Johannes 17,3
Andachten
“Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen.“
Gott und Jesum erkennen - das ist ewiges Leben. Dann kann damit aber nicht ein Aufmarsch von Begriffen und ein Lehrgebäude gemeint sein, sondern man muss an die biblische Sprache denken, die „erkennen“ von der innigsten Liebesgemeinschaft braucht. Gott und Jesus werden nur so weit erkannt, als man sie liebt, und man kann sie nur so echt und wahr lieben, wenn man sie am inneren Menschen erfährt. Es steht nicht so, als ob die Lehre über Gott zuerst an einen Menschen herangebracht werden müsste, um Ehrfurcht und Liebe zu wecken, sondern umgekehrt ist's gegangen: Die erfahrene Liebe von oben rief unsere Liebe wach und nachher suchte diese dankbare Rührung nach Begriffen, Namen, Lehren, die hoch genug für Gott und Jesus wären. Der goldene Faden im Gewebe unseres Erdenlebens ist, was wir in heiligem Schauer und süßer Bewegung vom Unsichtbaren erlebten: Scheidung von der Sünde, Gebetserhörungen, Tröstungen, die wir nicht in Worten weitersagen konnten. Schließ die Augen, wenn du allein dich müde geweint im Leid, oder müde gelesen in der Bibel und schicke deine Seele, dass sie Gott, dem nahen, gegenwärtigen, begegne.
Hier bin ich, Herr, mein Vater und Erlöser! Höre mich, sieh mich freundlich an, reiche mir deine durchgrabene Hand, zieh mich an dein Herz und lass mich eine kleine Weile Heimatglück in der Fremde genießen. Amen. (Samuel Keller)
Was muss das für eine Erkenntnis sein, dass Johannes sie ewigem Leben gleichsetzt? Solche Erkenntnis muss erfahrene Erlösung sein, muss eine solche Wirklichkeit sein, dass der arme Sünder, der mit uns zusammentrifft, innerlich überzeugt wird: das ist es, was ich suche. Das gerade brauche ich, um aus meinem Elend herauszukommen. - Dann ist schon klar, dass das nicht in Begriffen und Worten stehen kann, sondern in einer Erfahrung, die neue Kraft und neues Leben mit sich bringt. Davon war im Alten Testament geweissagt: ein Volk, das seinen Gott erkennt, wird sich aufmachen und es ausrichten. Nun muss sich das erfüllen, wenn man die Offenbarung Gottes in Christo an sich gerissen hat, diesen Gottesstrom in sich hinein hat fluten lassen. Das gibt dann den Sinn des Lebens auf Erden; sein Mark, seine Seele, seine treibende Kraft: das ewige Leben. Weil aber durch Liebe und Erfahrung die Erkenntnis Gottes und Christi wächst, wächst auch die Wirkung dieses ewigen Lebens hienieden. Wenn wir einst Gott so erkennen werden, wie er jetzt uns, dann werden wir das Vollmaß des ewigen Lebens erlangt haben. Hier ist beides - Erkenntnis und Leben - nur Stückwerk.
Wir danken dir, Herr, dass du beides in der Hand hast, den Abbruch des alten und den Aufbau des neuen Lebens. Wir wollen in deiner Hand bleiben. Wirke deine Werke, wenn unsere Werke welken. Führ uns hindurch! Amen. (Samuel Keller)
Die Erkenntnis Gottes in Christo Jesu, unserm Herrn, ist auch das ewige Leben. Kennen und haben ist in der Schrift einerlei. Das Erkennen Gottes in Christo Jesu ist nicht ein Begriffliches, nicht eine Sache des Verstandes, wie man etwa zuletzt helle sieht über eine Schwierigkeit, sondern eine innere aufgeschlossene Lebensquelle, eine geistige Einkehr zu Gott, ein Schöpfen und abermaliges Schöpfen aus seiner Fülle und von seinen Gnadengütern. Wer Gott erkannt hat, der bezieht auch aus Gott seinen geistigen Lebensbedarf, wie die Pflanze aus der Erde ihre Nahrungskräfte. Aber wie kann man Gott erkennen? Christus sagt: Niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Er ist die Türe; wer den Sohn nicht hat, der hat auch den Vater nicht, und der Zorn Gottes bleibt über ihm. Es spiegelt sich in uns Allen Gottes Klarheit, mit aufgedecktem Angesicht, wenn wir Christo endlich recht ins Auge geblickt und wir von ihm den entscheidenden Lebenseindruck erhalten haben. Solch ein Erkennen ist dann auch das ewige Leben; die versiegelte Quelle ist dann aufgebrochen; anfangs rinnt sie nur, aber das Tröpfeln wird zulegt ein Strom, hell wie Kristall, wann wir erkennen werden, wie wir erkannt sind. (Johann Friedrich Lobstein)
Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, dass du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen. Ich habe dich verklärt auf Erden, und vollendet das Werk, das du mir gegeben hast, dass ich es tun sollte. Und nun verkläre mich, du Vater, bei dir selbst, mit der Klarheit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.
Ja, Gott sei Dank! nun können wir armen Menschen wieder den allein wahren Gott und Jesum, den Er gesandt hat, erkennen, die Wolken sind zerrissen und unser verfinstertes Herz wieder helle gemacht, und haben wieder erleuchtete Sinne, denn der Sohn hat den Vater verklärt auf Erden und das Werk vollendet, das Ihm Sein Vater gegeben, dass Er's tue. Dieses Werk ist das Werk der ewigen Liebe. Jesus hat an Seiner eigenen Person, durch Sein Leben, Tun, Leiden, Sterben kund und offenbar gemacht, was ewige Liebe ist, und das hat auf uns gewirkt, wie die Sonne wirkt an Allem, was da lebt, wenn sie sich wieder der Erde zuwendet. Ein neuer Lebensstrom durchdringt das Erstorbene und Erstarrte, und aus dem allgemeinen Verderben und Verwesen keimt es grün empor: also ist es das neue Leben, dass Menschen den allein wahren Gott erkennen in der Person Jesu Christi und in Seinem vollendeten Liebeswerk. Dieses Leben ist seinem Ursprung und Wesen nach ewiges Leben, diese Liebe hört nimmer auf. Wir haben's also nicht mit einem verstandes- oder begriffsmäßigen Erkennen zu tun; ach, wahrlich! nein, Gott ist viel größer als wir und unser Herz, mit allem Verstehen und Begreifen, und der Friede Gottes ist viel höher als alle Vernunft. Unser Erkennen ist kein Begreifen, sondern ein Ergreifen, so wie die Pflanzen und Halme das Sonnenlicht und die Wärme und den Tau der Nacht und den Regen aus der Wolke trinken und in sich aufnehmen! seht da das vollendete Jesus-Werk, dass uns solches Erkennen und Ergreifen zu Teil werden kann. Und nachdem dies Werk auf Erden vollendet ist, so begehrt nun der Sohn, wieder erhoben zu werden zu der Klarheit, die Er bei dem Vater gehabt, ehe denn die Welt war. Er ist nun erhoben, aber wir wissen's und getrösten uns des: Der Herr ist nun und ewig nicht von Seinem Volk geschieden! denn Seine himmlische Klarheit umfängt uns, wie des Himmels Bogen, der sich um uns spannt, und wir erfahren's täglich: Ich will wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass ihr seid, wo ich bin! (Nikolaus Fries)