Matthäus 8,19
Andachten
Es trat zu ihm ein Schriftgelehrter, der sprach zu ihm: Meister, ich will dir folgen, wo du hingehst. Jesus sagte zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege.
Der Herr behandelt hier einen Mann, der Ihm seine Nachfolge anbietet, anscheinend recht hart und abstoßend. Und da derselbe ein Schriftgelehrter war, einer von denen also, die sonst dem Herrn Jesu am heftigsten widerstanden, so würde gewiss der Tausendste an Jesu Stelle es für weise gehalten haben, ihm eine aufmunternde Antwort zu geben und so sich auch Eingang bei denen zu verschaffen, die ihrerseits wiederum mächtigen Einfluss auf das Volk übten. Manche gläubige Seele hat sich vielleicht auch schon über diese Antwort des Herrn gewundert, wohl gar halb und halb daran geärgert, da sie mit der sonstigen Art des Herrn, das zerknickte Rohr nicht vollends zu zerbrechen und das glimmende Docht nicht gar auszulöschen, vielmehr das Verlorene zu suchen, das Verwundete zu verbinden und an die letzten Fädlein, die er im Menschen findet, anzuknüpfen und ihn daran weiter zu führen, so gar wenig zu stimmen scheint. Allein der Herr suchte nicht sich und seinen Einfluss, sondern Er suchte Seelen für das Himmelreich zu gewinnen, und Er hatte gewiss auch eine brennende Begier diesen Schriftgelehrten zu retten. Aber siehe dir einmal den Mann näher an. Seine Art sich dem Herrn anzubieten, sieht nicht danach aus, als ob er nur noch ein glimmender Docht, ein geknicktes Rohr wäre, das nur noch an einer Faser hängt; das scharfe Auge des Herrn erkennt vielmehr in ihm einen von den Vielen, die wohl fromm werden, Ihm nachfolgen und das Himmelreich ererben, aber dabei ihre Ehre, Reichtum und Gemächlichkeit behalten wollen. Darum weist ihn wohl der Herr nicht geradezu zurück, aber Er sagt ihm gerade heraus, dass er sich bei seiner Nachfolge auf irdische Größe und zeitliches Wohlbehagen wenig Rechnung machen dürfe, dass er vielmehr gewärtig sein müsse, mit Jesu Armut und Verfolgung zu teilen. War nun seine Liebe zur Person Jesu und sein Trachten nach dem Himmelreich rechter Art, und hatte er keine Hintergedanken an eigne Ehre in dem künftigen Messiasreich, so wird er sich durch diese Antwort des Herrn nicht haben zurückschrecken lassen, und wird sich an der irdischen Niedrigkeit des Reiches Christi und seiner Glieder nicht geärgert haben; war ihm aber die Aussicht, die ihm Jesus eröffnete, so wenig anziehend, dass er darüber seinen Entschluss, ihm nachzufolgen, wieder aufgab, so war sein zeitiges Zurückgehen kein Verlust für das Reich Gottes, denn er wäre später, wenn er erkannte, dass er nicht fand, was er gehofft, doch, wie so viele Andere, wieder abgefallen. - Der ist kein wirklicher Nachfolger des Herrn, der nicht bereit wäre, wenn es der Herr fordert, auch das Teuerste und Liebste in seinen Dienst zu stellen und daran zu geben. Es muss dem Christen stets fest und klar vor Augen stehen, dass wohl die Füchse und die Vögel, die Heuchler und die Leichtsinnigen, hier auf Erden ihre Nester, ihre Heimat haben, dass sie als Irdischgesinnte für die Erde und ihre Lüste und Laster leben, dass aber der Christ, als ein Himmlischgesinnter, trotz aller Liebe zu seiner Heimat, seinem Vaterlande, seinem Hause, seinem Amte und seinem Freundeskreise, dennoch seine wahre Heimat oben bei dem Herrn haben muss. Sein Fuß und Rücken mögen wohl eine Stelle hier auf Erden haben, da sie sich hinlegen, aber das Haupt soll nicht ruhen und rasten, bis es Ruhe findet in dem Schoße dessen, der alle Mühseligen und Beladenen zu sich eingeladen. Ein Christ muss aus einem Weltkinde ein Weltfremdling, aus einem Bürger ein Pilgrim in dieser Welt werden, der hinwegeilt, um die zukünftige, bleibende, ewige Stadt zu suchen. (Anton Camillo Bertoldy)