Römer 12,19
Andachten
Rächt euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebt Raum dem Zorn.
Das Böse lässt sich nicht mit Bösem überwinden, so wenig sich das Feuer mit Feuer löschen lässt. Das Böse lässt sich nur überwinden durch Gutes. So hat David das Böse überwunden mit Gutem, als er Sauls Leben schonte, da es in seine Hand gelegt war. Durch diese Feindesliebe hat er den stolzen König überwunden, dass Saul weinte und bekannte: „Du bist gerechter als ich. Du hast mir Gutes bewiesen; ich aber habe dir Böses bewiesen.“ So lass dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Habt Frieden mit allen Menschen! Ist es denn so schwer? Macht es denn etwa glücklich, in Unfrieden zusammenleben, und zanken auf dem Wege, und einander das Leben verbittern? Habt Frieden! Versöhne dich mit deinem Bruder, dieweil du noch bei ihm auf dem Wege bist! Unterdrücke Zorn und Hass und Rachsucht. Habt Frieden! Ist es etwa zu schwer? Dem natürlichen Menschen wohl, aber nicht dem Jünger Christi. Uns ist Barmherzigkeit widerfahren, denn Christus hat sich selbst für uns gegeben, und hat uns erlöst, erworben, gewonnen von allen Sünden, dass wir sein eigen seien. Die Barmherzigkeit, die wir von Gott erfahren, dringt uns, barmherzig zu sein gegen die Menschen. Haben wir Jesum und seinen ewigen Frieden im Herzen, dann ist es uns nicht zu schwer, Frieden zu haben mit allen Menschen. O du Fürst des Friedens, erbarme dich unser und schenk uns deinen Frieden, und hilf uns dem Frieden nachjagen gegen Jedermann, damit wir Kinder Gottes heißen. Amen. (Adolf Clemen)
Rächt euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebt Raum dem Zorn; denn es steht geschrieben: „Die Rache ist Mein, Ich will vergelten“, spricht der HErr.
Es könnte scheinen, als ob die Forderung des Apostels, uns selber nicht zu rächen nach der Ermahnung, nicht Böses mit Bösem zu vergelten und so viel möglich mit jedermann Frieden zu halten, keinen Raum mehr hätte. Aber ganz abgesehen davon, dass die heiligen Schriftsteller sich mit ihren Gedanken und Ermahnungen nicht an den richtigen Stufengang der menschlichen Denkweise gebunden, sondern geschrieben haben, wie der Geist sie trieb, so ist hier doch wohl nicht die Rede von dem Hass, der jede Beleidigung glaubt rächen zu müssen, und der so lange auf Rache sinnt, bis er seine Befriedigung gefunden hat, sondern von der Gesinnung, die nach langem Friedehalten gegen immer wiederkehrende Beleidigung endlich selbst Vergeltung suchen möchte. Dem gegenüber erinnert der Apostel daran, dass Gott der alleinige Vergelter ist und Sich die Rache vorbehalten hat, damit das Herz stille werde zu Gott und sowohl dem eigenen Zorne Raum gebe, dass er verrauche, als auch dem Zorne Gottes, Seine Zeit und Stunde einzuhalten. Das gilt nicht bloß von den Beleidigungen, die einem jeden im Leben begegnen können, sondern ganz besonders auch von dem Hasse der Welt gegen die Kinder Gottes; denn da liegt die Gefahr und Versuchung nahe, den eigenen fleischlichen Zorn mit dem heiligen Eifer für die Sache und Ehre Gottes zu verwechseln.
O HErr, wenn wir Deine Sanftmut anschauen, mit der Du alle Feindschaft der Welt geduldig ertrugst, nicht wieder schaltst, wenn Du gescholten wurdest, und nicht drohtest, da Du littest, so müssen wir uns schämen bis in den Grund unserer Seele, dass wir es wagen, uns Deine Jünger zu nennen, und uns rühmen, Deine Nachfolger zu sein, und lassen uns doch so oft hinreißen, wenn wir beleidigt werden, nicht Dir die Rache zu überlassen und in der Geduld und Sanftmut zu bleiben, sondern auf die eigene Vergeltung zu sinnen. Vergib uns das, o HErr, es ist uns leid, und wir möchten gern in allen Dingen Dir nachfolgen und Dir gefallen. Aber stehe uns auch bei, dass es uns gelinge, uns selbst zu überwinden und in der Liebe zu bleiben, auch da, wo es der Hass der Welt uns schwer macht. Amen. (Hermann Haccius)