Matthäus 5,42
Andachten
“wende dich nicht von dem, der dir abborgen will.“
Im Morgenland und zur Zeit Jesu spielte das Geld noch nicht die Rolle wie heute bei uns, und darum kann ich mir wohl denken, dass hier das bedingungslose Borgen von Gegenständen gemeint sein mag, deren Versagen mehr eine engherzige Unfreundlichkeit war. Ein Pfarrer schrieb mir vor vielen Jahren, als ihm sein Haus mit allem Zubehör durch Blitzschlag verbrannt war, so dass keine Stecknadel gerettet wurde: „Mir taten am meisten die mancherlei Nebensachen leid, die wir nicht zum täglichen Bedarf brauchen. Wieviel Freude hätte man damit machen können, wenn man sie sich vorher vom Herzen gerissen hätte! Manches davon hätten wir armen, notleidenden Gemeindegliedern nicht borgen wollen, obschon die der Sachen bedurften. Jetzt hielt uns der Herr eine Predigt über das großherzige Weggeben und Leihen von Sachen, die wir nicht nötig hatten!“ Das wäre mal ein gewaltiger „Hausputz“, wenn man nur die zurückgestellten, etwas schadhaft gewordenen Gegenstände kurzerhand an arme Familien verteilen wollte. Dabei brauchten wir auf unsere Bequemlichkeit noch gar nicht zu verzichten, sondern würden nur Dinge los, die außer dem wirklichen Gebrauch ständen! Los von Sachen, gebunden an Jesus!
Du bist unseres Herzens geheime Lust, Herr Jesu! Dann mache du uns los von Dingen, die andern noch eine Freude machen oder einen wichtigen Dienst tun können. Erziehe uns von der Enge zur Weite! Amen. (Samuel Keller)
Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht von dem, der dir ab borgen will.
Also auch dem Kinde, wenn es darum bittet, das Messer? also auch dem Selbstmörder das Gift, das er verlangt? und dem Verschwender das Geld, das er durchbringen will? und dem Betrüger, der vom Borgen lebt, ohne je auf die Bezahlung bedacht zu sein? Natürlich, nein! solche Ausnahmen und Einschränkungen des allgemeinen Gebotes verstehen sich von selbst, und lehrt der Geist Gottes leicht unterscheiden. Es wäre Raserei und Wahnsinn, wenn wir dergleichen Zumutungen die Hand bieten wollten! Dadurch würden wir ja nichts Gutes, sondern nur Böses tun, und an Leib und Seele dem Nächsten schaden. Jedem geben wollen, was er verlangt, hieße bettelnde Bösewichte bilden und erziehen; hieße Missbrauch treiben mit den Mitteln und Gaben, die uns der Herr anvertraut hat. Auch die heilige Schrift schränkt an anderen Stellen das Gebot der Wohltätigkeit ein. So, wenn der Apostel Paulus bei Gelegenheit der Einsammlung einer Kollekte für die armen Christen zu Jerusalem an die Gemeinde zu Korinth schreibt: So Einer willig ist, so ist er angenehm, nach dem er hat, nicht nach dem er nicht hat„ (2. Kor. 8, 12-14). So, wenn er den Thessalonichern vorschreibt: „Wir gebieten euch in dem Namen unseres Herrn Jesu Christi, dass ihr euch entziehet von allem Bruder, der da unordentlich wandelt, und nicht nach der Sahung, die er von uns empfangen hat; denn so Jemand nicht will ar beiten, der soll auch nicht essen“ (2. Thess. 3, 6. 10. 12). So, wenn er den Galatern ans Herz legt: „Als wir denn nun Zeit haben, so lasst uns Gutes tun an Jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen“ (Gal. 6. 10). So, wenn er seinem Timotheus Für die ihm übergebene Gemeinde zu bedenken gibt: „So Jemand die Seinen, sonderlich seine Hausgenossen, nicht versorgt, der hat den Glauben verleugnet und ist ärger, denn ein Heide“ (1. Tim. 5, 8) Das sind alles Ausnahmen, die Jesus hier nicht erwähnt, weil sie sich Beim rechten Einklang der Weisheit und der Liebe von selbst verstehen, und weil er hier nur den Geist im allgemeinen angeben will, der seine Jünger, sofern sie das Salz der Erde und das Licht der Welt sein wollen, allezeit erfüllen soll. Die Anwendung auf den jedesmal vorLiegenden Fall bleibt dem Einzelnen überlassen; die Regel aber lautet: Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht von dem, der Dir abborgen will, oder wie es schon im alten Testamente hieß: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die, so im Elend sind, führe in dein Haus; so du Einen nackend siehst, so kleide ihn, und entziehe dich nicht von deinem Fleisch“ (Jes. 58, 7). (Fr. Arndt.)