Römer 13,10
Andachten
So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.
So sei es auch bei uns, teure Seelen! Auch wir wollen Gottes Gesetz erfüllen, aber in der Kraft und Liebe dessen, der durch Seinen Tod und Seine Auferstehung uns von Sünde und Tod, Teufel und Hölle erlöst und zu seligen Kindern Gottes gemacht hat. Ihm gehöre unser Herz und Leben als ewiges Eigentum, und Ihn zu preisen mit heiligem Wandel, das sei unsere Lust und Freude! (Sixtus Carl von Kapff)
So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.
Die Liebe hat etwas Großartiges an sich. Sie umfasst den Himmel und umschließt die Erde und erfüllt das ganze Gesetz. Die Liebe steigt zum Himmel auf in mächtigem Fluge und umarmt da den ewigreichen Gott und spricht zu ihm: „Herzlich lieb hab ich dich, o Herr!“ So erfüllt sie die erste Tafel des Gesetzes, die von uns fordert: Du sollst lieben Gott deinen Herrn. Sie wandert aber auch über diese Erde hin und wendet sich zum Bruder und sieht ihn mit herzlichem Blicke an und spricht: „Gern dienen Jedermann.“ So erfüllt die Liebe die zweite Tafel des Gesetzes, die spricht: „Du sollst deinen Nächsten lieben, als dich selbst!“ - Sie fordert aber auch den ganzen Menschen, denn du sollst sie beweisen „von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen Kräften.“ Also jeder Pulsschlag des Lebens soll der Liebe gehören, jeder Blutstropfen soll von ihr bewegt werden. So umschließt sie den Himmel und die Erde und verlangt den ganzen Menschen. Es ist etwas Großartiges um die Liebe.
Und wir? Wie elend stehen wir dieser großen Liebesforderung gegenüber! Ja, wir wollen gern himmelan und in des Vaters Armen ruhen. Aber die Flügel der Liebe sind so lahm; es zieht uns immer wieder herunter auf die Erde. Wenn wir hier auf Erden Liebeswege wandern sollen, zum Bruder hin, der unser Herz braucht, da hat die Liebe wieder matte Füße; wir sehen uns gerne nieder und haben uns selbst so lieb. Und kommt die Liebe wirklich über uns, dann merken wir gar manchmal, dass sie noch nicht aus der ganzen vollen Tiefe des glücklichen Herzens hervorströmt, dass an glühender Liebeskraft doch noch so Vieles fehlt. Wie ohnmächtig sind wir der großen Liebesforderung gegenüber!
Wo finden wir die Liebeskraft? Allein bei Dem, der uns zuerst geliebt hat. Der Herr Jesus ist zu uns gekommen, ist einen heiligen Liebesweg gegangen, und hat sich in brennender Liebe uns zum Opfer dargebracht. Von seinem Kreuz aus fließt der purpurrote Strom der Liebe zu uns Allen. Der wäscht uns rein von unsrer Schuld, der trägt selbst die Liebe uns ins Herz, so dass wir überwunden werden und ihn nicht aus dem Herzen lassen. Dann wachsen uns Flügel und wir schwingen uns empor zu Gott; dann werden die Füße wieder kräftig, und wir eilen zum Bruder hin, und aus innerster Seele steigt die Liebe empor und lässt sich nicht halten. Nimm diese Liebe Christi auf!
Lasst uns beten: Du lieber Herr Jesu! Wieder ist eine Nacht dahin gegangen, und wir dürfen das Licht des Tages wieder sehen. Dir danken wir für Deine Güte und Treue, durch die wir in dieser Nacht bewahrt sind, und bitten Dich, lass uns heute einen recht gesegneten Sonntag feiern, und lege besonders Deine himmlische Liebe uns in die Seele. Gib uns Flügel, dass wir auffahren können zu Dir und Dich fest ans Herz drücken; stärke unsre Füße, dass sie nicht müde werden auf den Wegen der Liebe. Besonders richte unser Auge immer aufs Neue nach Deinem Liebesopfer hin, das Du für uns gebracht hast, damit es tief in unser Herz hineindringe, wie viel es Dich gekostet, dass wir erlöst sind, und damit unsre Liebe mehr und mehr aus der Tiefe der Seele komme. Amen. (Wilhelm Hunzinger)