Johannes 4,35
Andachten
Hebet eure Augen auf und sehet das Feld; denn es ist schon weiß zur Ernte.
Jesus sah vor sich schon ein zur Ernte reifes Feld. Davon sahen aber die Jünger nichts. Für ihren Blick sah nicht nur die weite Ebene, auf die man vom Jakobsbrunnen sieht, noch winterlich aus, sondern nach ihrer Meinung gab es auch in den Dörfern ringsum für Jesus nichts zu tun. Wie konnte er auch nur an eine Ernte auf dem samaritischen Boden denken? Er kannte ja den Hass der Samariter gegen die Juden und wusste, wie versteckt sie an ihrer sektenhaften Absonderung von Jerusalem festhielten. Selbst wenn die Samariter geneigt würden, auf Jesus zu hören, konnte er nach der Meinung der Jünger in keine Gemeinschaft mit ihnen treten. Denn er war in Kraft seiner Sendung der König Israels; folglich gab es in Samaria keine Ernte für ihn. Öffnet eure Augen und schaut hin, sagt ihnen Jesus; jetzt habt ihr die Arbeit der Schnitter zu tun und dies da, wo ihr meintet, dass keine Ernte wachsen könne. Was damals am Jakobsbrunnen geschah, war nicht nur für Jesus die Speise, die ihn erquickte, und nicht nur für die Samariter der Aufgang eines neuen Tages, sondern auch für die Jünger Jesu ein neuer Anfang, der ihrem Leben mit starkem Stoß eine neue Richtung gab. Die Überraschung, die ihnen dort zuteilwurde, zerbrach ihr angebliches Wissen und erzog sie zum Sehen, das auf Gottes Werk achten lernt. Wie heilsam sind auch uns diese Überraschungen! Sie können uns betrüben, wenn sich Felder als leer erweisen, von denen wir meinten, sie seien zur Ernte reif; sie können aber auch erfreuen und stärken, wenn sich auch da, wo wir meinten, es sei nichts zu hoffen, Gottes Werk zeigt, das den Menschen für sein Wort bereitet, und heilsam sind sie immer, weil sie uns verwehren, mit fertigen Urteilen mit den Menschen zu verkehren, als wüssten wir, was in ihnen verborgen ist. Ob es Erntezeit ist oder nicht, ob hier Ähren reifen oder Dornen wuchern, das weiß nur der, der die Herzen kennt. Darum besteht unser Dienst darin, dass wir seiner Leitung folgen und dann die Erntearbeit tun, wenn er die Ernte reifen lässt.
Unsere Gedanken möchten, Herr Gott, in ungeduldiger Eile erraten, was Du tun wirst. Du heißt uns aber warten, bis Dein Werk sichtbar wird. Gib mir das geöffnete Auge, dass ich nicht bei mir selbst weise bin, sondern dein Wort sehe und mich brauchen lasse, wann und wie Du mich brauchen willst. Amen. (Adolf Schlatter)
Sagt ihr nicht selber: Es sind noch vier Monden, so kommt die Ernte? Siehe, ich sage euch: Hebt eure Augen auf und seht in das Feld; denn es ist schon weiß zur Ernte.
Zur Zeit, als der Sohn Gottes auf Erden wandelte, war die Welt zur Aufnahme des Reiches Gottes bereit, wie noch nie zuvor. Bei den Juden war die Erziehung so weit gediehen, dass eine Maria vorhanden war, welche Demut und Glauben genug besaß, um die Mutter des Herrn werden zu können, und auch ein Joseph fand sich in seiner Mitte, welcher zum Pflegvater des Jesuskindes tauglich war; es war eine Schar von Seelen da, bei welchen der Heiland Verständnis und Aufnahme fand, und das ganze Volk hielt streng an der Einheit und Geistigkeit Gottes fest und war durch seinen Kultus auf Schuld und Sühne vorbereitet, mit seinen Heiligen Schriften wohl vertraut und voller Hoffnung und Erwartung seines Messias. Die Heiden aber waren bei dem Ende ihrer eigenen Wege angelangt, das Erbe welches noch aus dem Vaterhause stammte, war nun verzehrt, und die Hellerblickenden unter ihnen sahen einen Abgrund gähnen, über den es keine Brücke gab. Die Philosophie hatte ihre Religion zerstört, und die Philosophie selber hatte sich überlebt. Man fühlte die Grundfesten wanken, und schaute nach Rettung aus. Aber noch hielt das große Staatsgebäude, welches die ganze damalige Kulturwelt umfasste, und der friedliche Verkehr in seinen Grenzen war vortrefflich geeignet, auch der großen Botschaft des ewigen Friedens geebnete Pfade zu bieten. Das Feld war damals weiß zur Ernte, und die Völker bereit, in die geöffneten Pforten des Reiches Gottes einzugehen. Und es ist seitdem also geblieben. Der Schein einer zweitausendjährigen Sonne hat das Feld inzwischen noch weißer gemacht, und wer weiß, wie nahe vor der Tür nun die große Ernte schon ist, wo das ganze Feld geschnitten, das Unkraut verbrannt, der Weizen aber in die Scheunen gesammelt werden wird! Wie viele Millionen Seelen sind aber bereits einzeln eingeheimst worden, und die Arbeit des großen Schnitters Tod geht noch immer rastlos vorwärts, und wir sehen die Halme unter seiner Sichel rastlos fallen, sehen's wohl, aber nehmen's wenig zu Herzen. Aber der Herr ruft uns zu: Hebt eure Augen auf und seht! Das Feld ist weiß zur Ernte. Was sollen wir dabei tun? Nun, sorgen sollen wir, dass möglichst viele Seelen guter Weizen werden, und dass uns selbst der Hippe ferner Klang nicht störe, sondern uns je länger desto lieber und vertrauter werde; sorgen sollen wir, dass wir unsere guten vollen Ähren bringen, dass aus dem einen Korne ihrer viele werden, sorgen sollen wir, dass wir nicht unter die dunkeln Zauberschatten hoher Weltbäume geraten, sondern dass uns der ewigen Sonne heller Schein immer süßer und reifer mache zum ewigen Leben; und wenn es uns auch zuweilen aus der Gluthitze dieser Sonne in die kühlen Schatten zieht, so sollen wir doch nicht vergessen, dass keine Ähre und keine Traube im Schatten reift, sondern sie braucht Helle und Hitze, und wenn dieselbe auch zuweilen zur Trübsalshitze wird, so sollen wir dessen gedenken, dass es besser ist, eine kleine Zeit mit Christo zu leiden, und danach bei Ihm ewig getröstet zu werden, als hier eine kurze Zeit fröhlich zu sein und danach auf ewig verloren zu sein. (Anton Camillo Bertoldy)