Johannes 20,15
Andachten
Weib, was weinest du? Wenn suchst du? Sie aber, in der Meinung, dass es der Gärtner sein, sprach zu ihm: Herr hast du ihn weggetragen, so sage, wo hast du ihn hingelegt, damit ich ihn holen kann. Da sprach Jesus zu ihr: Maria! Sie wandte sich um und sprach zu ihm: Rabbuni!
Er hat ihn freilich Weggetragen; er hat sich selbst weggehoben aus dem Grabe, und wohin hat er sich gelegt? Marian in dein Herz; denn wer ihn so sucht, wie du, der hat ihn schon. Du willst ihn holen in der Ferne und er steht vor dir, den du nicht kennst und doch unaussprechlich liebst. O schöne Frage: Wo hast du ihn hingelegt? Mein Herz, stelle diese Frage recht oft an ihn, wenn er sich dir entzogen hat. Stelle sie aber auch an dich selbst, wenn du ihn selbst weggelegt, selbst verlassen und verloren hast; denn gar oft ist das Herz es selbst, das ihn sich wegnimmt, und dann lässt er sich gar lange suchen. Wenn man jedoch nicht müde wird, so wird er müde; er kann uns nicht so lange in Wehmut suchen lassen, er kann und nennt uns beim Namen. Und ein Wort von ihm, seine Stimme schon, macht uns so glücklich, als das: Maria! Wie wenig und wie viel war dieses Wort für ihre Seele! Wer die Sprache der Liebe versteht, bedarf nicht vieler Worte, nicht langer Beweise, um an die Liebe zu glauben und die Liebe zu lieben. Wenn er mich einstens, wenn er uns entgegen kommt, nur so beim Namen nennt, wie hier die Maria, bin ich alle Ewigkeit durch selig. Und in dieser Absicht, um von ihm einst genannt zu werden, wollen wir ihn jetzt gern suchen, lieben und sein bleiben, bis er kommt und alle seine Schafe mit Namen ruft. (Johannes 10,3) (Johannes Evangelista Gossner)
Spricht Jesus zu ihr: Weib, was weinst du? Wen suchst du?
Es ist der Welt Art, dass sie sich, so viel eben schicklich, von den Traurigen abwendet. Das ist auch natürlich, denn diese weinenden Menschen sind unbequem und lästig. Sie stören den leichtsinnigen Freudenrausch. Jesus aber sucht grade die Weinenden auf und ihre Tränen zu trocknen ist ihm seligste Lust.
So tat er in den Tagen seiner Niedrigkeit; so tat er nach seiner Auferstehung und Verklärung; so tut er heute noch. Und dieses Geschäft macht ihm viele Arbeit. Denn man kann wohl sagen, dass das ganze Menschenleben ein Suchen und ein Weinen ist. Der Mensch sucht, so lange er lebt, und so lange er sucht, weint er auch.
Der Mensch sucht und sucht ohne Ende und er weint, weil er nicht finden kann, was er sucht und was ihm doch höchstes Glück zu sein scheint. Oder er findet wirklich, was er voller Sehnsucht suchte, und dennoch weint er weiter, weil er entdeckt hat, dass er in dem Gefundenen die Befriedigung nicht empfangen hat, die er davon erwartet hatte. Oder der arme Mensch weint, weil er das, was er gefunden hatte und was ihn so herzlich erfreute, aufs Neue verloren hat. So hört denn das Weinen und das Suchen, das Suchen und das Weinen nimmer auf, so lange der Mensch lebt.
Was ist das denn eigentlich, was er sucht und wonach er weint? Nicht wahr: Er sucht Glück, Freude, Frieden? Aber wo sind die zu finden? Der Mensch irrt umher in der Welt; er sucht herum in ihrem Vielerlei, hascht nach dieser, nascht an jener Frucht. Aber ach, über allem Genießen und Hungern, über aller Erfüllung und Enttäuschung, über allem Gewinnen und Verlieren, über allem Suchen und Finden wird das arme Herz immer matter und leerer. Besitz und Macht, Ehre, Titel und Würden, Kunst, Wissenschaft und Bildung, edle Gemeinschaft und häusliche Freuden, du magst sie alle finden nacheinander; dennoch immer aufs Neue beginnt das stille Weinen, immer wieder wird dir offenbar werden, dass dein Herz nicht ans Ende seines Suchens gekommen ist.
„Aber ist das denn nicht grausam, dass der Vater aller Geister den Menschen so endlos und ziellos suchen und weinen lässt?“ Nein, nein, sage nicht „endlos und ziellos;“ so ist's nicht gemeint. In dem Mann, der hier vor der Maria Magdalena steht, ist das Ende unseres Suchens und unserer Tränen. Er, Derselbe, der da fragt: „Was weinst du? Wen suchst du?“ er fragt nur so, um uns zu sagen, dass wir am Ziele sind. „Alles, was liebt, liebt dich; Alles, was sucht, sucht dich, du vollkommene Schönheit, so uralt, so ewig neu,“ sagt der große Kirchenvater Augustinus zu seinem Heiland, den er gefunden hat. Aber ach, wie lange hatte er tappen und tasten, fallen und straucheln müssen in finsteren Irrwegen und Lasterwegen, hat in bitteren Kämpfen und Enttäuschungen fast vergehen müssen, bis er so jubilieren konnte! Und wie lange mussten Viele, die dieses Blatt jetzt lesen, tasten und tappen, zweifeln, verzweifeln, klagen, zagen, straucheln, fallen, von der Welt betrogen werden, von sich selbst betrogen werden, bis sie in Jesu die ewig-beseligende Himmelsschönheit erkannten! Aber ist das wahr? Musste es so lange währen? Unser Viele werden jetzt auf den Boden schauen und bekennen: Nein, es musste nicht so lange währen! Durch mein Sträuben, durch meinen Ungehorsam, durch mein Lustgetreibe, durch meine Zuchtlosigkeit, durch meine Unwahrhaftigkeit, - dadurch ist's so spät geworden. Dank dir, mein Jesus, dass du nicht müde wurdest; dass du nicht die Geduld mit mir verloren hast. (Otto Funcke)
Spricht Jesus zu Maria: Weib, was weinst du? wen suchst du?
Man weinet zuweilen, wenn man sich freuen sollte, und freut sich, wenn man weinen sollte. Maria von Magdala weinte vor dem Grab Jesu, weil sie den Leichnam Jesu nicht darin sah, da sie sich über diesen Umstand als ein Zeichen Seiner geschehenen Auferstehung hätte freuen sollen. Hingegen freuen sich Einige, Böses zu tun, und sind fröhlich in ihrem bösen verkehrten Wesen, Spr. Sal. 2,14., da sie hingegen Abscheu, Furcht und Tränen bei dieser Gelegenheit haben und zeigen sollten. Maria war schon von den zwei Engeln, die im Grab Jesu saßen, gefragt worden, warum sie weine, und sie hatte ihnen geantwortet: sie haben meinen HErrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie Ihn hingelegt haben. die Engel eilten nicht, ihr hierauf eine tröstende Antwort zu geben, weil sie den HErrn Jesum in der Nähe sahen, und ließen es geschehen, dass Maria sich zurückwandte, und im Weinen fortfuhr. Sie sah dabei Jesum stehen, und wusste nicht, dass es Jesus sei. Jesus sprach alsdann zu ihr: Weib, was weinest du? wen suchest du? Er wusste wohl, warum sie weine, und wen sie suche, es gefiel Ihm aber, durch diese Frage mit ihr ins Gespräch zu kommen, und ein Bekenntnis von ihr herauszulocken. Sie meinte, es sei der Gärtner des Joseph von Arimathia, und sprach zu Ihm: Herr, hast du Ihn weggetragen, so sage mir: wo hast du Ihn hingelegt? So will ich Ihn holen. Sie nannte denjenigen nicht, den sie suchte, sondern setzte voraus, der vermeintliche Gärtner wisse schon, wer er sei, nämlich Jesus, vor dessen geöffnetem Grab sie damals stand. Sie war in die Einbildung, dass Jemand den Leichnam Jesu weggetragen habe, so sehr verschlossen, dass sie den vermeinten Gärtner nur fragte, ob er’s getan habe. Und eben diese Einbildung war auch die Ursache ihrer Tränen, welche sie zu stillen hoffte, wenn sie den Leichnam Jesu holen und mit Beihilfe Anderer wegtragen dürfte. Sie meinte nämlich, Joseph von Arimathia habe ihn nicht länger in seinem eigenen neuen Grab behalten wollen, und deswegen seinem Gärtner befohlen, ihn daraus wegzutragen. Sie erbot sich also, wenn man ihr den Ort anzeige, wo er jetzt liege, ihn, weil er dem Joseph so unwert sei, wegzutragen, und ihm ein anderen anständiges Begräbnis zu verschaffen. Wer erkennt nicht die Liebe zu Jesu, die Ehrerbietung gegen Ihn, und die Geflissenheit, Ihm zu dienen, welche aus diesen Worten herausleuchteten? Der HErr Jesus erkannte dieses Alles noch viel heller als wir, und übersah dabei die törichte Einbildung der Maria. Anstatt aber sie mit Worten zu belehren und zu trösten, redete Er sie mit seiner gewöhnlichen Stimme an, und nannte sie mit Namen. Schon der Name scheint die Maria aufmerksam gemacht zu haben, wenn sie nämlich gedacht hat, der Gärtner Josephs wisse ihren Namen nicht. Sie wandte sich also um, kannte in diesem Augenblick Jesu, und sprach zu Ihm: Rabbuni. Maria wurde auf diese Weise aufs Kräftigste getröstet; denn nun wurde sie überzeugt, dass Jesus nicht tot, nicht weggetragen sei, sondern dass Er lebe und gegenwärtig sei. Die Ursache ihrer Tränen fiel also weg: ihr Weinen wurde in Freude verkehret, aber in eine stille Freude, denn sie redete nichts als das einige Wort Rabbuni. Was in ihrem Herzen vorging, wusste der Herzenskündiger. Sie war aber auch alsbald gehorsam, da Jesus sie wegschickte, um Seinen Brüdern zu verkündigen, was Er zu ihr sagte.
Es ist merkwürdig, dass Maria von Magdala nicht von den zwei Engeln, die im Grab Jesu saßen, getröstet werden sollte, sondern von Jesu selbst. Es gibt Menschen, die sich zu andern Menschen wenden, um Trost durch sie zu bekommen. Ob nun gleich der HErr auch Menschen als Seine Werkzeuge braucht, wenn Er Traurige trösten will: so geschieht es doch zuweilen, dass Er Sich dieser Werkzeuge nicht bedienen will. (Magnus Friedrich Roos)
Spricht Jesus zu ihr: Weib, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo hast du ihn hingelegt? so will ich ihn holen.
Die arme und doch reiche Maria ahnt nicht, dass der neben ihr stehende Gärtner, wie sie ihn heißt, der Lebensfürst selber ist. Sie weint und sucht; aber auf diesem Wege darf sie auch finden. Sie hätte sich mit der toten Hülle ihres himmlischen Freundes begnügt, aber ein anderes, seligeres Ende wartet ihrer. Der weinenden und suchenden Seele kann sich der Herr alsobald offenbaren und ihr Leid und Misstrauen in selige Freude verwandeln. Was suchst du? um wen weinst du? Ist das aber nicht die große Lebensfrage? Das Leben ist ein Suchen und ein Weinen; ist uns das einmal bewusst geworden, so haben wir uns nur noch zu prüfen: Wen suche ich? wem fallen meine Tränen? Die rechte Antwort finden wir nur vor dem offenen Grabe des Herrn. Suche ich diese Welt, so vergehe ich mit dieser Welt; suche ich mich selber, so muss ich auch immer mehr über mich selber weinen; suche ich ein Vielerlei, so bin ich unbeständig in allen meinen Wegen; weine ich über meine Toten, so steigen sie doch nicht aus ihrer Gruft empor, und wenn das auch wäre, so könnten wir zuletzt uns doch nicht zusammen trösten. Nur Maria hat recht gesucht und recht gefunden. Sie fasst alle Bedürfnisse in einem zusammen: wenn sie Ihn nur hatte, ließe sie alles Andre gern. Und sie bekommt ihn herrlicher als sie ihn ahnen durfte. So groß wir von Jesu denken und von seinem Besitz, so ist das Überschwängliche, das uns in Ihm zu Teil wird, doch etwas über alle menschlichen Wünsche und Hoffnungen Hinausragendes. Wir suchen so viel und weinen so oft, und bleiben doch so arm und so ungetröstet. Der Herr hat eben noch nicht viele Marias gefunden. Gib eine leere, verarmte Seele, gib sie mit allen ihren Tränen und Wünschen, und der unausforschliche Reichtum Christi wird hier und dort alle deine Räume ausfüllen, solche, die bis jetzt gesucht und noch nicht gefunden hatten. (Friedrich Lobstein)
Spricht Jesus zu Maria: Weib, was weinst du?
In dieser Frage lag ein ganzer aufgeschlossener Himmel und eine ganze selige Ewigkeit. Was ist zu weinen, wenn er lebt, der uns geliebt hat bis in den Tod? Was ist zu weinen, wenn unser Freund den Tod überwunden und die Schlüssel des Himmelreiches in der Hand hat? Was ist zu weinen, wenn der lebt, der uns teilhaftig machen will aller der Herrlichkeit, die er beim Vater hatte, ehe denn der Welt Grund gelegt ward? Die Ostersonne leuchtet in alle Trübsal hinein, in welcher wir aufrichtig dem Herrn das Kreuz nachtragen. Wie viel Not das arme Leben mit sich bringt, das wisst ihr. Bei Vielen liegt sie offen zu Tage, Andere weinen ihre Tränen still im Verborgenen. Wo kein Glaube ist, da geht endlich die Traurigkeit über in Stumpfheit und in Murren gegen das Schicksal oder wie sie es sonst nennen. Aber wohl dem, welchen das Osterfest auch in alle seine Not begleitete. Wohl dem, der mit jenem Kranken singen kann: Auch in meine Kammer Dringt das Osterlicht, Auch in meinem Jammer Strahlt die Zuversicht: Ist das Haupt erstanden Zu der Herrlichkeit, Wird aus seinen Banden Auch das Glied befreit. Hat Maria in dem Garten Endlich ausgeweint, Will ich auch im Glauben warten, Bis mein Tag erscheint. Wenn du dem Herrn so unter dem Kreuze nachgehst, wird deine Hoffnung nicht zu Schanden werden. Der Auferstandene wird auch deine Traurigkeit in Freude verkehren.
Herr Jesu, auch am heutigen Morgen kommen wir vor dein Angesicht mit Lob und Dank für deine treue Hilfe in der vergangenen Nacht. Wir kommen aber auch mit der herzlichen Bitte: Wo an diesem Morgen irgend trauernde Herzen sind, die nicht Trost finden können, da tritt du zu ihnen und tröste sie, wie du Maria Magdalena tröstetest. Und wo uns der heutige Tag hineinführen sollte in allerlei Schweres, dann lass auch uns daran gedenken, dass du, vom Tode erstanden, uns ungesehen zur Seite stehst. Öffne uns den Blick, dass wir dich erkennen und wie jene Jüngerin voll demütigen Vertrauens uns dir zu Füßen werfen, der du Rabbuni, auch unser Meister bist. Amen. (Friedrich Ahlfeld)