Lukas 22,15
Andachten
Mich hat herzlich verlangt, dies Osterlamm mit euch zu essen, ehe ich leide.
Ihn verlangt herzlich nach dir, du lieber Abendmahlsgenosse! Ihn hungert mehr nach dir, als dich nach ihm, als wenn er der Speisende, und du die Speise wärest. Darum sagt er auch anderswo: ich habe eine Speise, die ihr nicht kennet - und was war es dort? Eine arme Sünderin. (Johannes 4.) So ist es wirklich eine Speise für ihn, nach der er hungert und sehnlich verlangt, wenn du zu seinem Tische kommst mit der brünstigen Begierde und dem heißesten Verlangen, ihm recht nahe zu werden, dich innigst mit ihm zu vereinigen, dich seiner so zu erinnern, ihn so vor dein Geistes-Auge im Glauben hinzustellen, als wäre er vor dir gekreuzigt, als reichte er sich selbst dir dar, als sähest du sein Blut fließen, ihn sein Haupt neigen und für dich sterben. Der Heiland hat Großes im Sinne bei diesem Mahle. Er gibt uns nicht leere Zeichen seines Todes, Er gibt sich selbst; darum will er auch keine kleinen, engen Herzen, sondern erweiterte, einen großen Glaubens-Mund, einen heißen Hunger, um viel, um Alles, um sich selbst geben zu können. Je mehr Raum in dir für ihn bereitet ist, desto mehr wirst du von ihm empfangen; je größer dein Verlangen, desto mehr wirst du Christi teilhaftig werden. (Hebräer 3,14.) (Johannes Evangelista Gossner)
Fünfzehn Hundert Jahre lang aßen die gläubigen Israeliten das Passahlamm, zum Andenken an das Verschonen Gottes in jener Nacht, in der die Erstgeburt der Ägypter starb, und zur Erinnerung an den Auszug aus Ägyptenland. Es war eine heilige, vom Herrn verordnete Feier. Mochten die meisten Israeliten bei der Passahfeier nur rückwärts schauen und sich dankbar erinnern an das, was Jehovah an den Vätern in der Vergangenheit getan, so wissen wir Kinder des neuen Bundes, dass das Passahlamm auch eine weissagende Bedeutung auf Christum, als das Lamm Gottes hatte. In diesem Bewusstsein, dass er durch seinen Kreuzestod die Erfüllung des Passahlammes sei, sitzt der Heiland zum letzten Mal im Kreise seiner Jünger, um das letzte Passahlamm als Vorbild zu genießen. An jenem Abend wurde jene heilige, fünfzehnhundertjährige Feier abgeschlossen; was Israel heute noch davon hat ist nur ein Zeichen der Verblendung dem gegenüber, der das wahre Osterlamm ist. Es verlangte den Herrn herzlich nach jenem letzten Passahmahl. Noch einmal vor seinem Leiden wollte er seine Jünger die Fülle seiner heiligen Liebe recht genießen lassen. Nicht sein bevorstehendes Leiden und Sterben bewegte seine Seele am meisten an jenem feierlichen Abend, sondern die stille Freude seiner Liebe, das nun die Vorbereitungszeit des alten Bundes ein Ende habe, und durch sein Blutvergießen der neue Bund anbreche, der nicht mehr auf Israel beschränkt ist, sondern auf alle Völker sich ausdehnt. So stand an jenem Abend vor seinem priesterlichen Auge nicht nur die Erstgeburt seines Brudervolkes, die in Ägypten durch des Lammes Blut verschont wurde; er dachte nicht nur an Israel, das in jener denkwürdigen Nacht aus Ägypten auszog; sondern er sah bei seiner letzten Feier des Passahmahls jene unzählbare Schar, die ihre Kleider gewaschen und helle gemacht hat im Blut des Lammes Gottes. Er schaute in selbstvergessender Liebe hinaus auf die Zeit, da die durch sein Blut errettete Gemeinde das Ägypten der jetzigen Welt hinter sich haben, und auf dem Boden des himmlischen Kanaans ewig um ihn vereinigt sein werde.
Herr Jesu! Dank sei Dir für Deine Liebe. Mich verlangt herzlich nach der Zeit, in der Deine streitende Gemeinde triumphierend um Dich versammelt sein wird. Amen. (Elias Schrenk)
Und er sprach zu ihnen: Mich hat herzlich verlanget, dies Osterlamm mit euch zu essen, ehe denn ich leide.
Noch einmal sitzt der Herr im Kreise seiner Jünger. Aber nicht bloß darum hat ihn nach dieser Stunde herzlich verlangt, um noch einmal vor seinem Tode mit ihnen zusammen zu sein und von ihnen Abschied zu nehmen. Das Osterlamm war vielmehr das Andenken an die Erlösung, das Vorbild seines Opfertodes. Darum hat ihn nach dieser Stunde herzlich verlangt, weil er sich in seiner Barmherzigkeit sehnte, uns durch sein Leiden und Sterben das ewige Heil zu erwerben. O meine Seele, bete an vor der Größe dieser Liebe. Wie ihm auch bangt vor dem schweren Leidenskampf, ihn verlangt herzlich nach dieser Stunde, denn es ist die Stunde unserer Erlösung, da der verlorenen Welt aus seinem Leiden das ewige Heil geboren wird. Siehe, ihn verlangt herzlich, auch dich durch sein Kreuz zu erlösen. Er steht jetzt wieder vor deiner Tür und klopft an. So du seine Stimme hören wirst und die Türe auftun, wird er zu dir eingehen und das Abendmahl mit dir halten, und du mit ihm. Kannst du denn nun in Wahrheit ihm antworten: mein Herr und mein Gott, mich hat auch herzlich verlangt, dir mein Herz zu geben, dir nachzufolgen, und das Kreuz dir nachzutragen, und mit dir und zu deiner Ehre zu leiden? Oder bist du arm und matt an Dank und Liebe? So bekenne und bete: Herr, wie ist deine Liebe so groß, und mein Herz so kalt und träge. Erwecke doch auch in mir ein solch herzliches Verlangen nach dir, wie du es nach mir und meiner Seele Heil bewiesen hast. Mache mir das Herz weit und groß, dass ich deine große Liebe fassen kann. Deine Liebe zerbreche und zerschmelze mein Herz, dass es nur dir hinfort lebe, und dein sei und bleibe ewiglich. Amen. (Adolf Clemen)