Johannes 19,2

Andachten

Und sie flochten eine Krone von Dornen, und setzten sie auf Sein Haupt.
Wenn der Unglaube zum Mutwillen wird, so entsteht eine Spötterei daraus. Die Wahrheit scheint alsdann dem ungläubigen Menschen nicht nur falsch, sondern auch lächerlich und ungereimt zu sein, und deswegen spottet er darüber, und solches kann sowohl durch Worte als auch durch Werke geschehen. So ging’s im Richthaus Pilati, wo der HErr Jesus dem Mutwillen heidnischer Soldaten überlassen war. Diese hatten gehört, dass die vornehmste Anklage wider Jesum darin bestand, Er gebe Sich für einen König aus. Auch hatten sie vielleicht vernommen, dass Er vor dem Pilatus bekannt hatte, Er sei ein König. Und endlich hatten sie gehört, dass Pilatus, um der Juden zu spotten, und ihnen wehe zu tun, Ihn den König der Juden genannt habe. Ihnen kam es nun bei ihrem blinden Unglauben lächerlich vor, dass man von einem Mann, der als ein Gefangener wehrlos dastand, und der keinen bewaffneten Anhang hatte, sagen mochte, er sei ein König, und dass derselbe sich für einen König ausgebe. Sie flochten also, um Seiner zu spotten, eine Krone von Dornen, und setzten sie auf Sein Haupt. Durch die Spötterei wurde der HErr Jesus an Seiner Seele angegriffen, die Dornen aber verwundeten ohne Zweifel Sein heiliges Haupt, und verursachten Ihm an demselben empfindliche Schmerzen. Pilatus befahl seinen Soldaten nicht, diesen Mutwillen auszuüben, weil er ihn aber gestattete, so machte er sich dieser Sünde auch teilhaftig.

Diese Geschichte erinnert uns an das Wort Jesu: richtet nicht nach dem Ansehen; richtet ein rechtes Gericht. Der HErr Jesus hatte freilich im Richthause des Pilatus kein königliches Ansehen, und war doch König. So war Hiob auf allen Seiten bedrängt, Lazarus ein armer und kranker Bettler, Stephanus als ein Ketzer verdammt, und diese Alle waren doch Heilige und Geliebte Gottes. Die Griechen däuchte die Predigt von Christo dem Gekreuzigten und der Glaube an Ihn eine Torheit zu sein, und doch lag die höchste Weisheit darin. Der Schein kommt nicht immer mit dem Wesen, und das Äußerliche nicht immer mit dem Innerlichen überein. Eben der Jesus, dem die Soldaten des Pilatus eine Dornenkrone aufsetzten, erscheint Off. Joh. 19,12. als ein Solcher, dessen Augen wie eine Feuerflamme, und auf dessen Haupt viele Kronen sind. Und wie groß wird die Herrlichkeit sein, in welcher man Ihn zur Rechten auf dem Thron der Majestät im Himmel sehen wird!

Die Geduld, mit welcher Sich Jesus die Dornenkrone aufsetzen ließ, beschämt unsern Stolz, welcher gern Ehre von Menschen nimmt, und gegen Spott und Verachtung unlittig ist. Die Menschen meinen oft, sie seien Etwas, da sie doch Nichts sind. Sie betrügen sich selbst, sie betrügen einander, sie wollen den Schein von etwas haben, wovon sie doch das Wesen nicht besitzen. Dieses Alles ist Heuchelei, die Heuchelei aber wird zur Schande, wenn sie entdeckt wird. Deswegen sagt die Schrift oft, dass die Ungläubigen am Tage des Gerichts werden zu Schanden werden. Dieser Schande zu entgehen gibt es kein anderes Mittel, als den Glauben an Jesum, welcher unsere Schande auf Sich genommen, und Sich, ob Er schon wahrhaftig, ja die Wahrheit selber war, gröblich schmähen und verspotten lassen, als ob Er ein Heuchler, Betrüger und Wahnsinniger gewesen wäre. Wer an Ihn glaubt, soll nicht zu Schanden werden, ja um Seinetwillen soll denen, die mit Geduld in guten Werken nach dem ewigen Leben trachten, Preis und Ehre und unvergängliches Wesen widerfahren. Röm. 2,7. (Magnus Friedrich Roos)


Sie legten Ihm ein Purpurkleid an.
Als die Soldaten des Pilatus den HErrn Jesum wegen Seiner königlichen Würde verspotteten, so flochten sie eine Krone von Dornen, und setzten sie auf Sein Haupt. Diese Dornenkrone sollte die spöttische Vorstellung einer mit Gold und Edelsteinen gezierten Krone sein, dergleichen die Könige tragen. Sie gaben Ihm ferner ein Rohr, welches ein goldenes Zepter bedeuten sollte, in Seine rechte Hand, und legten Ihm ein Purpurkleid, welches Matthäus einen Mantel nennt, an; weil damals die morgenländischen Könige solche purpurne Oberkleider trugen, die wegen ihrer roten kostbaren Farbe einen besonderen Wert hatten; wiewohl auch andere reiche Leute sich solcher Kleider bedienten (Luk. 16,19.). Die Soldaten ließen es aber an diesem Allem nicht bewenden, sondern fielen spottend auf die Knie, und sagten: sei gegrüßt, lieber König der Juden! Sie spien Ihn auch an, und nahmen das Roh, schlugen damit Sein Haupt, und gaben Ihm auch (mit den Händen) Backenstreiche. Welch’ ein angstvolles Erstaunen muss es bei diesen mutwilligen Leuten erweckt haben, wenn sie bei Leibesleben oder nach ihrem Tod vergewissert worden sind, dass Derjenige, den sie so misshandelten, der Sohn des hochgelobten Gottes, und der Richter der ganzen Welt sei! Was aber nun den Purpurmantel anbelangt, den man Jesu anlegte, so können wir denselben mit dem weißen Kleid vergleichen, welches Ihm Herodes anziehen ließ. Dieses letztere sollte ein Zeichen Seiner Unschuld sein, doch steckte unter demselben auch ein bitterer Spott: denn wenn Herodes Jesum für unschuldig hielt, so hätte er Ihn loslassen können, weil er Sein Landesherr war, und Pilatus ihm denselben übergeben hatte. Hat er aber je den HErrn Jesum dem Pilatus aus Gefälligkeit zurückschicken wollen, so hätte er dessen Unschuld schriftlich oder durch einen seiner Hofleute bezeugen können.

Uns soll der Anblick des dem öffentlichen Spott in Seinem Purpurmantel ausgesetzten HErrn Jesu einen tiefen Eindruck geben. Er litt diesen Spott, weil wir wegen unserer Unreinigkeit und Bosheit, welche wir mit einer falschen Weisheit und falschen Tugend zuzudecken gewohnt sind, Spott und Schmach verdient haben. Er litt es, dass man Ihn mit Kleidern verhöhnte, weil die Kleiderpracht eine meistens unerkannte, aber doch gemeine Sünde unter den Menschen ist. Der Heilige Geist hat durch den Jesaias Kap. 3,18-23. den ganzen hoffärtigen Putz des israelitischen Frauenzimmers beschrieben, und nicht undeutlich zu verstehen gegeben, dass Gott ein Missfallen daran habe, und deswegen in Seinem Zorn ihn wegnehmen wolle. Auch hat der HErr Jesus nicht umsonst von dem reichen Mann gesagt, dass er sich bei seinem täglichen Wohlleben in Purpur und köstliche Leinwand (byssus) gekleidet habe, weil auch diese Kleiderpracht ein Zeichen seines eitlen Sinnes war. Wenn nun ein Mensch sich dieser Sünde in einem größeren oder kleineren Grad schuldig gemacht hat, so soll er vor Jesu, welcher wegen derselben aus Spott einen Purpurmantel getragen hat, sich schämen und beugen, und Vergebung suchen, und hinfort der Hoffart redlich feind werden. Der HErr Jesus trug auch, indem Er noch frei unter den Menschen wandelte, eine Zeit lang bei einer tiefen Traurigkeit einen Sack, oder ein schlechtes Trauerkleid, und wurde darüber verspottet, Ps. 69,12. Seinen Nachfolgern gebührt es nicht, in hoffärtigen Kleidern einherzugehen, und bei Anderen dadurch eine Bewunderung oder fleischliche Liebe zu erwecken. O wie wird Alles so gar verändert, ja mit dem Gegenteil verwechselt! Die Widersacher Jesu müssen mit Schmach angezogen werden, und mit ihrer Schande bekleidet werden, wie mit einem Rock, Ps. 109,29. Er aber wurde verklärt und diejenigen, die durch Seine Kraft Alles, auch das hoffärtige Leben überwinden, werden mit Ihm in weißen Kleidern wandeln, und Er wird ihre Namen aus dem Buch des Lebens nicht austilgen, sondern vor Seinem Vater und vor Seinen Engeln bekennen. Off. Joh. 3,4.5. (Magnus Friedrich Roos)


Und die Kriegsknechte flochten eine Krone von Dornen, und setzten sie auf sein Haupt, und legten ihm ein Purpurkleid an.
Neue schmerzliche Misshandlungen, verbunden mit neuem Spott. Es ist hier die rohe Schar der Kriegsknechte, die sich vergreift an dem Heiland der Welt. Wie der Herr, so der Knecht. Das Blut, welches Pilatus über sich kommen lässt, wird auch zum Teil von den Kriegsknechten vergossen. Eine Dornenkrone statt einer Strahlenkrone auf dem Haupt der Kirche! Die Dornen des Fluchs, die nach der ersten Sünde aus dem Acker der Welt in die Höhe wuchsen und seit Jahrhunderten fortwucherten, hier haben wir sie alle um die Schläfe des Heiligen und Gerechten. Der stachelnde Schmerz dieser Dornenkrone ist eine neue Büßung, die Christus auf sich genommen hat. Wie gierig sind wir nach Kränzen der Ehre und der eitlen, vergänglichen Luft, und wie bitter wird solche Selbsterhebung und solch ein abgöttischer Weltgenuss, wenn die Sünde einmal Sünde geworden ist! Diesen Fluch des Gewissens nimmt hier unser Bürge auf sich, und das heilige Blut, das um seine Schläfe rinnt, ist ein Stück des ewigen Lösegelds, das uns mit Gott versöhnen sollte. Zu dieser Misshandlung Christi fügen die Kriegsknechte noch einen Spott. Sie legen um den bluttriefenden Rücken ihres Schlachtopfers ein Purpurkleid, um das königliche Amt Christi zu beschimpfen. Wie in dem Hause des Caiphas das prophetische Amt Christi verspottet worden war, da man ihm die Augen verbunden, ihn geschlagen und ihm zugerufen hatte: Weissage uns, Christe, wer ist es, der dich schlägt? so wird nun hier im Hause des weltlichen Richters sein königliches Amt verspottet, und sein gutes Bekenntnis von seinem Königreiche, das er vor Pilato abgelegt hatte, zum Gelächter gemacht. Aber wer sind eigentlich jene Spötter? Sind wir es nicht, solang wir Christum nur dem Schein nach verehren, ihm aber noch nicht eine volle Lebensmacht über uns lassen? (Friedrich Lobstein)

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