Lukas 23,6
Andachten
Da aber Pilatus Galiläa hörte, fragte er, ob er aus Galiläa wäre. Und als er vernahm, dass er unter Herodis Obrigkeit gehörte, übersandte er ihn zu Herodes, welcher in denselbigen Tagen auch zu Jerusalem war. Da aber Herodes Jesum sah, ward er sehr froh, denn er hätte ihn längst gerne gesehen. Denn er hatte viel von ihm gehört und hoffte, er würde ein Zeichen von ihm sehen. Und er fragte ihn mancherlei; er antwortete ihm aber nichts. Die Hohenpriester aber und Schriftgelehrten standen und verklagten ihn hart. Aber Herodes mit einem Hofgesinde verachtete und verspottete ihn, legte ihm ein weißes Kleid an und sandte ihn wieder zu Pilato.
So stand denn Jesus vor Herodes Antipas; auch für ihn war jetzt die Stunde der Gnade, die letzte, gekommen; Jesus stand vor der Tür und klopfte an. „Da aber Herodes Jesum sah, ward er sehr froh, denn er hätte ihn längst gerne gesehen“. Wie? so wie der alten Väter Schar ihn zu sehen sich sehnte? Begehrte er sich zu überzeugen, dass in diesem Jesu, von dem er schon so viel gehört hatte, das Heil des Volkes Israel erschienen sei? War in ihm eine Spur von Zachäussinn? Der wollte ja auch Jesum gerne sehen. O nein, so war's bei ihm nicht gemeint. Ehemals begehrte Herodes Jesum zu sehen, aus Angst, er möchte wirklich der enthauptete Johannes sein, von den Toten auferstanden. Diese Angst hatte sich gelegt. Jetzt es ist schauderhaft ward er froh, dass er Jesum sah, weil er ihn zu gebrauchen hoffte gegen seine tödliche Langeweile. „Er hoffte, er würde ein Zeichen von ihm sehen“; Jesus würde, um seine Gunst zu erlangen, ihn und sein Hofgesinde belustigen mit Wunderdingen. Wie einen Gaukler und Komödianten behandelte er den Herrn. „Und er fragte ihn mancherlei“ etwa, wann der jüngste Tag kommen werde, was Gott vor der Weltschöpfung getrieben habe, was für eine Bewandtnis es mit jenem Stern hätte, der den Weisen erschienen, woher Jesu Wunderkunst rühre und dergleichen. O, wie müssen diese eitlen Fragen das Herz Jesu geschmerzt haben, da er eben mit dem allerernstlichsten Gedanken beschäftigt war, Himmel und Erde zu versöhnen, und durch Vergießung seines Blutes Frieden zwischen Gott und Menschen zu stiften.
Im Herodes erscheint der Sinn jener Weltlinge, denen die Religion keine Herzenssache ist, die nur zu dem Ende mit göttlichen Dingen sich befassen, dass sie Neues, Merkwürdiges und Rätselhaftes zu ihrer Unterhaltung hören möchten. Auch die gleichen dem Herodes, welche die heilige Schrift lesen, nicht um daraus den Heilsweg zu lernen, sondern um der Eitelkeit ihrer Wissbegierde zu frönen, Streitschriften über Glaubenssachen durchstudieren, nicht um die Wahrheit zu erkennen, sondern um die Wunder der Kirche zu belachen, Predigten hören, nicht zur Erbauung sondern zum Ohrenkitzel, und dass sie Stoff zu losem Geschwätz bringen. „Jesus antwortete ihm aber nichts“. Das Heiligtum ist nicht für die Hunde, und die Perlen sind nicht für die Säue. Es war eine Zeit gewesen, da Herodes die Stimme der Wahrheit vernommen hatte; doch er hatte sich dagegen verstockt aus Sündenliebe, darum geht jetzt der König der Wahrheit stumm an ihm vorüber.
Da verspottet ihn Herodes verächtlichen Blickes, der Anklagen der Hohenpriester gar nicht achtend, und sein Hofgesinde lacht dazu. Sie tun ihm, wie einem erbärmlichen Toren, der große Dinge von sich vorgegeben, aber nicht einmal ein Wort zu reden wisse, das der Verwunderung wert sei. Ein weißes Kleid legt man ihm an, einen alten zerlumpten Königsmantel, den vielleicht Herodes ehedem selbst getragen. Das sollte heißen: „Siehe, Pilatus, ein sauberer Kandidat zur Königswürde“! Zu verachten, nicht zu töten sei dieser unschädliche Judenkönig; des Eifers, womit die Hohenpriester und Schriftgelehrten ihn verklagten, sei er nicht wert. So nimmt auch Pilatus die Meinung des weißen Kleides (Luk. 23,15). - Ein Wunder hatte Herodes vom Herrn zu sehen begehrt. Er sah wirklich eins, aber er fasste es nicht. Denn ein Wunder der Liebe, die alle Tiefen der Schmach durchwandelt hat für uns, die sich zum Spott mit einem weißen Kleide hat antun lassen, damit wir vor dem Throne Gottes in weißen Ehrenkleidern erscheinen möchten, ein Wunder dieser Liebe ist es ja, dass der Herr den Fluch bindet, der sonst auf seine Spötter hätte fallen mögen, wie auf die spottenden Knaben zu Bethel. Herodes, was du zum Spott getan, es gebührt diesem Jesu in Wahrheit, denn er ist ein König! Und es kommt ein Tag, wo du, und alle seine Verächter mit dir, ihn sehen wirst in seinem sonnenhellen Königsschmuck! (Friedrich Besser.)