Sie befinden sich hier: Andachtsbibel » nt » Lukasevangelium » Lukas 2,10
Zuletzt angesehen: Lukas 18,9 Lukas 2,10

Lukas 2,10

Lukas 2,10

Andachten

Und der Engel sprach zu den Hirten: Fürchtet euch nicht; siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr in der Stadt Davids.

Wenig Worte sind es, aber eine Welt und ein Himmel voll Inhalt. In wenig Sekunden gesprochen, aber eine Ewigkeit voll Gnade ist darin eingeschlossen. Überschwänglich war die Freude der Hirten, da sie diese Engelsbotschaft hörten, wenn sie sich auch nicht in Worten äußert. Die größte Freude ist stumm, sie findet die Sprache erst nach und nach. Nun sage, hast du solche Christfreude, wo das Herz vor Freude zittert, aber nicht reden kann, auch schon erfahren? Wenn solche Zeit noch nicht dagewesen ist, o dass sie doch heute anhübe und heute die Klarheit des Herrn vor dir aufginge. In unsere innere Armut und Not hinein will es ja der Engel rufen: Fürchte dich nicht, siehe, ich verkündige dir große Freude. Der Engel kann sie nur verkündigen, der Herr erwirbt sie und schenkt sie, und bereitet auch dein Herz, dass du sie ganz nehmen kannst. Eine größere Freude aber kann weder verkündigt noch gegeben werden. Groß ist sie durch den Notstand in den sie gegeben wird. Überall kommt sie als Sonne in die Mitternacht und als Quell in die Wüste. Groß ist sie nach ihrem seligen Inhalt. Dein ganzes Heil ist darin beschlossen. Groß ist sie auch nach ihrem Umfang; denn sie soll allen Völkern zu Teil werden und soll ewiglich währen. O so ergreife die Christenfreude nach ihrer ganzen Tiefe und auch mit deinem ganzen Herzen und Gemüte, dass es so recht durch diese Tage hindurch klinge: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt war verloren, Christ ward geboren, Freue dich, freue dich, o Christenheit.

Herr unser Gott, heute ist der Gnadentag, wo unser neues Paradies geöffnet ward, wo Gnade und Leben, Heil und Himmel in unsere Mitte trat. Heute ist der Tag, wo wir dein Herz unter uns empfingen, dafür danken wir dir mit den heiligen Engeln und allen Seligen. Wecke, Herr, den Dank, denn er schläft noch in vielen Herzen. Lass singen und jubeln Jung und Alt, Arm und Reich, Krank und Gesund, denn du hast allen dein teures Christgeschenk beschert. O gib doch auch dahin einmal Himmelsfreude, wo lange nur Weltfreude gewesen ist. Eine Stunde sich zu sonnen in deiner Gnade, und zu rühmen deine Erbarmung ist seliger, denn ein ganzes Jahr sich zu ergötzen an den Freuden und Schätzen dieser Welt. Herr, solche Stunde gib uns heute durch die teure, wahrhaftige Botschaft im heiligen Geist. Amen. (Fr. Ahlfeld)


Die Weihnachtsfreude ist die größte Freude, die es gibt, denn sie hat den seligsten Inhalt. „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Weißt du, was die Sünde ist? Und weißt du, was der Tod ist? Dann verstehst du die selige Freude: Euch ist heute der Heiland geboren. Du hast nun Gnade bei Gott gefunden. Du brauchst dich nun nicht mehr zu fürchten vor dem Gericht: Wer will verdammen? Christus ist hier, der gerecht macht! Brauchst dich nicht mehr zu fürchten vor dem Tod: Christus ist unser Leben, und der Tod ist verschlungen in den Sieg. - Dir ist der Heiland geboren. Selig, wer diese Freude in sein Herz fasst, er wird dadurch nicht bloß reicher, fröhlicher, sondern auch besser und reiner. Die Weihnachtsfreude hat eine wunderbare Macht der Heiligung, und auch darum nennt der Engel sie die große Freude. Wenn ich Einen wüsste, der lieblos und hart neben dem Herzen hergeht, mit dem er von Gott verbunden ist, und hat kein Auge dafür, wie es sich härmt und grämt; wenn ich Einen wüsste, der sein Hab und Gut, seine Kraft und sein Geld nur für sich genießt, ohne Aug' und Ohr für die Not um ihn her; wenn ich ein Haus wüsste, wo kein Friede wohnt, weil sie einander wie Fremde gegenüberstehen o ich wollte ihnen heute keine Buße predigen, ich wollte ihnen heute nicht vorrücken ihre große Schuld, ich wollte ihnen heute nicht drohen mit Gottes Gerichten, ich wollte ihnen nur die große Freude verkündigen, dass auch ihnen heute ist der Heiland geboren, auf dass vor den Jubeltönen dieser Freude, mächtiger als vor den Posaunentönen des göttlichen Gerichts, umstürzten die Mauern ihres Herzens, die Mauern ihrer Selbstsucht und Härte und Sünden. So nehmt die große Freude ins Herz! O Herr Jesu, wie du für uns geboren bist, so werde auch in uns geboren, und hilf uns täglich, dass wir dich in uns lassen eine Gestalt gewinnen, dass nicht mehr wir leben, sondern du in uns. In Niedrigkeit bist du geboren, so lass auch uns dir nachfolgen in Verleugnung und Armut des Geistes, in Gehorsam und Treue der Wahrheit, in kindlich lauterem Sinn nach deinem Bilde. Amen. (Adolf Clemen)


Diese Freude ist nicht allein darum groß, dass wir gelehrt sind über alle Enget, da der Sohn Gottes, durch welchen Alles erschaffen ist, die hohe Majestät, unser Fleisch und Blut worden ist, sondern auch, dass uns der Heiland geboren ist. Das drückt recht nach. Denn es geht weit über die natürliche Ehre und Freude, dass Er, der Mensch Jesus, auch unser Heiland will sein. Diese Worte sollten billig Himmel und Erde zerschmelzen und uns aus dem Tode eitel Zucker, und aus allem Unglück, das doch unzählig viel ist, eitel köstlichen Malvasier machen. Denn welcher Mensch ist, der doch dies könnte ausdenken, dass der Heiland uns geboren und unser Heiland ist? Solchen Schatz gibt der Engel nicht allein seiner Mutter, der Jungfrau Maria, sondern uns Menschen allen. Euch, euch, spricht der Engel, ist der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. Das Wörtlein „euch“ sollte uns je fröhlich machen. Denn mit wem redet er? mit Holz oder Steinen? Nein, sondern mit Menschen, und nicht mit einem oder zwei allein, sondern mit allem Volke. Was wollen wir nun daraus machen?

Wollen wir auch weiter zweifeln an der Gnade Gottes und sprechen: Des Heilandes mag wohl St. Petrus und St. Paulus sich freuen, ich darf's nicht tun, ich bin ein armer Sünder, dieser edle, teure Schatz geht mir nicht an? Lieber, wenn du so willst sagen: „er geht mich nicht an,“ ich auch so will sagen: wem gehört Er denn an? Ist Er um der Gänse, Enten, oder Kühe willen gekommen? Denn du musst hierher sehen, wie Er sei. Hätte Er wollen einer andern Kreatur werden; aber Er ist allein eines Menschen Sohn geworden. Die Engel dürfen sein nicht, die Teufel wollen sein nicht; wir aber dürfen sein, und um unsertwillen ist Er Mensch worden. Deshalb gebührt es uns Menschen, dass wir mit Freuden uns sein sollen annehmen, wie der Engel sagt: Euch ist der Heiland geboren, als sollte er sagen: Diese Geburt ist nicht mein, darf mich ihrer nicht annehmen, ohne dass ich's euch von Herzen gern gönne; aber euer ist's, die ihr arme, verlorene und verdorbene Menschen seid. Jenes ist an ihm selbst ein herrlich und groß Ding, dass Gott ist Mensch worden; aber dies ist weit drüber, dass Er soll unser geistlicher und ewiger Heiland sein. Wer solches recht fühlte und glaubte, der würde davon zu sagen wissen, was eine rechte Freude wäre; ja, er sollte nicht lange vor großer Freude leben können. Aber unmöglich ist's, dass wir diese Predigt auf Erden völlig fassen oder auslernen könnten; denn dies Leben ist zu enge, so ist unser Herz zu schwach dazu und vermag nicht, die große Freude zu begreifen. (Martin Luther)


Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.
Der Unglaube und die Not sind auf Erden so groß und so gewöhnlich, dass die Menschen zu einer großen Freude über die Werke und Gaben Gottes selten erweckt werden können. Die Hirten auf dem Feld bei Bethlehem fürchteten sich sehr, als des HErrn Engel zu ihnen trag und die Herrlichkeit des HErrn sie umleuchtete. Hierauf sagte dieser Engel zu ihnen: fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude. Das ist, ich verkündige euch etwas, worüber ihr euch sehr freuen sollt. Es geschah auch bei ihnen ein Übergang von der Furcht zu Freude; denn sie priesen und lobten hernach Gott um Alles, das sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war, V. 20. Allein die erfreuliche Sache, welche der Engel den Hirten verkündigte, ging das ganze Volk Israel an, und dieses ganze Volk sollte sich darüber freuen, so bald und so weit sie kund werden würde. Es wird aber hernach V. 8. nur gesagt, die Leute haben sich über die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten, verwundert. Von einer Freude und von einem fröhlichen Zulauf und Zuruf haben die Evangelisten nichts gemeldet. Nur Maria und Elisabeth, Simeon und Hanna freuten sich mit etlichen Wenigen über Jesu und lobten Gott wegen Seiner Erscheinung. Weil sich nun die Menschen wegen der Erscheinung des Sohnes Gottes unter ihnen nicht freuen wollten, so verbarg Ihn der himmlische Vater vor ihnen durch die Flucht in Ägypten und durch den stillen Aufenthalt zu Nazareth. Da Er hernach als ein Lehrer und Wundertäter auftrat, als Er das Werk der Erlösung vollendete, und als das Evangelium von Ihm in der ganzen Welt gepredigt wurde, so waren derjenigen, die Ihn im Unglauben verachteten, mehr als derer, die sich Seiner freuten. Und so stehts noch heut zu Tage in und außer der Christenheit, da doch Ps. 89,15.16.17. von Christo geweissagt worden ist: Gerechtigkeit und Gericht ist Deines Stuhles Festung; Gnade und Wahrheit sind vor Deinem Angesicht. wohl dem Volk, das jauchzen kann. HErr, sie werden im Lichte Deines Antlitzes wandeln, sie werden über Deinem Namen täglich fröhlich sein, und in Deiner Gerechtigkeit herrlich sein. Es wird auch den Menschen die Freude über Christum Ps. 2,11. 149,2. Zach. 9,9. Röm. 15,10. Phil. 4,4. und anderswo geboten. Es ist auch einem großen Wohltäter nicht gleichgültig, ob man sich über sein großes Geschenk freue oder nicht.

Die erfreuliche Geburt des Heilande geht auch mich an. Ich mag arm oder reich, verachtet oder geehrt, krank oder gesund sein, so ist doch gewiss, dass auch mir der Heiland geboren worden sei. Jes. 9,1.2.3. wird geweissagt, dass der Messias zu einer trübseligen zeit erscheinen, und damals wegen großer Bedrängnisse von den Heiden wenig Freude in Israel, und sonderlich in Galiläa sein werde; und doch wird V. 3. hinzugesetzt: vor Dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Die Freude vor dem HErrn, in dem HErrn, und über Seiner Menschwerdung und Erlösung hängt also nicht von den Vorteilen der bürgerlichen, häuslichen und kirchlichen Verfassung ab. Es stehe da, wie es wolle; so kann und soll man sich vor dem HErrn freuen; ja freuen soll man sich, dass man einen Heiland habe, durch den man geistlich und himmlisch reich werden kann, wie man durch eine Ernte oder Beute einen irdischen Reichtum bekommen kann. (Magnus Friedrich Roos)


Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige euch große Freude.

Ach was ist diese arme Erde ohne dieses Wort von der großen Freude! Gibt es ein Plätzchen auf der bewohnten Erde, gibt es ein Dörfchen, gibt es eine Familie, wo nicht diese oder jene Art von Elend und Zerrüttung wäre, wo nichts zu beseufzen, nichts zu wünschen übrig bliebe? Auf dem Staube der vorangegangenen Geschlechter stehen wir und wollen unser Glück darauf hinbauen; unsere Nachkommen werden auf unserem Staube stehen und vielleicht das Nämliche begehren, wenn sie sich von Gott nicht weiser machen lassen als ihre Väter; ein Geschlecht um das andere muss hindurch durch die Angst dieses Lebens, durch die Angst des Todes. Wo sind denn die Glücklichen, von welchen man so vieles redet? Ich habe deren noch keinen gesehen; aber eine große Menge habe ich gesehen von solchen, die ihren Nächsten um ein Glück beneidet haben, das er nicht hatte; die sich einen Zustand vorgestellt und gewünscht haben, der nirgends anzutreffen ist. Das sind Träume! Es gibt kein Glück in dieser Welt als den Frieden Gottes durch Jesum Christum. Seht die Leute an, die Christum nicht haben, und doch aussehen, wie wenn sie vergnügt und glücklich wären. Was machts, dass sie so fröhlich und aufgeräumt sind? Sie haben etwa eine gute Mahlzeit zu sich genommen; oder sie haben sich hinaufgesteigert durch Wein und andere Getränke; oder sie haben es zu einer Fertigkeit gebracht, dass sie allen Ernst und alle Wahrheit in sich dämpfen können; oder sie haben andere Mittel angewendet, um des Gedankens an ihr Elend, an ihre Sorgen, an ihren wahren Zustand sich zu erwehren; - alle Freude außer Christo ist nichts als ein augenblickliches Vergessen des eigenen Zustandes; gelingt aber das nicht, so ist alle Freude verdorben. Wenn aber auch die Erde ein Paradies und kein Elend darin wäre: - die Ewigkeit, die ernste Ewigkeit und die Ahnung derselben in des Menschen Brust, und die Furcht des Sünders davor, - wahrhaftig, dies wäre hinlänglich, um das Lachen der Freude aus dem Angesicht ganz hinwegzutreiben. Ach was wäre dieses Leben ohne einen Heiland! Aber seht, hört, liebe Brüder! in diese arme Welt herein, diesen armen Geschöpfen, die Menschen genannt werden, uns ruft der Engel zu: „Fürchtet euch nicht! siehe ich versündige euch große Freude.“ (Ludwig Hofacker)


Siehe, ich verkündige end große Freude; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HErr, in der Stadt Davids.

Inwiefern so große Freude? Ist irgend etwas irdisches im Spiel, dass die Freude so groß sein soll? Soll unserer Armut abgeholfen werden? Oder soll eine gute Erbschaft uns zufallen? Oder sind wir zu einem fröhlichen Gastmahle geladen, wo wir nicht bezahlen dürfen? Oder soll irgend ein irdischer Wunsch uns befriedigt werden? Nein! von dem Allem nichts, „euch ist heute der Heiland geboren!“ Sollte es auch der Mühe wert sein, sich über diese Nachricht zu freuen, da sie keinen Bezug hat weder auf Geld und Gut, noch auf Ihre und Ansehen, noch auf die Wollüste des Lebens; da sie nur Bezug auf die Seligkeit des Geistes hat? Sollte es auch der Mühe wert sein, diese Nachricht ein Wort der großen Freude zu nennen? Ja leider! man muss so fragen. Wie Manchen in der sogenannten Christenheit ist diese große Botschaft so gleichgültig, wie wenn ihnen berichtet würde, dass dem Kaiser von Japan ein Sohn geboren sei! Wie Viele sind unter uns - ach, ich vermute, es möchten sehr Viele sein - die, wenn ihnen heute ein Engel erscheinen und sagen würde: „es ist dir ein Heiland geboren!“ in ihrem Inwendigen dächten: so, ists nur das, sonst nichts? Wenn‘s nur das ist, so hätte der Engel zu Hause bleiben können. Aber nicht wahr, wenn uns durch eine solche Erscheinung angekündigt würde: da oder dort sei ein Schatz zu erheben, wodurch wir reich werden könnten - da könnten wir nicht mehr schlafen vor Freude und Erwartung der Dinge, die da kommen sollen. Ists nicht so? Ich frage: ist eine einzige Seele unter uns, die durch die Ankündigung eines zu erhebenden Schatzes nicht in die lebhafteste Freude versetzt würde, - und wie Viele sind da, denen es wirklich eine Freudenbotschaft ist, dass ein Heiland geboren ist? O mein Heiland! wir sind sehr irdisch gesinnt, und du bist sehr wenig gekannt unter dem Volke, das sich nach deinem Namen nennt. (Ludwig Hofacker)


Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkünde euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr, in der Stadt Davids.
„Gebt mir einen großen Gedanken, dass ich davon lebe!“ so rief ein sterbender Mann. Hoffentlich hat man ihm in die Todesnacht hinein den größten aller Gedanken (den einzigen Gedanken, der uns hinsterbenden Menschen Leben, ewiges Leben gibt) mitgegeben: „Gottes Sohn ward Mensch und darum hast du einen Heiland.“ Ach, dass alle, die jetzt diese Stimme hören, des Wortes Herrlichkeit fassen und allen Jammer dahinein versenken könnten! ihr Traurigen, ihr Herzbeschwerten, wälzt einmal euren Kummer weg und schaut die Geschichte an, die in Bethlehem geschah! Ihr Zweifler, werdet einmal kindlich und höret der Engel Stimmen! Ihr Zerstreuten, Zerfahrenen, fasst euch einmal zusammen und richtet euer ganzes Herz auf das, was Gott euch sagt! Ihr, die ihr so lange ferne von Gott umher schweiftet, lasst heiliges Heimweh eure Seelen erfüllen! Ihr, die ihr über eure Sünden trauert, wohl euch, dass ihr trauert, aber nun lasst einmal alles Klagen und Zagen und höret nur das eine Wort: „Heiland“!

„Euch ist heute der Heiland geboren!“ was heißt denn das? Es heißt nicht: Ein großer Genius ist erstanden, ein großer Gesetzgeber, Religionsstifter, Erfinder, Entdecker, Künstler, Gelehrter, ein Größerer wie alle Vorigen, so groß, dass schwerlich ein Größerer nach ihm kommt. Das wäre viel, aber es wäre doch zu wenig, um auch nur ein einziges, bis in den Tod betrübtes und vor dem Tode grauendes Menschenherz mit Licht und Frieden zu füllen. Nein, „Heiland“, das heißt ein Retter aus aller, aller Not, zu allem, allem Heil, Leben und Herrlichkeit.

Denke dich einmal hinein, du armes Menschenkind, in Alles, was dich ängstigt, was dich innerlich und äußerlich drückt, zerreißt und unglücklich macht, sinne dich da hinein so recht treu, ehrlich und furchtlos und dann atme tief auf und sprich im Glauben: „Mir ist ein Heiland geboren! ein Retter von allem Leid!“ Denke dich hinein in all die Schmerzen, die dich quälten und noch quälen, in alle die Sorgen aufs Zukünftige, die dich schrecken, mache dir klar, was dir auf Erden die schönsten Freuden so getrübt und die herrlichsten Gemeinschaften zerrissen, lass die Angst vor dem Tode in dir lebendig werden und mache dir klar, dass die Ewigkeit nichts ist wie ein finsterer Abgrund, - lass dein Gewissen zu Worte kommen und dir, ohne Schonung, alle deine Sünden vorhalten, von deinen Jugendsünden an bis auf diesen Tag; höre aufrichtig seine verklagenden Stimmen an, schaue zitternd in die flammenden Wolken der Heiligkeit Gottes, die über deinem Haupte stehen, mache dir recht klar die innere Öde und Leere, Zerrissenheit und Armut deines Herzens und wie deine Seele so voll ist von Sehnsucht nach Liebe und Frieden und Leben und Herrlichkeit, und Freude und Gemeinschaft und wie dennoch die ganze schöne große Welt solche Sehnsucht nicht stillen konnte, - ja, dein ganzes inneres Lebensbild, mache es dir so recht lebendig und hell, und all das unendliche Wehe in der Welt um dich her, denke recht darüber nach und dann stehe auf, nimm deine Harfe zur Hand und singe mit hoher Stimme: „Ehre sei Gott in der Höhe! Mir ist heute ein Heiland geboren!“ Und dann schaue sich im Glauben als einen Menschen, der in vollkommener Lebensherrlichkeit, in göttlicher Heiligkeit und himmlischer Schönheit vor Gottes Throne steht und inmitten der verklärten Gemeinde in das ewige Halleluja einstimmt. Schaue den neuen Himmel und die neue Erde, darinnen Gerechtigkeit wohnet, da kein Seufzen der Kreatur, kein Grauen des Todes, kein Leid, Geschrei und Schmerzen mehr sind, da dann in allen Kreaturen, im ganzen Universum das Wort Fleisch geworden, da dann Alles, was menschlich groß und lieblich ist, zu seiner Vollendung und Vollkommenheit geführt, da dann in diesem neuen Universum selige und heilige Menschen als Priester des ewigen Vaters schalten und walten. Dahin zielt's, auf nichts Geringeres, die himmlischen Heerscharen auf Bethlehems Fluren singen: „Euch ist ein Heiland geboren.“

Freilich, wer auf das sieht, was vor Augen ist, wer sich stößt an der göttlichen Torheit und Niedrigkeit, für den ist das Ereignis, das wir heute feiern, so geringfügig und nichtssagend, wie kaum auszusprechen ist. In einem elenden orientalischen Dorf, in einem Viehstall dieses Dorfes, wird von der Frau eines Zimmermanns ein Kind geboren, in Windeln gewickelt und in eine Krippe gelegt. Nur die Armut ist außergewöhnlich, sonst ist hier dasselbe, was in jeder Minute auf Erden oftmals geschieht. Nichts ereignet sich über dieser Geburt, was des Berichtens wert wäre; wir hören im Geist die Stimme eines weinenden Kindes, das ist Alles. Nicht einmal ein Wort, das in dem Stall geredet ist, hat man uns überliefert. Und doch ist das, was wir da sehen, der Anfang des Königreichs Jesu Christi, welches schon jetzt auch auf das Erdenleben gewaltigere Wirkung ausgeübt hat wie alle Kultur und Zivilisation, Kunst, Wissenschaft und Weltweisheit zusammengenommen, der Anfang des Reiches, dessen Ende und Vollendung der neue Himmel und die neue Erde sein werden, die ewiglich bleiben, erfüllt von einem verklärten Menschengeschlecht.

Wie ganz anders fangen doch große Dinge in der Welt an! So ist z. B. gerade der heutige Tag auch der Stiftungstag eines anderen Reiches. Treten wir im Geist ein in die herrlichen Hallen der St. Peterskirche zu Rom. Es ist am 1. Weihnachtstage des Jahres 800. Der majestätische Dom ist dicht erfüllt von einer glänzenden Versammlung; da strahlen hohe geistliche und weltliche Würdenträger aller Völker Europas. Und vor ihnen Allen thront König Karl, den wir jetzt den Großen nennen. So eben hat der Papst Leo III. mit vielem Pomp die Messe gelesen, jetzt ertönen die Klänge eines erhabenen Hymnus. Da tritt der Papst hinter dem purpurnen Vorhang heraus; in seiner Rechten hält er eine goldene Krone und setzt sie auf das Haupt des Königs. In diesem Augenblick ist Karl zum Weltenherrscher, zum Kaiser des „heiligen römischen Reiches“ gekrönt. Die höchste geistliche und die höchste weltliche Macht auf Erden haben einen Bund geschlossen. Ein Schauer geht durch die riesige Versammlung und ergriffen von der Gewalt des Augenblicks rufen die Tausende wie aus einem Munde: „Leben und Sieg, Karl dem Erlauchten, dem von Gott gekrönten, friedeliebenden römischen Kaiser!“ Und bald flog die Kunde von dieser Geschichte als eine frohe Botschaft über den Kreis der Erde.

Welch ein Unterschied zwischen dieser großartigen Szene und dem, was in dem Stall geschah! Wie wichtig schien die Kaiserkrönung für das Heil der Menschheit, wie unbedeutend die Geburt im Stall zu Bethlehem! Wenn die höchsten Gewalten sich vereinigten um den Frieden der Welt zu machen, da konnte es ja nicht fehlen! Was konnte man aber hoffen von jenem Zimmermannskindlein im Stall? Und doch, aus jener Kaiserkrönung und aus dem Bunde zwischen Kaiser und Reich ist unsäglicher Jammer für viele Völker in vielen Jahrhunderten entsprossen, von der Krippe in Bethlehem aber ist ein stiller Strom des Lebens und des Friedens ausgegangen in die Lande der Welt und wohin er kommt, da wird das Bittere süß, da wird das Zerrissene geheilt, das Getrennte geeint, - da wandeln sich Tränen der Verzweiflung in Freudentränen, da wandelt sich die Trübsal in Herrlichkeit, - da leuchtet in die hoffnungslosesten, trostlosesten Herzen ein starker siegender Hoffnungsstrahl. Und was weiter kommt? Freude ohne Maß! Wir wollen's nicht deuten und künden, aber bei dem Herrn Jesu kommt das Beste zuletzt. Für heute lass dir's nur einmal recht durch Mark und Bein gehen, dass du einen Heiland hast und dass dir schon geholfen ist, wenn du nur wirklich dir willst helfen und dich willst heilen lassen. Nicht wahr, du willst? Warum wolltest du in Sünden sterben? Lerne heute sprechen: „Mein Heiland!“

Allein Gott in der Höh sei Ehr'
Und Dank für seine Gnade,
Darum dass nun und nimmermehr
Uns rühren kann kein Schade;
Ein Wohlgefall'n Gott an uns hat
Nun ist groß Fried' ohn' Unterlass,
All' Fehd hat nun ein Ende. (Otto Funcke)

Predigten

Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Website stimmen Sie dem Speichern von Cookies auf Ihrem Computer zu. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzbestimmungen gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
nt/42/lukas_2_10.txt · Zuletzt geändert: von aj
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain