Matthäus 6,8
Andachten
“Euer Vater weiß, was ihr bedürft, ehe denn ihr Ihn bittet.“
Der liebe Heiland sagt in der Bergpredigt obige Worte; und Er will mit ihnen sagen, dass es unsererseits nicht so vieler Worte bedürfe, um den Vater im Himmel zu bewegen, dass Er uns helfe. Wir meinen oft, wir müssten es in die Länge und Breite wie ein Advokat vor dem lieben Gott darlegen, bis Er endlich überzeugt werde, es sei an der Zeit, dass Er uns helfe. Aber solche Advokatengebete gefallen Ihm nicht. Freilich kommt darauf viel an, dass man sich selbst alles dessen, was zur Sache gehört, bewusst werde; und so weit es zu unserer eigenen Verständigung, insbesondere Demütigung, nötig ist, darf und soll man' s überdenken, kann mans auch etwa betend vor dem HErrn aussprechen. Aber meinen, Gott bedürfe es, dass man Ihm die Sache klar auseinandersetze, damit Er dann Seinen Spruch tun könne, wie ein Oberrichter, das ist verkehrt und hemmt die Kraft des Gebets. Denn jedenfalls weiß Gott alles ein wenig besser als wir; und auch das, was uns besonders angeht, versteht Er besser als wir. „Er weiß, was wir bedürfen, ehe wir Ihn bitten.“
Wir freilich wissen nicht immer recht, was wir bedürfen, und was uns Not tut; und da verlangt wohl Gott je und je einen bessern Ernst, ein besseres Nachdenken von uns bezüglich dessen, was wir bitten. Wenn man da etwa denkt: „Ich lasse eben Gott walten, der wird’s schon recht machen; ich hab's Ihm übergeben, und brauche weiter nicht zu sorgen und zu denken,“ so wäre das eine Leichtfertigkeit, bei welcher eine schnell und kurz vor Gott hingeworfene Bitte sicher keine Erhörung finden würde. Das hieße dumm in den Tag hineinleben; und so einfältig, wie die Tiere im Stall, will denn doch Gott uns nicht haben. Willst du's also recht machen, und wie es deiner und Gottes würdig ist, so musst du, was du bitten willst, beständig, wie man sagt, auf dem Herzen tragen, damit dir alles einfällt, was dir einfallen sollte. Wenn wir nur immer zu unserem Gebet den vollen Glaubenssinn mitbrächten!
Zusatz: Bedacht haben und wissen sollen wir freilich allerlei, wenn wir bitten. So solltest du wissen, ob das auch wirklich so ganz das Rechte ist, was du bittest, und ob's nicht am Ende umgekehrt oder anders viel besser für dich wäre, als du dir's denkst; du solltest ferner wissen, was etwa deiner Bitte entgegensteht, und was Gott an dir heimsuchen wollte oder könnte; du solltest einen Begriff davon bekommen, wie groß das ist, was du bittest, und da so ohne Weiteres von Gott verlangst; du solltest wissen deine Fehltritte, Versäumnisse, Unachtsamkeiten, mit denen du etwas übel gemacht hast, das nun Gott soll wieder gut machen; du solltest auch begreifen, wie ein geduldiges Warten nötig ist, weil sich Eins ums Andere erst machen muss, dass du nicht gleich denkst, Gott erhöre dich eben nicht; du solltest auch aufmerken, ob nicht schon da ist, was du willst, und du es nur vor Ungeduld und Aufgeregtheit nicht siehst. Das alles sollst du wissen, kannst du auch mit Gleichgesinnten besprechen, ferner durch das Wort Gottes, welches zur Hand nehmen du nicht versäumen sollst, dir aufdecken und deutlich machen lassen. Tust du aber das alles in der Gegenwart Gottes als vor Ihm, so hat es alles auch den Wert des Gebets vor Ihm. Kommst du aber dann schließlich an das eigentliche Gebet, die wirkliche Bitte, so musst du ja nicht meinen, - das ist's, was der HErr in unserem Spruch andeutet, - als ob es nötig wäre, jetzt alle deine Gedanken betend vor Ihm zu wiederholen, als wenn Er' s nicht wüsste, und du es Ihm nun sagen müsstest, damit Er's auch wisse. Dabei meint man oft auch, man müsste seine Stimme recht laut und beweglich machen, müsste gar aus allen Leibeskräften kämpfen und ringen mit Gott, bis Er erweicht werde, - und ach! wie verkehrt und Gottes unwürdig ist doch das alles! Lernen wir doch da kindlicher sein, wie es der HErr in unserem Spruch fordert. Lernen wir es Ihm zutrauen, dass Er alles, auch jeden unserer Gedanken weiß, und dass Ihm die innerste Herzensrichtung genügt, um alles zu tun, was wir bedürfen, wenn wir’s nur einfach vor Ihm aussprechen. Denn die bittenden Kinder sind Ihm ja ohnehin immer die liebsten. (Christoph Blumhardt)
Euer Vater weiß, was ihr bedürft, ehe denn ihr ihn bittet.
Wir sollen beten, nicht in der Absicht, Gott über den Zustand unsers Herzens und unser Verlangen erst weitläufig zu belehren und ihn dadurch zur Abhilfe zu zwingen: nein, Gott kennt unser Bedürfnis viel früher bereits, als wir es fühlen. Wir sollen beten, nicht um Gottes- sondern um unsertwillen; beten, weil Gott schon weiß, was wir bedürfen, und weil er, ohne dass wir unserer Bedürftigkeit bewusst geworden sind und diese gläubig verlangend gegen ihn ausgesprochen haben, es uns nicht geben kann.“ „Aber,“ könnte man einwenden, wenn Gott schon alles weiß, was wir bedürfen, ehe wir ihn darum bitten, und ohne dass wir ihn darum bitten: dann hätten wir ja eigentlich gar nicht mehr nötig zu beten? wozu ihm erst noch sagen, was er längst schon weiß, und längst besser weiß, als wir es ihm je aussprechen können?“ So spricht der Unglaube, und wenn irgendwo Unglaube, Aberglaube und Glaube recht bestimmt in ihrem Unterschiede hervortreten, so ist es gerade beim Gebet. Der Unglaube leitet aus Gottes Allwissenheit die Überflüssigkeit und Nichtigkeit des Gebets ab, und nach seinem Urteil ist daher auch das Beten die größte Lächerlichkeit und Narrheit. Der Aberglaube verlangt von Gott Erhörung, nicht um der göttlichen Gnade willen, sondern wegen seines Gebets, wegen seines oft gedanken- und gottlosen Werks, der Glaube aber betet, weil Gott der Allwissende, der Heilige, der Gnädige ist, weil Gott schon vor dem Beten weiß, was der Mensch zu beten hat, weil er das ihm wohlgefällige Gebet selbst wirkt und erfüllt. Ist es schon für uns tröstlich, wenn derjenige, dem wir unsern Kummer entdecken, unsere Lage schon kennt und fühlt, und wir ihm nicht erst alles haarklein zu erzählen brauchen: um wie viel tröstlicher und erquicklicher ist es, dass der Vater im Himmel schon alles weiß, was wir ihm sagen; dass wir nie über etwas Fremdes, sondern allezeit über etwas ihm schon Bekanntes mit ihm sprechen; dass wir von vornherein wissen: An dieser Gnadentür klopfst du nicht vergebens an; hier brauchst du keinen Zweifel zu hegen, ob er dich auch hören und erhören wolle, werde und könne; hier kannst du mit vollem Vertrauen und mit ganzer Zuversicht hinzutreten; denn du tust ja nur, wozu er dir gnädige Erlaubnis gegeben, was er dir aufs Bestimmteste geboten und wozu er dich unzählige Male aufgerufen hat; wolltest du da zurück bleiben und nicht tun, was er verlangt, so würdest du ihn verachten und nicht für den Geber alles dessen, was dir nötig ist, anerkennen. Der Christ betet demnach nicht um Gottes willen, um ihm mit seinem Gebete einen Dienst zu tun, sondern um seiner selbst willen. Gottes Allwissenheit ist ihm der Trost, dass er nicht falsch und unerhörlich bittet, und treibt ihn erst recht zum Gebete an. (Fr. Arndt.)