Römer 12,17
Andachten
“Vergeltet niemand Böses mit Bösem.“
Wenn wir zum Überwinden des Bösen angestellt sind, dann dürfen wir das fremde Böse nicht dadurch stärken, dass wir ihm Brennmaterial zuführen. Durch eine böse Antwort wird der gereizte Gegner um so gereizter: sein Böses wird gestärkt, bestätigt, entschuldigt durch unser Böses. Böses hat der andere schon genug; führe deine Güte und Freundlichkeit in diesen Vorgang hinein, denn nur dadurch gewinnst du wirklich. Auf eine scharfe Entgegnung war der andere gefasst: nach seinem Hieb auf dich stand er in Verteidigungsstellung bereit, sofort wieder zu schlagen. Wenn du aber nicht zurückschlägst, macht ihn das verblüfft. Er kommt sich in seiner empörten Fechterstellung selbst komisch vor. Jetzt beruhigt sich sein Blut, und er schämt sich. Bist du noch dazu freundlich gegen ihn, so muss er die Waffe aus der Hand fallen lassen und kann deine zur Versöhnung ausgestreckte Hand ergreifen. Die Kraft zu solchem siegreichen Überwinden des Bösen kannst du von dem beziehen, der für uns geboren wurde zu Bethlehem, und für uns gestorben ist, da wir noch seine Feinde waren. Das ist die große Macht der wehrlosen Sanftmut, die jeden zornmütigen Gegner auf die Dauer überwindet.
Herr Jesus, lege deine Sanftmut wie einen Schild über deine Leute. Lehre uns schweigen, dulden, tragen, lieben, bis du über uns gesiegt hast und dann durch unsere Sanftmut über unsere Feinde siegst! Amen. (Samuel Keller)
“Denket dem Guten nach vor allen Menschen“ (Grundtext)
Wenn das Gute nur in unseren Worten und dem Wandel vor Menschenaugen seine Stätte hat, während zur selben Zeit im geheimen Denken mancherlei Böses seinen Unterschlupf gefunden und sein Nebendasein fristen kann, sind wir noch nicht sicher vor Entdeckung. Äußerlich aufopfernd, edel, hilfsbereit, innerlich selbstsüchtig, unnobel, hartherzig, auf die eigene Ehre oder Bequemlichkeit sinnend - das ist ein gewagtes Spiel! Plötzlich verlierst du das seit Jahren mühsam bewahrte Gleichgewicht und fällst in einem hitzigen Augenblick aus deiner Rolle, und die andern, die dich wie ein Tugendmuster verehrt, sehen erschrocken in das glühende Innere deines Wesens, wo ganz gemeine Triebe toben. Doppelleben! Darum ist es der beste Rat, den der Apostel geben kann: Denke so dem wahrhaft Guten nach dass es an dir nichts zu verraten gibt. Denke im geheimen so, als wäre deine Stirn aus Glas, und als könnten alle Menschen deine innersten Gedanken lesen. Dann gibt es keine Demütigung der Entdeckung. Dann wird das Innere mit dem Äußeren ganz natürlich zusammenstimmen, und wer etwas von deinem Wesen kennenlernt, der hat dich ganz kennenlernt. Was für klare Rechnungen mit Menschen gäbe das!
Herr, vor dir bin ich entdeckt. Jetzt hilf mir zum nächsten Schritt, dass ich vor mir selbst entdeckt sei, dass ich mich selbst richtig erkenne, und dann hilf mir zu der Stufe, dass mein Innerstes vor aller Augen offen liegen kann. Herr Jesu, reinige du mich! Amen. (Samuel Keller)
Haltet euch nicht selbst für klug.
Woher rührt das Vertrauen auf eigene Einsicht, diese Einbildung vom eigenen Wissen, diese eigengerechte Selbstklugheit, dieses Etwas im Menschen, das sich erhebt und nur sich die rechte Einsicht, nur sich die rechte Weisheit zuschreibt? Das ist nicht von Gott, sondern vom Teufel, der zu Eva sprach: „Wenn ihr von den Früchten des Baumes esst, so werdet ihr sein wie Gott,“ ihr werdet eine Erkenntnis haben wie die göttliche ist. Seht, das war der Fallstrick; so weise wie Gott, ja noch weiser will das menschliche Herz sein; daher kommt das Murren über die Wege Gottes, daher das Meistern seiner Veranstaltungen; daher kommt es, dass der Scherbe, der Ton zu seinem Töpfer spricht: Warum machest du mich also? Das ist der Vernunftstolz, von dem in der Heiligen Schrift sich manche Beispiele finden, wie wir z. B. in der Geschichte der Kinder Israel lesen. Als sie an der Grenze von Kanaan standen, wollten sie Kundschafter in das Land schicken. Der HErr sprach: Schicket keine Kundschafter hinein. Nein, hieß es bei ihnen, wir schicken hinein, und sie taten es auch. Sie wussten's viel besser als der HErr; sie waren viel klüger, viel weiser als er. Als nun aber die Kundschafter schlimme Nachrichten aus dem Lande Kanaan mitbrachten, da murrte das Volk und weinte und sprach: „Ach, wären wir nur in Ägypten geblieben!“ So wussten sie es wieder viel besser als der HErr; er hätte sie sollen in Ägypten lassen, seine Weisheit musste sich meistern lassen von ihnen. Nachher wollten sie hinaufziehen auf das Gebirge gegen die Amalekiter. Moses sprach: „Zieht nicht hinauf, denn der HErr ist nicht unter euch.“ Nein, hieß es, wir ziehen hinauf; sie zogen in der Tat hinauf, und wurden geschlagen. Alles wollten sie besser wissen als der HErr. Es war die Frucht ihres Vernunftstolzes, den sie freilich hart büßen mussten. (Ludwig Hofacker)
Haltet euch nicht selbst für klug.
Nachdem der Apostel in der vorigen Epistel ein liebliches Bild des christlichen Gemeinschaftslebens vor uns hingestellt hat, kommt er nun auf die Hindernisse zu sprechen, welche dem einträchtigen und friedevollen Zusammenleben entgegenstehen, und stellt die Ermahnung oben an: „Haltet euch nicht selbst für klug“. Er will mit diesen Worten nicht bloß diejenigen treffen, die von ihrer Klugheit so eingenommen sind, dass sie keinen Widerspruch leiden können, kein fremdes Urteil gelten lassen und lieber allem in den Weg treten, was heilsam ist, als dass sie von ihrer Meinung abgehen, sondern er meint uns alle. Denn da wir niemand leichter glauben, als uns selbst, so ist es eben so schwer, dahinter zu kommen, ob wir von unserer Klugheit zu hoch halten, als davon loszukommen, und wir können uns umso leichter darüber täuschen, als man nach dem allen, was der Apostel zuvor von dem christlichen Gemeinschaftsleben gesagt hat, trachten, und dabei sich, wenn auch nicht für gerechter und besser, doch für klüger halten kann. Und doch ist man nicht eher von sich selber los, bis man gelernt hat, auch von der eigenen Klugheit nicht mehr zu halten, als es sich gebührt, Gott um Weisheit und Verstand zu bitten und auch anderer Klugheit zu achten, so dass man es vermag, sich unter sie zu stellen.
Behüte uns, o HErr, vor allem Eigendünkel, der sich selbst für klug hält, und mache uns demütig und bescheiden, dass wir heruntersteigen von aller eingebildeten Höhe und auf der ganzen Welt keinen schlimmeren Feind kennen, als uns selbst und unsern hoffärtigen alten Menschen, damit wir mit ihm kämpfen bis aufs Blut und Deinem heiligen Bilde gleich werden. Wir hören uns so gerne loben, und wo uns andere nicht loben, da loben wir uns selber, und es wird uns so schwer, uns selbst zu erniedrigen und einer den andern höher zu achten als uns selbst. Aber mit Dir kann und muss es gelingen, denn es ist ja allein Dein Werk. HErr, sieh den schwachen Willen an und hilf uns dazu! Amen. (Hermann Haccius)
Vergeltet niemand Böses mit Bösem.
Soll die Ermahnung des Apostels fruchtbar für unser Leben sein, so ist es nicht genug, dass wir seine Mahnung bloß auf das Böse beziehen, das aus einem feindseligen Herzen und in feindlicher Absicht geschieht. So wie wir selber nicht sicher sind, denen niemals wehe zu tun, die wir lieben, so kann auch uns von denen Böses widerfahren, die uns die nächsten sind. Wir sind auch so beschaffen, dass wir das fühlen, und es kann uns kummervolle Stunden und Tage bereiten, aber es erwächst daraus auch nicht das geringste Recht, dass ein Mensch dem andern so begegnen dürfe, wie ihm begegnet ist. Vielmehr ist das die Lehre Christi, dass ein jeder seinen Nächsten so behandle, wie er wünschen muss, von ihm behandelt zu werden. Also Böses um Böses das heißt nicht bloß nicht Auge um Auge und Zahn um Zahn, sondern auch kein unfreundliches Wort für das andere, und nicht Kälte für Kälte. Wer mag da sagen: ich bin mir nichts bewusst! Und wer es sagen wollte, der kennt sich selber nicht. Wir mögen fortschreiten in der Demut, wir mögen es bei treuer Arbeit an uns selber immer mehr über uns gewinnen können, alles zu vertragen, aber völlig in der Liebe zu sein, dahin bringen wir es nicht, und so lange wir im Fleische leben, werden wir der Mahnung des Apostels gedenken müssen: Vergeltet nicht Böses mit Bösem.
Lieber HErr JEsu, wir beugen uns vor Dir und bekennen, dass wir Deiner Liebe nicht wert sind, der Du uns, da wir noch Feinde waren, durch Deinen Tod zu Freunden und Geliebten Gottes gemacht hast. Noch täglich hast Du so viel Feindschaft wider Deinen heiligen Willen in uns zu überwinden und wirst nicht müde; wir aber lassen die Liebe nicht völlig werden in uns, und lassen uns reizen, das Böse mit Bösem zu vergelten. O bringe uns zu rechter Selbsterkenntnis und lass uns unsere Schande fühlen, lass die Kohlen Deiner Liebe auf unserm Haupte brennen und hinunter brennen bis in das innerste Mark, dass unsere harten Herzen zerschmolzen werden, und wir Deinem Vorbilde nachfolgen, der Du allezeit sanftmütig und demütig gewesen bist. Amen. (Hermann Haccius)
Befleißigt euch der Ehrbarkeit gegen jedermann.
Haben wir uns davor zu hüten, dass wir uns nicht hinreißen lassen, Böses mit Bösem zu vergelten, so haben wir nicht minder allen Fleiß darauf zu verwenden, dass wir dem Nächsten nichts Böses tun, denn wir sind schwache, gebrechliche Menschen, die oft andern zu nahe treten, auch wo wir die Absicht nicht haben. Die Ehrbarkeit gegen jedermann, zu welcher der Apostel ermahnt, bezieht sich daher nicht bloß auf die groben Anstöße, die wir vermeiden sollen, um unsern guten Namen nicht zu gefährden und die Eintracht und den Frieden nicht zu hindern, sondern es ist die Sorgfalt gemeint, die mit allem Fleiß darauf bedacht ist, vor jedermann wahr und gerecht erfunden zu werden und auch allen bösen Schein zu meiden; denn die Menschen können nicht anders, als uns danach beurteilen, wie 3 wir uns gewöhnlich zeigen, und je vorsichtiger unser Wandel ist, desto mehr werden auch alle Anlässe zur Entzweiung vermieden. Wir tragen nicht selten selber die Schuld, wenn wir in Zwietracht geraten, ohne es zu wollen, weil wir nicht acht genug auf uns selber gehabt haben, - und wenn auch, wo man uns besser kennt, alles leicht wieder ins Reine gebracht und der gestörte Friede wieder hergestellt ist, so darf das doch unsern Fleiß nicht hindern und mindern, unsere Worte und Gebärden und unser ganzes Tun in Zucht zu halten. Wir haben gegenseitig an der Gebrechlichkeit unserer Natur genug zu tragen, dass wir alle Ursache haben, die Last nicht dadurch noch zu vermehren, dass wir uns gehen lassen. Befleißigt euch der Ehrbarkeit gegen jedermann; damit kommt man recht weit und jedenfalls weiter, als mit allem anderen.
Lieber Heiland, Du Friedefürst und Friedebringer, wo Du bist und regierst, da ist immer Friede und Eintracht. O hilf uns dazu, dass wir auch rechte Friedenskinder werden und Dich nicht hindern in Deinem Werke. Stehe uns bei, dass wir nicht bloß das Böse vertragen, das uns von anderen widerfährt, sondern auch selbst nichts Böses tun, der Ehrbarkeit uns befleißigen und uns sorgfältig hüten durch Worte und Werke keinerlei Anstoß zu geben, auch allen bösen Schein zu meiden, vielmehr in allen Stücken die heilige Liebe zu beweisen, die Deiner Jünger Schmuck und Zier ist. Amen. (Hermann Haccius)