Lukas 18,40
Andachten
Jesus aber stand stille, und hieß ihn zu sich führen. Da sie ihn aber nahe bei ihn brachten, fragte er ihn und sprach: Was willst du, dass ich dir tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen möge.
Jesus unterbricht seinen Gang, steht stille und verlangt, dass zu ihm geführt werde, der ihn angerufen hat. Gottes Liebeswalten geht immer seinen Weg durch die Lande hin, aber oft steht es gleichsam stille vor dem einen Orte, der einen Familie oder dem einen Menschen und wendet sich ihm persönlich zu. Das ist eine besondere Gnadenstunde in der allgemeinen Gnadenzeit.
Auf Jesu Geheiß brachten die Umstehenden den Bittenden herbei. Sie haben es kaum mit einem liebenden Herzen getan, hatten sie ihn doch soeben erst bedroht, dass er schweige; aber sie führen ihn doch nicht in die Irre, sondern zu Jesu hin, und des Heilands Tat hängt nicht von der Reinheit ihrer Liebe ab. Das ist von mancher Seele zu beachten, die nicht den Vorzug hat, durch einen Lehrer geführt zu werden, dessen Herz von Jesu Liebe entzündet ist. Geht aber seine Lehre zu Jesu hin, so folge ihm nur. Nicht der menschliche Lehrer macht deinen Schaden gut, sondern der Heiland. Lehrer und Eltern haben die große Ausgabe, das heranwachsende Geschlecht Jesu zuzuführen. Möchten sie es alle richtig tun mit liebendem Wort und weisem Wandel, dass die Jugend nicht irre werde! Es steht aber mancher Orten traurig. Der Heiland ist in den Hintergrund gedrängt und vielen ist es kaum möglich, den Weg zu ihm zu finden. Es ist niemand da, der seinem Befehle gehorcht. Gott möge alle seine Arbeiter mit reicher Liebe und mit Arbeitskraft ausrüsten, und neue Scharen erwecken, dass allerorts der freudige Ruf ertönen könne: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Friede verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen“ und jeder armen Seele sagen: „Dein Gott ist König.“
Durch das Wort: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ gibt Jesus dem Bittenden gleichsam den Schlüssel in die Hand, damit er sein Herz aufschließe und einen Griff tue. Der Blinde weiß seine Bitte wohl. Ohne Besinnen ruft er flehentlich: „Herr, dass ich sehen möge!“ Wenn wir alle unsere Wünsche oder den einen Hauptwunsch in ein einzig Wort kleiden sollten, wie würde es wohl lauten? Darüber sollten wir uns klar werden, damit wir uns über unser eigentliches Verlangen nicht täuschen und ja keine Fehlbitte tun. Des Blinden Schade und darum seine Bitte war einfach; bei uns steht es oft anders. Unser Gebrechen ist mannigfach und oft verborgen; weniger Wichtiges tritt zu Zeiten in den Vordergrund und täuscht uns über den tieferen Mangel. Darum muss Gottes Geist uns Klarheit geben über das, was uns hauptsächlich und jetzt nottut. Jedenfalls ist es notwendig und wohlgefällig, wenn wir beten:
Herr, lehre uns sehen die Größe des Elends in uns und die Fülle der Gnade in dir. Zeige uns die Torheit des eigenen Weges und die Richtigkeit deiner Führungen. Gib uns Mut, einen Griff zu tun und deine Kräfte uns anzueignen, wenn du zu uns sprichst: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Amen. (Rudolf Wenger)