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Matthäus 9,36

Matthäus 9,36

Andachten

Und da er das Volk sah, jammerte ihn desselben; denn sie waren ermattet und zerstreut, wie Schafe, die keinen Hirten haben.
Herzliches Erbarmen, das war der Grundtrieb im ganzen Leben und Wirken unseres Meisters, herzliches Erbarmen mit jeder menschlichen Not um ihn her, mit den Hungernden und Armen, mit den Kranken und Elenden; sie alle hat er als seine Brüder erklärt, und was ihnen getan wird, das sieht er an, als wäre es ihm selber getan. Vor Allem aber ist es das geistige Elend seines Volkes, was ihm das Herz bis ins Innerste bewegt; es jammerte ihn desselben, denn sie waren ermattet und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und so ward er denn selber ihr Hirte, und fürwahr ein guter und treuer Hirt, der dem verlorenen Schäflein nachging und nicht ruhte, bis er es gefunden hatte.

Armes, verwahrlostes Volk, das hat es ja zu allen Zeiten gegeben und gibt's auch noch heute. Ja gerade die gegenwärtige Zeit mit ihrem gewaltigen Drängen nach irdischem Gewinn und Genuss, mit ihrem rastlos dahineilenden, Alles überflutenden Verkehr, mit ihren großen Gegensätzen von Reich und Arm, Hoch und Gering, mit ihrer Lockerung so mancher Bande der Pietät und Achtung, durch welche in früheren Zeiten der Einzelne an Religion, Sitte und Herkommen, Eltern und Familie sich gebunden fühlte gerade diese gegenwärtige Zeit hat Zustände geschaffen, in Folge deren auch mitten in der Christenheit, ja mitten in der evangelischen Kirche große Teile der Bevölkerung dem religiösen und kirchlichen Leben entfremdet, der Einwirkung des Gotteswortes ganz entzogen und so der geistlichen Verwahrlosung, ja Verwilderung preisgegeben sind. Wie unzählig viele Menschen gibt es, die durch den Kampf um die täglichen Bedürfnisse des Lebens für höhere religiöse Dinge stumpf geworden sind, wie viele Angestellte an den Anstalten des öffentlichen Verkehrs, in Geschäften, Hotels usw., die in Folge ihrer Dienstverhältnisse keinen Sonntag mehr haben, wie viele Arbeiter, welche von ihren Führern geradezu zum Hass gegen das Christentum aufgestachelt werden und daher in der Vernichtung desselben das Glück der Zukunft erblicken; wie viele in unserer Zeit, die unter solchen Verhältnissen auch an ihrer Sittlichkeit Schiffbruch leiden, dem Laster in die Arme sinken oder den Weg des Verbrechens betreten; wie viele arme Familien, in welchen sich mit der äußern Not auch geistige und sittliche Verkommenheit verbindet; wie viele arme Kinder, die, in solcher Luft aufwachsend, von frühe an die Rohheit der Gesinnung und des Lebens in sich aufnehmen! Gewiss, da ist es Christenpflicht, entgegenzuwirken und zu helfen, so viel als möglich, und in der Nachfolge unseres treuen Oberhirten zu suchen und zu retten die Verlorenen. Es ist dies zunächst die Pflicht der Kirche: Sie ist das Weib im Gleichnis, welches das Licht anzündet, um den verlorenen Groschen zu suchen, und welches sich dann freut, wenn es ihn gefunden hat. Doch nicht nur die Geistlichen, nein, alle lebendigen Glieder der Kirche, Alle, die etwas von der Liebe Christi in sich spüren und Christen sein wollen, haben die Pflicht, bei diesem Rettungswerk mitzuhelfen. Keiner soll sich zu gut oder zu vornehm dünken, sich auch um die elendesten seiner Brüder zu bekümmern, Keiner sich mit der Frage versündigen: Soll ich denn meines Bruders Hüter sein? Wahrlich, das Blut seines Bruders müsste auch gegen ihn um Rache zum Himmel empor schreien! Gewiss, Vieles ist auch schon in unserer evangelischen Kirche geschehen, um der geistigen Not unserer Brüder zu steuern. Allein noch viel mehr muss geschehen, wenn der Not recht wirksam begegnet werden soll, und Alle, Alle müssen nach Kräften dazu mithelfen. Was kann denn aber der Einzelne tun zu diesen Werken? Gar Vieles kann er dazu tun. Jeder kann mehr, als er es sonst getan hat, in seiner Umgebung achten auf die Spuren geistiger Verwahrlosung, sittlicher Verwilderung. Er kann da oder dort selber schon einem fehlbaren Menschen ein ernstes Mahnwort zurufen, oder, wo das nicht hinreicht, wie z. B. bei verlassenen und verwahrlosten Kindern, seine Stimme erheben, dass Behörden und Wohltäter rechtzeitig die Hand ans Werk legen; er könnte oft ganz in seiner Nähe, bei Dienstboten, Lehrlingen oder Angestellten durch eine Vorstellung am rechten Ort und im rechten Ton Gutes wirken, und wenn er zehn Mal auf Undank und taube Ohren stieße, so sollte er sich doch nicht abschrecken lassen, es immer wieder zu versuchen. Dann müssen wir immer wieder zurückkehren zur allerinnersten Mission, nämlich zur Arbeit an uns selber, dass wir uns selber prüfen, uns und unser Haus unter die Zucht des Geistes Christi stellen, an uns selbst und den Unsrigen dem armen Volk kein Ärgernis geben und uns in unsern eigenen Bedürfnissen also einschränken, dass wir umso mehr übrig haben, der fremden Not zu steuern. Gewiss jede Entbehrung, die wir uns in diesem Sinne auferlegen, wird uns reich gelohnt durch die Freude und den Segen, Andern helfen zu können. Manche edle Freudengabe legt der freundliche Himmel in unsern Schoß; edler und köstlicher aber kann keine Freude sein, als die, wenn ein fehlbarer, ja verlorener Mensch wieder zurecht gebracht wird, wenn Vater oder Mutter ein leichtsinniges Kind wieder reuig in ihre Arme schließen dürfen, wenn ein treuer Erzieher nach vielen Bemühungen ein armes, ihm anvertrautes Kind endlich zur Erkenntnis bringt, wenn ein Menschenfreund sein wohlwollendes Streben für die Förderung geistigen Wohles mit Erfolg gekrönt sieht. Freude ist da nicht nur auf Erden, sondern im Himmel selbst über den Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Möchte ein Strahl dieser himmlischen Freude auch unser Erdenleben verklären, dass es uns jammerte des Volkes um uns her in seiner geistigen Not, und auch wir die reine Freude erfahren dürften, die der hat, dem Gottes Gnade die Rettung einer Menschenseele schenkt. (Robert Grubenmann)

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