahm, so bald schon ermattet in das frühere Geleise zurücksinken? Wie kommt es, dass das Sprichwort eine so tiefe Wahrheit hat: „Der Weg zur Hölle ist mit lauter Vorsätzen für den Himmel gepflastert?“ Der Grund liegt nicht immer in der bloßen Schwachheit der menschlichen Natur; oft ist eine heimliche Selbstsucht, aus der die sogenannten guten Vorsätze erwuchsen; die Sünde ward uns unbequem; ihr Schaden drückte uns; ihre Schmach beschämte unser Selbstgefühl, demütigte unseren Stolz; wir sahen, mit der Sünde komme ich nicht weiter; war's nicht natürlich, dass der Vorsatz: ich will ein andres Leben beginnen, an der inneren Unlauterkeit eines von der Sünde selbst noch nicht abgewandten Herzens zu Grunde ging? - Oder, wir meinten es ernstlich; die allgemeine Sünde der menschlichen Natur hatte sich auch bei uns in besonderen Lieblings- und Gewohnheits-Sünden ausgeprägt; unser Temperament, unsere Natur neigte zu ganz bestimmten immer wiederkehrenden Übertretungen, und von dieser wunden Stelle unseres Herzens aus wurden unsere guten Vorsätze geboren; all' unser Kämpfen und Ringen wandte sich gegen diese bestimmten Auswüchse unsrer sündlichen Natur: wie kam es, dass all' unser Mühen und Ringen dennoch vergeblich blieb; dass die überwunden geglaubten Sünden oft übermächtiger wiederkehrten, und uns die Erfolglosigkeit unserer treuesten Vorsätze zum Bewusstsein brachten? Siehe, wir hatten die Sünden bekämpft, aber nicht die Sünde; wir wollten im Einzelnen abhelfen und versäumten das Ganze. Alle Sünden im Menschen bilden ein in sich abgeschlossenes innig zusammenhängendes Ganze. Jede einzelne Sünde ist nicht eine für sich bestehende, sondern vielmehr die Offenbarung eines verborgenen, tiefer liegenden Grund - Übels, auf dessen Heilung hingezielt werden muss. So wie wir im leiblichen Leben Verstimmungen empfinden, die uns für jede schwerere Arbeit unfähig machen, und die durch keinen Zwang zur Arbeit, die durch die größte Selbstverleugnung nicht überwunden werden können, sondern, weil sie aus einer Schwächung, Überreizung des Nervensystems hervorgingen, auch nur durch Ruhe, durch Kräftigung der ganzen Natur geheilt zu werden vermögen: so ist es auch mit der Bekämpfung der Einzel-Sünden der Fall; weil sie aus einem inneren Abfall von Gott, aus einer Erkaltung alles Lebens aus Gott hervorgingen, so kann der Mensch nicht eher mit Erfolg gegen sie streiten, als bis er Hand an die Wurzel gelegt hat, aus der sie erwuchsen. Kommen sie wieder, diese Sünden, die uns so viel zu schaffen machen, so wollen wir vor Allem aufs Neue dem Herrn unser ganzes Herz übergeben und mit ganzer Seele in Seinen Dienst eintreten, dann wird uns schon die Kraft zuwachsen, auch die Einzel-Sünde zu überwinden, und mit der Erneuerung des ganzen Menschen wird auch der einzelne Rückstand aus der alten Adams-Natur mit zu Grunde gehen. (Julius Müllensiefen)
Wie urteilt Paulus über sein Leben vor der Bekehrung? Wir finden keine empfindsame Schwermut bei ihm. Er ward bekehrt und nun weiß er, dass er ein Apostel ist und in dieser Würde steht er fest und sicher. Er ist fröhlich, hoffnungsvoll, glücklich. Spricht er aber von seiner Vergangenheit, so geschieht dies mit edler Scham und schmerzerfüllten Herzens. Er nennt sich den größten unter den Sündern, der es nicht wert sei ein Apostel genannt zu werden, weil er die Kirche Christi verfolgt hatte. Er leugnet nichts, er will nicht vergessen was er war, um nicht zu vergessen, dass in seinem Fleische, d. h. in seinem natürlichen Charakter nichts Gutes wohne, um nicht zu vergessen, dass das Gute, das er vollbringt, nicht von ihm geschieht, sondern von Christus, der in ihm wohnt, er will nicht unachtsam, eingebildet und nachsichtig gegen sich selbst werden, um stets seine bösen Begierden zu bekämpfen, er will nicht abtrünnig von Gott werden, den er seinen Brüdern verkündet.(Charles Kingsley)