Sie befinden sich hier: Andachtsbibel » Neues Testament » Lukasevangelium » Lukas 16,27
Zuletzt angesehen: Lukas 16,27

Lukas 16,27

Lukas 16,27

Andachten

Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, dass er ihnen bezeuge, auf dass sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham sprach zu ihm: Sie haben Mosen und die Propheten; lass sie dieselbigen hören.
Wenn die Beschaffenheit unseres künftigen Zustandes von den Fortschritten abhängt, welche wir während dieses Lebens im Guten gemacht haben: so fragt sich, hat denn die Vorsehung uns Allen zu diesen Fortschritten gleiche Gelegenheit gegeben und gleichen Beistand geleistet? Verteilt sie auch dasjenige, was den Menschen zur Besserung dienlich sein kann in diesem Leben, mit derselben unparteiischen Gleichheit? Dies ist, wie wir Alle wissen, die große Klage der Menschen über die göttliche Gerechtigkeit; hier glaubt Jeder sich zurückgesetzt zu sehen gegen die, welche sich besser zeigen als er. Hierüber finden wir nun in der Gleichnisrede des Erlösers vom Reichen und dem armen Lazarus einen befriedigenden Aufschluss. In der Bitte, welche der Reiche tut, um für die Bekehrung seiner hinterbliebenen Brüder zu sorgen, scheint der Vorwurf versteckt zu liegen, dass er selbst während seines Lebens auf Erden hierin nur schlecht bedacht gewesen sei; er scheint zu glauben, dass man in einem Zustande, wo die Verführung so groß ist, der Billigkeit nach auch einer außerordentlichen Hilfe genießen sollte. Abraham aber, der von den Wegen des Höchsten besser unterrichtet sein musste, weist ihn mit seiner Klage zurück zu den Hilfsmitteln, die damals einem Jeden zu Gebote standen. Ebenso ist es mit den Beschwerden, welche unter uns geführt werden. Einige fühlen, dass ihre Jugend gänzlich vernachlässigt wurde, und sehen dagegen Andere sorgfältig und vernünftig auferzogen; Einige sind beständig den Verführungen der Bösen bloß gestellt und sehen dagegen Andere gleichsam durch einen Wall von günstigen Umständen und guten Menschen gegen das Andringen der Bösen geschützt: und dies scheint Allen eine sehr ungleiche Veranstaltung Gottes zu ihrer Besserung zu sein. Aber sie haben dennoch nicht Ursache sich zu beklagen; denn wir haben nicht nur Alle als Christen die Schrift und das darin enthaltene Wort Gottes, sondern auch Alle als Menschen die Stimme der Vernunft und die Ratschläge eigener und fremder Erfahrung. Der Anteil, den wir hieran haben, macht uns in der Tat Alle gleich, denn es kommt nur darauf an, wie wir ihn zu unserem Vorteil benutzen. Ihr beneidet den Einen um die sorgfältige Erziehung, welche er genossen hat: seht doch an tausend traurigen Beispielen, wie wenig damit geholfen ist, wie schnell alles anscheinende Gute, welches auf diesem Wege in den Menschen gekommen ist, wiederum verfliegt, wofern er nicht, sobald er sich selbst überlassen wird, auf demselben Wege fortgeht und ihr Werk durch den ferneren Gehorsam gegen seine eigene Vernunft befestigt und frönt; seht an anderen, gewiss nicht selteneren und ebenso lehrreichen Beispielen, wie sicher und oft auch wie leicht diejenigen, die von Eifer für das Gute beseelt sind, die Spuren einer vernachlässigten Jugend verwischen. Ihr klagt über die bösen Beispiele, von denen ihr umgeben seid: wenn ihr aber ein Ohr habt für die Stimme eures Gewissens und ein Auge für das, was um euch her vorgeht, so werden euch alle bösen Beispiele nur lehrreich und warnend sein; fehlt es euch daran, so werden alle dem Guten günstigen Umstände und Verbindungen vielleicht den Ausbruch eurer bösen Neigungen verhindern, aber das Innere eures Gemütes, worauf allein Gott sieht, wird um nichts besser sein, denn ihr werdet immer mit quälender Lüsternheit nach denen hinschielen, die jene Neigungen befriedigen können. Ihr klagt über die Versuchungen der Armut: doch auch der gemächlichere Zustand hat die seinigen, und mit demselben weichen und verführbaren Gemüte würdet ihr ebenso geneigt worden sein diesen nachzugeben, als ihr euch jetzt von jenen gedrückt fühlt. Jeder der verschiedenen Kreise des gesellschaftlichen Lebens, jede denkbare Verbindung äußerer Umstände bietet Versuchungen dar und auch Hilfsmittel zur Besserung. Sagt nicht, dass andere Versuchungen euch wenigstens leichter und unschädlicher gewesen sein würden: es ist dieses nur eine scheinbare Verkleinerung, welche die Entfernung verursacht. Sagt nicht, dass andere Hilfsmittel euch heilsamer gewesen sein würden; denn sie enthalten alle auf gleiche Weise die einzige wahre Arznei für das menschliche Gemüt, nur anders gestaltet und verkleidet. Was für außerordentliche Unterstützungen ihr euch auch wünschen mögt, es seien nun solche, die Anderen wirklich zu Teil werden, oder solche, die nur eure Einbildungskraft euch als etwas Mögliches vormalt: sie könnten euch doch nichts Anderes gewähren, als einen neuen Ausdruck von den längst erkannten Geboten der Vernunft und des Gewissens, eine neue Darstellung des inneren Unterschiedes zwischen dem Guten und Bösen. Wünscht ihr nun eine solche Wirkung auf euer Herz, die durch das hervorgebracht wird, was allen Belehrungen, allen Ermunterungen zum Guten gemein ist: so braucht ihr nichts Fremdes oder Entferntes zu verlangen; was ihr sucht, ist nahe bei euch vor euren Augen. Wünscht ihr eine solche Wirkung, die nur auf den begleitenden Umständen, auf den äußeren Verhältnissen, auf dem Angenehmen oder Neuen der Einkleidung beruht: so seid versichert, dies ist nicht diejenige, die euch selig machen würde. Höret ihr Mosen und die Propheten nicht, so würdet ihr auch nicht glauben, so Jemand von den Toten zu euch käme. Auch hier also sehen wir bei aller Mannigfaltigkeit keine Vernachlässigung des Einen, keine Begünstigung des Anderen, sondern die unparteiische Gleichheit. Wir Alle haben Schrift, Vernunft und Beispiel. Keiner hat etwas mehr, denn in der Tat kann die Allmacht selbst nichts weiter zu unserer Besserung beitragen. (Friedrich Schleiermacher)

Predigten

Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Website stimmen Sie dem Speichern von Cookies auf Ihrem Computer zu. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzbestimmungen gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
nt/42/lukas_16_27.txt · Zuletzt geändert:
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain