Matthäus 5,45
Andachten
Er lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
Die Tatsache, die Jesus hier beschreibt, ist offenkundig und unbestreitbar. Die Natur gibt jedem die Lebensmittel, ob er gerecht oder ungerecht mit ihnen verfahre, ob wir boshaft oder gütig an den Menschen handeln. Wir empfangen nicht sofort und sichtbar auf unserem Acker den Lohn für unsere Bosheit. Auch die von oben kommenden Gaben, ohne die es keine reifende Ernte gibt, Sonne und Regen, werden mir deshalb, weil ich gottlos bin, nicht entzogen. Die Natur, sagen wir, tut das; die Natur fragt nicht nach unserem sittlichen Verhalten. Damit machen wir den Tatbestand, von dem Jesus spricht und den wir alle sehen, für unser eigenes Verhalten unwirksam. Nein, sagt Jesus, nicht die Natur ernährt dich. Gott gibt dir Licht, Wärme und Wasser, ohne die keine Ähre reift. Die Natur tut es, weil Gott es tut. Gönnte er dir dein Brot nicht, weil du boshaft und ungerecht bist, so schiene dir keine Sonne und tränkte deinen Acker kein Regenguss, und jetzt bekommt der einfache Tatbestand, den wir immer vor Augen haben, für uns die größte und furchtbarste Wichtigkeit. Was zeigt uns hier Gott? Gebende Güte, die sich nicht ändert, wenn ihr der Dank versagt wird, Unermüdlichkeit der Liebe auch gegen den, der boshaft und ungerecht ist. Wie fremd ist uns das, so fremd, dass der Tatbestand, an dem uns Jesus die Weise Gottes zeigt, uns oft zum Anstoß wird. Sind es nur die alttestamentlichen Frommen gewesen, die verblüfft, ja geärgert sahen, dass es auch Gottlosen wohl ging? Kennen wir diesen Anstoß nicht? Jesus hat das als die Vollkommenheit des Vaters gepriesen, dass er aus der Natur die reiche Vorratskammer machte, aus der ich holen kann, was ich brauche, auch dann noch, wenn ich aus mir einen gottlosen und boshaften Menschen gemacht habe. Die Weise des Vaters wiederholt sich im Verhalten seiner Kinder. Ihr habt, sagt Jesus, in Gott eine Güte vor Augen, die vor der Bosheit nicht verschwindet und der Feindschaft gegenüber die gebende bleibt. Nun wisst ihr, woran man Gottes Kinder erkennt und wie ihr solche werdet. Eure Liebe wartet immer auf die Liebe der anderen und geht unter, wenn euch die anderen sie versagen. So dient eure Liebe euch selbst und bleibt von eurer Eigensucht beherrscht. Gottes Liebe rechnet nicht auf Gegenleistung; sie ist frei und ganz.
Du siehst, Herr Christus, alles mit neuen Augen an, auch das, was wir beständig sehen. Denn Du siehst alles mit den Augen der Liebe an, der völligen und reinen. Darum bist Du für uns das Licht des Lebens. Führe mich dadurch ins Leben, dass Du mich zum Lieben bringst. Amen. (Adolf Schlatter)
Euer Vater im Himmel lässt Seine Sonne aufgehen über Böse und Gute.
Wenn dieses unser Vater im Himmel tut, wenn Er die Sonne, die Seine Sonne ist, über böse und gute Menschen aufgehen, wenn Er den Regen, den Er allein in Seiner Gewalt hat, auf die Felder der Gerechten und Ungerechten fallen lässt, wenn Er also, wie Lukas Kap. 6,35. schreibt, über die Undankbaren und Boshaftigen gütig ist: was sollen dann wir tun, die wir Kinder dieses himmlischen Vaters heißen wollen? Wir sollen auch gegen böse und gute, gegen gerechte und ungerechte, ja auch gegen undankbare und boshafte Menschen liebreich, freundlich und gütig sein und gegen keinen Menschen eine feindselige Bitterkeit in uns haben. Die Sünde sollen wir hassen, und damit bei uns selber den Anfang machen, übrigens aber die bösen Menschen als Gottes Geschöpfe, als Leute, die, wie wir selbst, durch Christum erlöst und zur Seligkeit berufen sind, ja als unsere Brüder (weil wir Alle von Einem Stammvater herkommen) lieben. Wenn sie sich auch gegen uns feindselig beweisen, so sollen wir nicht aufhören, sie zu lieben; denn Christus verwarf die Lehre der Pharisäer, nach welcher man nur seinen Freund für seinen Nächsten halten und lieben sollte, seinen Feind aber hassen durfte, und sprach dagegen mit großem Ernst: Ich sage euch: liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Wer kann aber dieses Gebot des HErrn Jesu halten? Niemand, als wer den Heiligen Geist, als den Geist der Kraft und der Liebe und der Zucht empfangen hat, und in dessen Herzen die Liebe Gottes durch eben diesen Geist ausgegossen, und unter Anderem auch der Spruch klar geworden ist: wir sind Gott versöhnt durch den Tod Seines Sohnes, da wir noch Feinde waren, Röm. 5,10. Dass nämlich Gott Seine Sonne über Böse und Gute aufgehen lässt, ist etwas Großes; noch größer aber ist jene andere Erweisung Seiner allgemeinen Güte, von welcher der Heiland in der Bergpredigt wegen der Beschaffenheit Seiner Zuhörer noch nicht reden konnte, und welche darin besteht, dass Gott die Welt also geliebt hat, dass Er Seinen eingeborenen Sohn gab; dass Christus sich für Alle zur Erlösung gegeben, und sie Gott durch Seinen Tod versöhnt hat. Wer waren wir, da uns Gott als Solche ansah, welche dieser Erlösung und Versöhnung teilhaftig werden sollen? Wir waren Sünder, nichts als Sünder, ja gar Feinde Gottes. Hat nun Gott Seine Feinde also geliebt, so sollen wir auch unsere Feinde liebe, die sich ohnehin bei Weitem nicht so sehr wider uns vergangen haben, wie wir gegen Gott. Wenn die Lehre Christi allenthalben auf dem Erdboden angenommen und befolgt würde, so würde allenthalben Friede, Wonne und Glückseligkeit ausgebreitet, weil sie eine allgemeine Liebe gebietet und pflanzet. Der Satan aber übt noch bei den Kindern des Unglaubens eine große Gewalt aus und erfüllt sie, weil er selbst in einem finstern Grimm lebt und Gottes und der Menschen Feind ist, mit Hass, Neid und Zorn, wovon sowohl derjenige, der den Anderen hasst, als auch derjenige, der gehasst wird, Schaden und Unlust empfindet. Doch hat Kain, der seinen Bruder Abel hasste, sich selber mehr geschadet, als seinem Bruder, ob schon er diesen um sein zeitliches Leben brachte. Gott erzeige mir Seine Gnade, dass ich auch heute in der Liebe und im Licht wandeln könne. (Magnus Friedrich Roos)
Auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn so ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und so ihr euch nur zu euren Brüdern freundlich tut, was tut ihr sonderliches? Tun nicht die Zöllner auch also?
Auch in der Welt gibt es Liebe. Es ist dies aber eine selbstsüchtige Liebe. Ein unwiedergeborner Mensch sucht auch da, wo er sich liebend hingibt, doch nur sich selbst, seinen Nutzen und Genuss für sich. Ein wiedergeborner Mensch aber, ein Christ, den Gottes Geist regiert und Christi Sinn erfüllt, der liebt, wie sein himmlischer Vater und sein göttlicher Meister, ohne alle Selbstsucht, auch da, wo er weder auf Erkenntlichkeit noch irgendwelchen Genuss rechnen kann. Er rechnet überhaupt nicht, sondern die Liebe treibt ihn, aus Liebe liebt er. Er liebt auch seinen Feind. Denn so tut es sein himmlischer Vater, dessen Kind er wieder geworden ist und dessen Sinn er hat. Waren wir einst nicht auch allzumal Feinde Gottes und widerstrebten seinem Heiligen Geist? Widerstrebt nicht auch jetzt noch dein alter Mensch in dir dem Zuge des Geistes? Aber in der Kraft Gottes trittst du ihn jetzt unter die Füße. Denn die Liebe Gottes ist dir ins Herz gedrungen, und du vermochtest nicht, dich dem sanften und doch so starken Zuge des Vaters zum Sohne und des Sohnes zum Vater zu entziehen und nicht einzuwilligen aus einem Feinde Gottes, sein Kind zu werden. Bist du es nun geworden, wie solltest du denn nicht, bei dem neuen Sinn, der dir als Gottes Kind gegeben worden ist, deine Feinde als deine Freunde lieben? Wie solltest du wohl, nachdem dir Zehntausend Pfund von deinem himmlischen Vater erlassen worden sind, mit deinem Mitknecht um hundert Groschen hadern wollen? Nein, aus Dankbarkeit, weil Gott dich, der du doch sein Feind warst, zuerst geliebt hat, liebst du Ihn nun auch wieder in deinen Brüdern, auch wenn sie deine Feinde sind. Denn dein himmlischer Vater liebt auch alle deine Brüder, die bösen und die guten, und lässt seine Sonne jenen wie diesen aufgehen und lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte. Und hat doch Niemand unter allen Lebenden einen Anspruch auf diese Sonne, weil sie Gottes ist, oder auf seinen Regen, weil er sein Werk ist. Aber unermüdlich spendet Er diese seine Wohltaten allen Menschen, denen, die es erkennen und denen, die es nicht erkennen, aus lauterer göttlicher Liebe. Wie solltest du, ein Kind Gottes, nicht auch die lieben, die dein Vater im Himmel liebt und ihnen deine Liebe beweisen? Denn so du nur die liebest, die dich lieben, was wirst du für Lohn haben? Du hast auf keinen Lohn Anspruch, da dir zuerst Liebe erwiesen wurde und du den Dank darauf schuldest. Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und so ihr euch nur zu euren Brüdern freundlich tut, was tut ihr Sonderliches? Tun nicht die Zöllner auch also? Gott aber liebt immer nur Sünder, die, wenn sie auch wieder seine Kinder geworden sind, Ihn mit ihren Sünden doch immer wieder betrüben. So liebe denn auch du, als ein Kind, das seines Vaters Art hat, deine Feinde, und rechne nicht darauf, dass sie deine Liebe würdigen oder dadurch deine Brüder und Freunde werden. Erwarte von deiner Feindesliebe keinen andern Lohn und Erfolg als den, dass Gottes Wohlgefallen und Gnade auf dir ruht. So wird Gottes Friede hier schon auf dir ruhen und was du hier im Verborgenen getan hast, wird Er dir dereinst vergelten öffentlich. (Anton Camillo Bertoldy)