Lukas 12,1
Andachten
Es lief das Volk zu und kamen etliche Tausende zusammen, also, dass sie sich unter einander traten. Da fing er an und sagte zu seinen Jüngern: Zum ersten, hütet euch vor dem Sauerteige der Pharisäer, welcher ist die Heuchelei.
Wir dürfen nicht meinen, als ob es unter uns keine Pharisäer mehr gebe, und diese Denkungsart nur jener jüdischen Sekte angehört habe. O nein! auch in der Christenheit sind viele, erstaunlich viele Pharisäer. Nur die äußere Gestalt der Sache hat sich verändert; der darunter liegende Sinn ist der nämliche wie damals. Es gibt freilich keine Leute unter uns, die breite Denkzettel an ihren Kleidern tragen, die keinen Bissen Brot essen, ohne vorher die Hände zu waschen, und die aus diesen und dergleichen äußerlichen Beobachtungen und Übungen eine Gerechtigkeit zusammenflicken, die vor Gott gelten sollt; solche Dinge haben in der christlichen Kirche ihren Wert und ihr Ansehen verloren, und taugen nicht mehr zu unsern Sitten. Aber gibt es nicht auch Menschen unter uns, die in ihrer Herzensblindheit das, was äußerlich im Christentum ist, für das Wesentliche ansehen, und die Beförderungsmittel der Gottseligkeit, die Gnadenmittel, für die Gottseligkeit und Gnade selbst halten? Wie viele mögen wohl unter uns sein, ja wohl unter uns, die sich auf ihre Frömmigkeit, auf ihr rechtschaffenes Christentum etwas zu gut tun, und weil sie fleißig zur Kirche und zum heiligen Abendmahl gehen, weil sie in der Bibel lesen, und zu ihren Zeiten ihre Gebete verrichten, sich für gute Christen halten, und meinen, die Aufforderung zur Bekehrung gehe sie nicht an, indem sie solches nicht nötig haben? Seht, das sind die nämlichen Pharisäer wie zu der Zeit Christi; sie wickeln sich, wie jene, in ein äußeres Scheinbild der Gerechtigkeit, und nennen dieses die wahre Gerechtigkeit. Und was soll ich sagen von den tugendhaften Leuten dieses Zeitlaufes, welche die Gerechtigkeit und das Verdienst Christi meinen entbehren zu können, und eben darum das Wort vom Kreuze, wenn es ihnen ohne Schminke angeboten wird, schnöde von sich weisen? Ist es denn eine wahre Tugend, deren sie sich rühmen? Nein! nur ein elendes Flickwerk von allerhand eigenliebigem Selbstbetrug, von allerhand vermeintlichen Vorzügen, die das eigengefällige Herz sich selbst zugesprochen hat, oder die es, auf die heuchlerischen Schmeichelworte Anderer hin, an sich zu finden glaubt; eine Mischung von natürlicher Gutmütigkeit, Stolz, Torheit und Unbekanntschaft mit dem Willen Gottes, die erst das Feuer jenes Tages zersetzen muss. (Ludwig Hofacker)
Vor Allem hütet euch vor dem Sauerteige der Pharisäer, welcher ist die Heuchelei.
Lasset uns vor allen Dingen die Mahnung des Herrn an die gleißnerischen Pharisäer beherzigen, „zuvörderst das Inwendige des Trinkgeschirrs und der Schüssel zu reinigen, dann werde auch das Äußere rein werden.“ Lasst uns besonders in unsern Gebeten und Reden nur das ausdrücken, was wir wirklich empfinden, so dass wir dem Herrn, der die Herzen prüft, sagen können: „Du weißt, dass meine Worte nicht weiter gehen, als meine Gedanken.“ Der Wunsch, von den Menschen gelobt zu werden, verleite uns niemals, weiter zu gehen, als unsere Überzeugung und der Geist Gottes uns führet! Nicht der Menschen, sondern Gottes Wohlgefallen lasst uns suchen! Lasst uns in äußerer Erniedrigung beharren, wenn Er uns innerlich erniedrigt; denn Er selber weiß, was Er uns gegeben hat, und wenn wir aus Stolz Gnadengaben erheucheln wollen, die wir nicht besitzen, so ist diese falsche Nachahmung des Heiligen Geistes Ihm verhasst. „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden“; und der Herr, der es sieht, wenn unser Herz sich aufbläht, erniedrigt uns oft umso mehr, je mehr uns die Menschen loben. ER straft uns damit dafür, dass wir mehr haben zeigen wollen, als wir wirklich hatten. So kann Er uns sogar das entziehen, was wir haben und bringt in gewissem Sinne den Grundsatz im Evangelium bei uns zur Anwendung: „dem, der nicht hat, wird auch das genommen werden, was er hat“ (oder zu haben wähnt). Da unser Herz von Natur hinterlistig und zur Heuchelei geneigt ist, so müssen wir uns in Acht nehmen und uns oft in die Gegenwart des Herrn und vor Seinen Richterstuhl stellen. Ihm gebührt allein die Ehre, dass Er wahrhaftig und ohne Falsch ist. Von Ihm rühmt Moses in seinem Abschiedslied: „Er ist ein Fels. Seine Werke sind unsträflich; denn alle Seine Wege sind Recht. Treu ist Gott, und kein Böses an Ihm; gerecht und aufrichtig ist Er.“ (5. Mose 32, 4.) Ihn wollen wir denn um ein aufrichtiges Herz bitten und zu Ihm sagen: „Mein Herz bleibe rechtschaffen in Deinen Satzungen, dass ich nicht zu Schanden werde!“ (Ps. 119, 80.) „Leite mich auf dem gerechten Wege, mitten auf den Straßen des Rechts!“ (Spr. 8, 20.) (Auguste Rochat)