Lukas 15,11
Andachten
Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngste unter ihnen sprach zum Vater: Gib mir, Vater, das Teil der Güter, das mir gehört. Und er teilte ihnen das Gut rc.
Dürfte man unter den Aussprüchen des Herrn einen Unterschied machen, so müsste man sagen, das Gleichnis vom verlorenen Sohne sei unter allen seinen Gleichnissen die Perle. Es ist ein Wunderspiegel, in dem Jeder sich selbst erschaut, sei es in dem Bilde, das er gegenwärtig trägt oder in demjenigen, das er weiland trug, oder in dem, zu welchem er erst erneuert werden muss, wenn er das Reich Gottes ererben will. Im Anfang desselben stellt uns der Herr den Abfall des Sünders von Gott, seinem rechten Vater, dar. Denn erblicken wir auch jetzt Alle als Sünder das Licht der Welt, so haben wir doch auch Alle unser rechtes Daheim bei Gott, und der Ahnherr unsres Geschlechtes, Adam, hat die volle Seligkeit genossen, als Kind bei Gott in ungetrübter Gemeinschaft zu weilen. Wir aber kennen unser rechtes Daheim nur aus der Sehnsucht, herauszukommen aus der Fremde, in welche wir uns gesetzt finden. Wo es liegt, und wie wir dahingelangen, das weiß Niemand unsres Geschlechtes aus sich selbst, und wenn es uns nicht geoffenbart wäre, würden wir weder den Ort kennen, noch den Rückweg zu ihm finden. Im Genusse aller Güter des Vaters und Eins im Herzen mit ihm, hatte der jüngste Sohn eine Zeit seliger Wonne. Da kam ihm der Gedanke, es gebe ein noch größeres Glück als er besitzt, nämlich wenn er so selbständig würde, wie sein Vater. Die Schranken, welche der Gehorsam gegen seinen Vater ihm setzt, werden ihm eine Last, er sehnt sich heraus aus seiner Abhängigkeit, er will frei, er will gleich sein seinem Vater. Der Zwiespalt im Herzen ist da, sein Glück im Vaterhause ist verblüht, jetzt gilt es, seine Träume zum Wesen zu bringen: er verlangt vom Vater sein Erbteil und der Vater teilt ihm das Erbe. Er will seines Sohnes Glück. Der Sohn findet es nicht mehr bei ihm, und würde es auch dann nicht mehr bei ihm finden, wenn er ihn zwänge, zu bleiben; also lässt er ihn ziehen. Und der Sohn zieht weg, weit weg vom Vater. Er wird sein eigener Herr und schaltet nun mit dem väterlichen Erbe nach seiner Lust. Das Erbe zerrinnt, bald ist das Letzte verprasst, und der Sohn ist ein Bettler. In der Teuerung plagt ihn der Hunger, und der Sohn wird im fremden Lande ein Knecht. Er hütet die Säue. Er begehrt die Nahrung der Säue für sich, aber man gibt sie ihm nicht. Was ist aus dem glücklichen Sohne des reichen und gütigen Vaters geworden? Statt des milden Vaters hat er einen strengen harten Herrn, für das Vaterhaus die Fremde, statt Kind ist er Knecht, statt des, väterlichen Tisches hat er Träber. Solchen Tausch haben wir gemacht, da Adam sich verführen ließ, sein zu wollen wie Gott. Wir haben unsern Willen, sind ferne von Gott, verbrauchen unsere Leibes- und Seelenkräfte und die Güter der Erde nach unserer Lust, - wir sind unsere Herren, und doch Knechte. Denn wir herrschen zwar über sie, werden aber noch mehr von ihnen beherrscht, und wenn erst die Teuerung kommt, dann erst fühlen wir unser ganzes Elend. Und sie bleibt bei Keinem aus, kommt sicher, wenn auch erst im Tode. Mancher darbt schon vorher, möchte gern satt werden und hat nicht, sich zu sättigen, oder hat es und wird doch nicht satt. Aber wenn der unerbittliche Herr, der Tod, kommt, dann werden uns auch die Träber entzogen, mit denen wir bis dahin unsern Bauch zu füllen begehrten. Der Tod ist kein eigener Herr, sondern Satans Vasall und dieser Unbarmherzige verfährt mit dem Sünder also: nachdem er ihn durch Vorspiegelung größeren Glückes dem Vater entfremdet und aus dem Vaterhause weggelockt, knechtet er ihn in der Fremde, lässt ihn Säue hüten, im Schmutz der Sünde wühlen, lässt ihn darben und würgt ihn sicher hin an Leib und Seele, so er nicht in sich schlägt und umkehrt zum Vater. (Anton Camillo Bertoldy)
Und Er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne; und der Jüngste unter ihnen sprach zum Vater: Gib mir, Vater, das Teil der Güter, das mir gehört. Und er teilte ihnen das Gut. Und nicht lange danach sammelte der jüngste Sohn Alles zusammen, und zog ferne über Land; und daselbst brachte er sein Gut um mit Prassen. Da er nun alle das Seine verzehrt hatte, ward eine große Teuerung durch dasselbige ganze Land, und er fing an zu darben; und ging hin, und hängte sich an einen Bürger desselbigen Landes, der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte seinen Bauch zu füllen mit Träbern, die die Säue aßen; und Niemand gab sie ihm. Da schlug er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot die Fülle haben, und ich verderbe im Hunger. Ich will mich aufmachen, und zu meinem Vater gehen, und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt in den Himmel und vor dir; und bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich als einen deiner Tagelöhner. Und er machte sich auf, und kam zu seinem Vater. Da er aber noch ferne von dannen war, sah ihn sein Vater, und jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals, und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt in den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt das beste Kleid hervor, und tut ihn an, und gebet ihm einen Fingerreif an seine Hand, und Schuhe an seine Füße; und bringt ein gemästetes Kalb her, und schlachtet es, lasst uns essen und fröhlich sein; denn dieser mein Sohn war tot, und ist wieder lebendig geworden; er war verloren, und ist gefunden worden. Und fingen an fröhlich zu sein. Aber der älteste Sohn war auf dem Felde, und als er nahe zum Hause kam, hörte er das Gesänge und den Reigen; und rief zu sich der Knechte einen, und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat ein gemästetes Kalb geschlachtet, dass er ihn gesund wieder hat. Da ward er zornig, und wollte nicht hinein gehen. Da ging sein Vater heraus, und bat ihn. Er antwortete aber, und sprach zum Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir, und habe dein Gebot noch nie übertreten; und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. Nun aber dieser dein Sohn gekommen ist, der sein Gut mit Huren verschlungen hat, hast du ihm ein gemästetes Kalb geschlachtet. Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und Alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und gutes Muts sein; denn dieser dein Bruder war tot, und ist wieder lebendig geworden; er war verloren, und ist wiedergefunden.
Der letzte Tag des Kirchenjahres ist gekommen, die lange Reihe der Gnadenstunden, die GOtt dir im alten Kirchenjahre verliehen hat, ist ins Meer der Ewigkeit gesunken, du stehst heute vor dem letzten dieser Tage. Welche Gedanken bewegen denn heute deine Brust? sprich, hast du nicht heute sehr viel zu loben und zu danken? hat der HErr nicht wirklich wieder Großes an dir getan? Er hat dir noch die Frist der Buße vergönnt, ach, wie oft hat Er dir predigen lassen, wie oft hat Er dich zum heiligen Sakramente geladen, wie oft hat Er an dein Herz geschlagen und gesagt: Willst du dich denn gar nicht bekehren? willst du denn so ganz und gar in deinem Sündenleben verharren? Ja, denke heute nach über die Führungen, welche dein GOtt dir hat angedeihen lassen, und ich glaube, du wirst sagen: Ich bin zu undankbar gewesen!
Ja, lieber Zuhörer, der letzte Tag des Kirchenjahres ist ein Bußtag. Du gehst über die Schwelle des alten Jahres und siehst die Tage, die verronnen sind, nie wieder. Stehe ein wenig stille und frage dich heute, ob du auf dem Wege bist zum ewigen Leben. oder auf dem Wege zur Verdammnis, ob du, wenn nun das beginnende Kirchenjahr dein Todesjahr wird, du selig oder verdammt wirst. möchte unser Text denn heute auch deine Lebensgeschichte schildern. Seht, der jüngste Sohn in unserem Gleichnisse hat es wahrlich auch gut gehabt im Vaterhause, aber der Übermut trieb ihn heraus. Es war so schön, die goldene Freiheit zu genießen und mit den neuen Freunden den Ernst des Lebens zu verscherzen. Aber ach, gar bald hört das schöne Leben auf! das Geld ist verzehrt, die Freunde sind verschwunden, und die Freude ist zu Ende. Als er vor dem Schweinetrog steht, da kommt er zur Besinnung, da sagt er sich, dass er doch sehr töricht gehandelt habe. es ist ein schön Ding um die Besinnung, wenn sie nur nicht so oft zu spät käme! In der Not gedenkt der verlorene Sohn des tiefen Falles, den er getan, aber auch, wie gut er es hätte haben können, denn er erinnert sich, wie gut es die Tagelöhner in seines Vaters Hause haben, und wie sie es so viel besser haben als er, der er doch ein Kind seines Vaters ist. Und wenn es die Tagelöhner schon so gut haben, wie gut müssen es dann die Kinder haben! Wie er daran denkt, da sagt er: du musst zurück, wenn ja, du auch nur ein Tagelöhner in deines Vaters Hause sein kannst, denn ein Kind zu sein, das hast du verscherzt. Seht, er hätte doch wohl nicht gewagt, zurückzukehren, wenn er nicht in sich das Kindschaftsgefühl gehabt hätte, wie wir Christen es durch die Taufe haben. So wartet er nicht erst, bis der Entschluss ihm wieder leid geworden, sondern er macht sich sofort auf den Weg und ist noch daran, die Beichtrede, die er seinem Vater vortragen will, zu studieren, da eilt ihm schon der Vater entgegen und schließt ihn in seine Arme und macht ihm den schweren Gang so leicht. Er hält ihm nicht einmal seine Sünden vor Augen, sondern er gibt ihm statt der begehrten Knechtsarbeit das Kindesrecht.
Nicht wahr, welch einen guten Vater hat doch dieser Sohn? und du weißt, dieser Vater ist dein Vater. Der streckt auch nach dir die Liebesarme aus und möchte dich so gern an Sein Vaterherz ziehen, denn aus Seinem Hause magst du fortgehen, von Seinem Vaterherzen kommst du nicht; im Banne der Sünde magst du stehen, im Banne der Liebe bleibst du doch. So wisse denn, dass du im Banne der Vaterliebe bleibst, wo du auch hingehst. Des Vaters Auge sieht nach dir, und das Vaterherz verlangt nach dir. Wie Mancher unter euch mag sich heute fühlen wie der verlorene Sohn! Ja, auch du bist fortgegangen im verflossenen Kirchenjahre vom Vaterhause, du bist gefallen, bist in die Irre gegangen; auch du hast die dir vom Vater anvertrauten Güter im Fleischesleben verprasst, und nun stehst du am Abgrunde des Verderbens in leiblicher und geistlicher Not. O, möchte auch dir die Not die Augen waschen, damit du klar erkennst zum Ersten das unglückliche Leben der Weltkinder und zum Andern, wie gut du es bei deinem Vater haben kannst. Wie gut haben es schon die Tagelöhner im alten Bunde gehabt! Wenn die in Not waren, gingen sie zu ihrem HErrn und sagten: Wir leiden Not, Du musst uns helfen! Umso mehr dürfen die Kinder des neuen Bundes zu ihrem Vater kommen und sprechen: Du hast gesagt, was Mein ist, das ist dein, darum gib mir, was ich bedarf in meiner großen Not! und nicht wahr, wir wissen, sie tun keine Fehlbitte?
Ja, lieber Christ, mache dich auf und geh' zu deinem Vater, lass deinen Entschluss nicht erst wieder erkalten, du wirst sehen, wie leicht Er dir den Gang macht, du wirst sehen, wie das Vaterherz noch in Liebe für dich schlägt, du wirst sehen, wie Er dir die Sünden vergibt und wie Er dich wieder einsetzt in die Seligkeit des Kindesstandes. O komm zu deinem Vater, nachdem dies Kirchenjahr beendet ist, damit du mit neuem Mute ins neue Kirchenjahr eintreten kannst.
Mache es aber nicht wie der älteste Sohn. Der hat keine Freude an der Bekehrung seines Bruders, denn er weiß selbst Nichts von rechter Kindesfreude, und daher sieht er mit Murren die Freude seines Vaters über den wiedergefundenen Sohn. Er ist ein Kopfhänger, der da meint, es sei seine Pflicht, nur ein Sklave der Arbeit zu sein; ob er ein Kind war, lebte er doch wie ein Knecht. Auch er beraubte sich selbst der Kindesstellung, ob er wohl im Vaterhause war. Der Vater aber sagt ihm, er lebe nicht im rechten Kindesstande, er möge sich mitfreuen über seinen wiedergefundenen Bruder, so gezieme es sich. O, wie manche Freude hättest auch du haben können, wenn du dich missreutest über die Sünder, die Buße tun, und wenn du deshalb mitarbeitest an ihrer Bekehrung. Hole nach, was du versäumt hast. GOtt hat auch dich zur Freude bestimmt, verschmähe die Freude nicht, nimm und gebrauche, was GOtt dir beschieden, und du wirst sehen, wie gern Er dir immer mehr gibt. Hilf aber auch mit am Reiche Gottes arbeiten, damit du mit den Engeln dich über jeden Sünder freuest, der Buße tut. Sich also freuen können, das heißt christlich leben.
Mache deine Rechnung mit deinem GOtte, aber dann, wenn du Nichts als Schuld siehst, falle Ihm zu Füßen und sprich: Ich bin es nicht wert, aber ich verlasse mich auf Deine Barmherzigkeit; habe noch einmal Erbarmen! Amen. (Johannes Paulsen)