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Johannes 17,21

Johannes 17,21

Andachten

“auf dass sie alle eins seien“
Wenn der Herr im hohenpriesterlichen Gebet fünfmal diese Bitte seinem Vater vorträgt, und das laut vor seinen Jüngern, dann ist's klar, dass es ihm ein wichtiges Anliegen war und eine ernste Mahnung an die Jünger. Das spüren wir alle, so wahr wir seines Leibes Glieder sind, und wir kennen auch in der Vorstellung eine allgemeine christliche Kirche. Wir sind auch, wenn es gilt, gegen das freche Antichristentum unserer Tage einig, die Hauptsätze unseres christlichen Glaubens zu verteidigen. Das ist aber auch alles. Weiter kommen wir jetzt eben noch nicht. Bildung, theologische, kirchliche, persönliche Auffassung, sowie die praktischen Folgen beim Zusammenkommen mit Brüdern anderer Konfessionen schaffen für ein wahres, christliches Gewissen so verschiedene Sehfelder, dass ein jeder ehrlich sagen muss: Bis hierher kann ich nachgeben, aber jedes Wort weiter ist mir Sünde. Das soll uns aber in der persönlichen Bruderliebe und der gegenseitigen Achtung und geeintem Kampf gegen den gemeinsamen Feind nicht stören. Der Herr Jesu wird durch die Entwicklung der Geschichte in der Endzeit selbst die Einigung machen. Dann wird sie echt und haltbar sein für die Ewigkeit.

Herr, tue aus unsern brüderlichen Beziehungen alle Sünde fort, allen Neid, alle Missachtung, alle Lieblosigkeit, alle Rechthaberei. Lehre uns lieben, wie du geliebt hast und deinen Sinn pflegen untereinander. Amen. (Samuel Keller)


Auf dass sie alle eine seien. Wenn die Christenheit einen Grund hat, ihre Harfen an die Weiden zu hangen: so ist es besonders der, dass das Schibboleth der Parteien noch so oft in ihr gehört wird, dass die Sektiererei noch immer ihre Spanischen Reiter1) innerhalb der Tore des Heiligtums aufstellt!

Wie anders ist Jesu Sinn! Obgleich zu den verlorenen Schafen von dem Hause Israels gesandt, erkannte Er doch auch immer andere Schafe, nicht aus diesem Stalle, an. Dieselben muss Ich herführen war eine Aussage, die Er fortwährend mit der Tat bekräftigte. Wählen wir ein Beispiel; das samaritische Weib erwies, was leider in der Welt nur zu allgemein ist, einen gänzlichen Mangel aller Religion, verbunden mit dem glühendsten Eifer für ihre eigene Sekte. Sie lebte in offener Sünde, doch verstand sie sich auf die feinsten Verschiedenheiten zwischen Juden und Samaritanern, zwischen dem Berge Garizim und dem Berge Zion. Wie bittest Du von mir zu trinken, so Du ein Jude bist und ich ein samaritisches Weib? Bekräftigte Jesus ihre Sektiererei? Hörte Er ihre Meinung ohne Tadel an? Nein! Seine Antwort ist: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer Der ist, Der zu dir sagt: Gib mir zu trinken; du bätest Ihn und Er gäbe dir lebendiges Wasser. Er konnte Sich nicht durch engherzige Ausschließlichkeit von freundlichem Entgegenkommen gegen eine Fremde abhalten lassen; - nein, Er wollte ihr vielmehr das lebendige Wasser geben, das in das ewige Leben quillt! Wie traurig ist es, dass in unseren Tagen, wo der Feind wie ein Strom hereinbricht und die Reihen des Papsttums und des Unglaubens sich in verhängnisvoller und furchtbarer Vereinigung erheben, dass da die Streiter Christi mit von innerlichen Fehden zerrissenen und befleckten Fahnen dem Angriffe entgegengehen müssen. „Einförmigkeit“ darf nicht, aber „Einigkeit“ im wahren Sinn des Wortes sollte sein.

Wir mögen verschiedene Bekleidung tragen, doch lasst uns neben einander stehen, Glied an Glied, die Kämpfe unseres Herrn kämpfend. Wir mögen verschiedene Teile des siebenarmigen goldenen Leuchters sein, in äußerer Form und Gestaltung von einander abweichend; doch lasst uns vereinigt sein, dessen Lob darzutun, der die Treue im Leuchten. als Lichter der Welt, als die einzige Berechtigung zur Mitgliedschaft Seiner Gemeine aufstellt. Wie können wir das 13. Kapitel der 1. Epistel an die Korinther lesen, und dann an unsere Spaltungen denken? Wie erbärmlich, sagt ein frommer Mann, wäre es in einem Hospital, wenn jeder Patient an der Krankheit des Andern Anstoß nähme, anstatt sich zu bemühen, sie zu erleichtern!

Ach! hätten wir mehr wahre Gemeinschaft mit unserm Heilande, so würden wir auch mehr wahre Gemeinschaft mit einander haben. Wenn Christen ihre Pfeile mehr in die Salbe von Gilead eintauchten, so gäbe es weniger Wunden im Leibe Christi. Wie viel wird das Wort Duldung unter uns gebraucht! sagte Einer, der, mehr denn die Meisten unter uns, von dem Sinn Seines Herrn in sich eingesogen hatte, - wie dulden wir einander, eine Kirche duldet die andere, und eine Sette die andere! O verhasstes Wort! Einen dulden, für welchen Jesus starb! Einen dulden, den Er auf dem Herzen trägt! Den Tempel des Lebendigen Gottes dulden! Ach, wir sollten uns vor Gott des Wortes Duldung und Toleranz herzlich schämen! Sie sollten alle Eins sein, wie der Vater Eins ist mit dem Sohn! (John Ross MacDuff)


Auf dass sie Alle Eins sein.
Mein Gott, Du ewiger Ursprung alles Guten, ich nahe mich zu Dir durch Den, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, ich habe für mich nichts vor Dich zu bringen, als durch Ihn, der zur Rechten der Majestät in der Höhe sitzt, und mich bei Dir vertritt. Ein Sünder, komme ich zu meinem Erlöser ein Kranker, zu meinem großen Arzt ein Verlorener, zu dem guten Hirten, der Keinen hinausstoßen will. Gib doch, dass ich Ihn erkenne, an Ihn glaube, mich Seiner getröste, Ihm nahe bleibe, und es erfahre, dass ich keinen andern Helfer mehr nötig habe, dass ich in Ihm alles finde, was ich im Leben und Sterben, für Zeit und Ewigkeit bedarf.

Mit anbetender Freude denke ich an die große Schar vor Deinem Thron, die Niemand zählen kann, aus allen Ländern, Völkern und Sprachen, diese Zeugen Deiner Gnade und Deiner Siege, die schon mit weißen Kleidern angetan sind, und Palmen in den Händen tragen. Wie selig ist wohl die Eintracht und Einmütigkeit unter dieser unzähligen Menge, kein Misslaut, kein Zwiespalt wird jemals ihre Einigkeit stören, wie sie Herz in Herz, und Auge in Auge sich sehen und kennen, und nur ein Ziel, einen Willen, einen Gedanken haben: das Lob Gottes und des Lammes!

Wie traurig sieht es dagegen in Deiner Kirche hier unten aus, wo ein Christ dem andern fremd gegenüber steht - wo so Viele, die auf demselben Wege zum Himmel begriffen sind, und dieselbe himmlische Stadt im Auge haben, sich von einander trennen und absondern, und ihre abgeschiedenen Pfade gehen wo so Manche, die doch in Dir Brüder sind, und in inniger Liebe unter einander verkehren sollten, kalt, tadelnd und misstrauisch neben einander hergehen. Wie viel unheiliger Eifer, wie viel Eifersucht und gegenseitiges Anklagen ist unter Deinen Gläubigen, und wie wenig von dem Geist, der sogar den feindseligen Heiden das Zeugnis abzwang: siehe, wie diese Christen sich unter einander lieben! O Herr Jesu, Du Liebhaber des Friedens, gieße doch aus Erbarmen über Deine Kirche auf Erden ein größeres Maß des heiligen Geistes aus, des Geistes der Einigkeit, Demut, Sanftmut und brüderlichen Liebe. Heile doch die blutenden Wunden der Kirche, die Dein Leib ist, und decke sie mit dem Mantel der Liebe. Ziehe nur die ganze Kirche, jede einzelne Gemeinschaft derselben und jede einzelne Seele, näher zu Dir, dann werden wir auch unter einander uns näher kommen. Denn es ist doch nur weil wir von Dir, der großen Sonne der Gerechtigkeit, der Quelle alles Lichts, Lebens und Friedens, so fern abgewichen sind, dass wir wie irrende Sterne, Jeder in seiner eignen und von den Andern abgesonderten Bahn uns drehen. Schenke uns den Sinn, dass wir Alle uns Glieder eines Hauses wissen, dessen Haupt Du bist, dass wir Alle Schafe einer Weide sind unter dem einen guten Hirten, und Verbündete in dem einen großen Heer, die unter derselben Kreuzesfahne des himmlischen Königs kämpfen: O gib nicht zu, dass in diesen letzten Zeiten, wo der Feind mit aller Macht gegen Deine Kirche sich rüstet, wir unsre Kräfte in kleinlichem Streit und Hader unter einander zersplittern. Lass uns die unwichtigeren Stücke, in denen wir von einander abweichen, den wichtigeren und hauptsächlichen, in denen wir einig sein müssen, unterordnen.

Behüte mich auch heute, o Herr, vor Unduldsamkeit, lass mich nicht richten, auf dass ich nicht gerichtet werde. Deine Güte führe mich durch alle Anforderungen, Versuchungen und Unruhen dieses Tages.

Lass meine Lieben mit mir Eins sein in Dir, jetzt und in Ewigkeit. Amen. (John Ross MacDuff)


Auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir, und ich in dir, dass auch sie in uns eins seien, auf dass die Welt glaube, du habest mich gesandt.
Die Einigkeit der Jünger ist dem Herrn höchst wichtig gewesen, denn für ihr Einswerden bittet er vor allem aus. Nicht nur sollen sich etliche, die einander sonst schon nahe stehen, in ihm verbinden; das Band der Einigkeit soll alle umschlingen. Will er denn die Unterschiede nicht gelten lassen, die im Volkscharakter oder der Volksgeschichte begründet sind? Freilich will er das, hienieden und im Himmel. Aber dennoch sollen sich alle in einem Mittelpunkte zusammen finden. In ihm ist die Einigung. Wenn nur jeder ihn zu seinem besten Freunde hat, so verlieren die Unterschiede das trennende und werden durch seine Liebe verklärt. Hierzu ist aber wegen der menschlichen Einseitigkeit und Rechthaberei eine gründliche Beugung und Kreuzigung des alten Ich und eine Durchläuterung aller Gaben durch Gottes Heiligen Geist nötig. Dafür betet auch Jesus mit den Worten: „dass auch sie in uns eins werden!“ Geschieht dies, so überstrahlt der hochheilige Name „Jesus“ aller, auch der edelsten Menschen Namen und verklärt jede Sonderart.

Die Einigkeit der Gläubigen ist nicht nur um ihretwillen, sondern auch um der Welt willen wichtig. Sie soll daran erkennen, dass der Vater den Sohn gesandt hat. Somit gibt es keine bessere Verkündigung des Namens Christi der Welt gegenüber, als das Einssein seiner Jünger. Welch bedeutsamer Ausspruch! Warum haben die Kirchen ihn nicht beachtet! Warum haben sich Brüder bekämpft und gegenseitig die Krone der Ehren vom Haupte reißen wollen! Welch ein Schauspiel haben sie der Welt gegeben und ihr den Weg des Glaubens erschwert! Zur Herstellung der Einigkeit sollte das Wort „schiedlich, friedlich“ besser geübt werden. Darum sehe ein Jeder zu, dass er nicht in ein fremdes Amt greife, aber achte die besondere Gabe, die auch dem Bruder gegeben ist, und lerne von ihm.

Wie steht es wohl in unsrer Umgebung unter den Christen? Ist in unserm christlichen Hause Einigkeit? Sind alle unsere christlichen Verwandten unter sich verbunden? Halten die Gläubigen zusammen? Erkennen die Draußenstehenden, dass wir Christen einander lieb haben? möchte es geschehen und möchten sie dadurch dem Friedefürsten und Hohepriester zugewiesen werden.

Herr Jesus, verzeihe deinen Jüngern allen Streit und Hass und Verketzerung. Verzeihe das Ärgernis, das sie dadurch gegeben haben. Komm und verbinde alle, die an dich glauben und selig werden wollen in dir. Tue solches zunächst an mir und den Meinigen! Amen. (Rudolf Wenger)

Predigten

1)
Ein Spanischer Reiter (auch Friesischer Reiter, franz. cheval de frise) ist eine seit dem Mittelalter unter diesem Namen bekannte, aber bereits in der Urgeschichte verwendete Barriere.
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