Markus 10,17
Andachten
Guter Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?
Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Eine bedeutsame, vielumfassende Frage, die von mir nicht oft genug kann erwogen, deren Beantwortung nicht ernstlich genug beherzigt werden kann. Das ewige Leben ist ein Zustand reinerer Erkenntnis, so fordert die Erlangung desselben die Ausbildung meiner Geistesanlagen. Jetzt ist unser Wissen Stückwerk, wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Was ich hier nur ahnen kann, was nur als ein dunkles Gefühl in meinem Busen lebt, das soll ich dort in ungetrübter Klarheit erkennen; den Gott, dessen Nähe ich hier fühlte, wenn Sein Geisteswehen mich berührte und mit dem heiligen Schauer frommer Andacht mein Herz erfüllte, den soll ich dort von Angesicht zu Angesicht schauen. Werde ich aber den Glanz der Himmelswahrheit ertragen können, wenn mein Geistesauge hier nicht geübt und erstarkt ist im Erforschen und Erkennen der Wahrheit? Werde ich fähig und würdig sein, Gott, den vollkommensten Geist, zu schauen, wenn ich die mir hier mögliche Erkenntnis Seines Wesens, zu der ich durch eine vernünftige Betrachtung der Natur und des Menschenwesens gelangen konnte, verachtet habe? Wer die Finsternis lieb hat, der gelangt nicht zum Lichte des ewigen Lebens.
In dem ewigen Leben versammeln sich alle, welche fromm und gut waren auf Erden, um den Thron des Heiligen; wer also in den Himmel eingehen will, der sei sittlich gut. Die Sinnlichen, welche zum schimpflichen Sinnendienste sich erniedrigen und das Bild des Heiligen in sich mit dem Makel des Lasters beflecken; die Habsüchtigen und Geizigen, welche ihres Lebens schönste Zierde, die Tugend, für leichtvergänglichen Mammon dahin geben; die Boshaften, welche den Nächsten um Ehre und guten Namen, um Vermögen und Eigentum bringen und mit frevelnder Hand das Lebensglück so Vieler leichtsinnig zerstören können; die Gottlosen, welche den Heiligen lästern und sein Gesetz verachten, wie sie den Reichtum seiner Barmherzigkeit geringschätzen: Alle, welche auf Erden in Feindschaft wider Gott lebten, haben auf die Gemeinschaft mit dem Heiligen im Himmel keinen Anspruch. Auf mancherlei Weise versucht und doch ohne Sünde muss ich sein, alle Versuchungen des Herzens muss ich siegreich bekämpft, allen Verführungen der Welt standhaft widerstanden haben, wenn meine Seele auf den Schwingen des Todes sich zur himmlischen Verklärung erheben soll.
In dem ewigen Leben wird meiner Wirksamkeit ein ausgedehnteres Feld geboten, also muss ich mich, wenn ich in den Himmel eingehen will, durch eine treue Abwartung meines irdischen Berufs für einen höheren Wirkungskreis geschickt gemacht haben. Wenn ich ein unbrauchbares, überflüssiges Geschöpf gewesen bin; wenn Nichts, gar Nichts von mir geschehen ist, was heilsam und nützlich gewesen wäre; wenn ich das, was ich hätte verrichten sollen und können, entweder nur obenhin verrichtet, oder wohl gar geringgeschätzt, oder unterlassen habe, wie habe ich Hoffnung, da eine ehrenvolle Stellung einzunehmen, wo man für höhere Endzwecke tätig ist. Wie sanft aber werde ich meine Augen zum Todesschlafe schließen, wenn mir mein Gewissen das Zeugnis gibt, dass es mir wenigstens nicht an gutem Willen, nicht an Eifer gefehlt hat, in allen Stücken das Meinige zu tun. Habe ich nur geleistet, was von mir erwartet wurde; darf ich mir dereinst sagen, dass ich das Werk vollendet habe, welches mir gegeben war, dass ich es tun sollte; war ich auch nur über Wenigem, was ich zu besorgen hatte, treu dann werde ich im ewigen Leben über Viel gesetzt.
In dem ewigen Leben wird der Glaube Schauen und die Hoffnung Gewissheit; aber die Liebe hört nimmer auf: die Liebe muss also das herrschende Gefühl in meinem Busen, sie muss das unverbrüchliche Gesetz meines Lebens sein, wenn ich das ewige Leben erwerben will. Seht Eigennutz, Selbstsucht mein Herz in Bewegung; wird mein Leben eine Kette von Beleidigungen meiner Mitmenschen, von Eingriffen in ihre Rechte, von Gewalttätigkeit und Misshandlung; schließe ich mich selbstsüchtig und gefühllos ab, dass mich der Elende vergebens anspricht und das Jammergeschrei der Verunglückten mich nicht rührt - dann habe ich im Tode Nichts zu hoffen. Die Tränen, welche ich der Unschuld erpresst habe, sind alle von Dem gezählt, vor dessen Richterstuhl ich treten muss, und die Seufzer, welche sich über mich zum Himmel erheben, hört Der, in dessen Hand mein Schicksal ruht. War es aber stets mein eifrigstes Bemühen, zu erfreuen, zu segnen, zu beglücken Alle, die in meine Nähe kamen, dann tragen Engel der Liebe meine scheidende Seele zum Throne des Alliebenden. Ich weiß nun, was ich tun muss, auf dass ich das ewige Leben ererbe; so stärke denn Du Gott des ewigen Lebens mich mit Deiner Kraft, dass ich tue, nach dem ich erkannt habe. Amen. (Gerhard Friederich)