Lukas 7,41
Andachten
Es hatte ein Wucherer zwei Schuldner. Einer war schuldig fünfhundert Groschen, der andere aber fünfzig. Da sie aber nicht hatten zu bezahlen, schenkte er's beiden. Sage an, welcher unter denen wird ihn am meisten lieben?
Die Liebe zu dem Herrn Jesu in unsern Herzen hervorzurufen, das ist das vorläufige Ziel der Arbeit des Geistes Gottes an unsern Herzen. Das letzte Ziel ist unsere Seligkeit, welche aber ohne hingebende Liebe zu Jesu unmöglich ist. Jesus ist die vollendete Offenbarung Gottes auf Erden, der fleischgewordene Gott, Gott in Menschengestalt. Johannes sagt von Ihm: Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit. Diese Worte sind ein Nachhall des überwältigenden Eindrucks, welchen die Erscheinung Jesu auf die Herzen der Jünger gemacht hatte. Seine geistige Schönheit, seine leutselige Herablassung bei seiner unendlichen Hoheit, seine unermüdliche Geduld bei all' seiner Macht, seine brennende Liebe zu den Sündern bei allem Hass gegen die Sünde, sein aufopferndes Mitleid für alle Elenden, seine Sanftmut und seine Treue und Wahrheit hatten die Jünger mit einem Feuer der Liebe zu Ihm erfüllt, welches noch immer auf die übergeht, welche ihre Berichte lesen, und welche überhaupt noch fähig sind, das Wahre, das Gute, das Schöne in einer menschlichen Person göttlich vollendet, zu lieben. Liebst du diesen Menschen Jesus, so liebst du auch das Göttliche, Gott selbst, denn Gott war in Christo, und ist dein Herz in Liebe wieder für Gott gewonnen, so ist der Schade wieder gut gemacht, welchen die Sünde in uns angerichtet hatte, da diese unser Herz Gott entfremdet und der Welt und uns selber zugewandt hatte. Durch die Liebe ist die Gemeinschaft mit Gott und unsere Seligkeit wieder hergestellt. Welches ist aber das stärkste Seil, welches Jesus nach unsern Herzen auswirft, um unsere Liebe zu gewinnen? Das ist seine Gnade, seine sündenvergebende Gnade. Wer von dieser am meisten geschmeckt, der wird auch Jesum am brünstigsten lieben. Jene Maria Magdalena war eine Sünderin, und als solche öffentlich bekannt, aber sie hatte Jesum gesehen, gehört und geliebt; in seinem Lichte hatte sie ihre Sünden erst im rechten Lichte erkannt und glaubte nun, dass sie bei Niemand anders Trost finden könnte als bei Ihm, und darum kam sie zerknirscht und bußfertig zu Ihm und brachte Ihm eine Huldigung ihres Herzens dar, welche Er, der Heilige sich gefallen ließ, an welcher sich aber Simon, der Sünder, stieß, da er eine Berührung von dieser Person bei sich nicht geduldet haben würde. Simon war eben durch seine hohe Meinung von sich, durch seine Selbstgerechtigkeit verhindert, die volle Sonne der Liebe Jesu zu schauen; er liebte Ihn vielleicht auch, war wenigstens nicht sein Feind, denn sonst hätte er Ihn wohl nicht zu sich zu Tische geladen, aber es war mehr Bewunderung was ihn erfüllte, als Dankbarkeit. Die Schuld, welche Simon gegen Gott zu haben glaubte, bezeichnete der Herr mit der Summe von fünfzig Groschen, während die Schuld der Maria ihr zehnfach größer erschien. Nach diesem Verhältnis richtete sich auch das Maß ihrer Liebe. Nicht dass der Eine mehr, der Andere weniger der Vergebung seiner Sünden bedurft hätte, sie hatten vielmehr die Gnade Gottes beide ganz gleich nötig, aber die Erkenntnis ihrer Sündhaftigkeit und demnach auch das Bedürfnis nach Gnade waren bei ihnen verschieden, und darum auch das Maß ihrer Liebe. Maria konnte zehnfach stärker lieben, als Simon, weil ihr ihre Schuld umso vielfach größer erschien, Simon aber in seiner kalten und stolzen Selbstgerechtigkeit verstand das Weib in der Glut ihrer Liebe gar nicht, dafür ging er aber auch leer aus, während Maria von Jesu die trostreiche Versicherung mitnehmen durfte: Dir sind deine Sünden vergeben. Dein Glaube hat dir geholfen, gehe hin mit Frieden. (Anton Camillo Bertoldy)