Matthäus 5,20
Andachten
Ich sage euch, es sei denn eure Gerechtigkeit besser, denn der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
Man lese, was der Heiland zur Erläuterung dieses seines Ausspruchs selber V. 21-48 ausführt, und man wird sich überzeugen, dass es Gott genau nimmt mit unseren Werken und mit unseren Worten und mit unseren Gedanken. Wie not tut es also, dass wir wachen und beten, damit wir nicht an unserer Seele Schaden leiden und das Missfallen und die Strafen Gottes auf uns laden! Wie not namentlich in dieser argen Zeit, wo die Versuchungen zum Argen gehäuft sind, zu beten: wache über mich, über mein Herz, über meine Worte, über meine Handlungen, über meine Augen, über meine Glieder, dass ich sie nicht zu Waffen der Ungerechtigkeit brauche, sondern zu Waffen der Gerechtigkeit; halte selbst dein schwaches Kind, das ja ohne dich keinen Schritt tun kann, halte meine Augen, holder Freund, in dieser Zeit, dass sie nichts zu sehen taugen, als den Tag der Ewigkeit! Denn ein rechter ganzer Ernst wird von uns gefordert, sonst nichts, alles Übrige tut der Heiland durch seine Liebe, die ihn in Not und Tod getrieben hat für uns. - Wer die Schärfe des Gesetzes Gottes erkennt und sich darunter demütigt, der hat aber noch einen ferneren Nutzen, es gereicht ihm zur Aufdeckung seiner Sünde, zu immer gründlicherer Selbsterkenntnis. Das ist ja eben der Grund, warum die Sekte der Pharisäer nicht ausgestorben ist, warum so viele Menschen im Tode liegen bleiben, in ihrem Werkruhm, in ihrer Selbstgerechtigkeit, warum sie sich bei aller Sünde, wenn oft ihre Nächsten gar viel über sie zu klagen hätten, doch für gut, für so gestaltet halten, dass sie des Himmelreichs wert seien, sie beurteilen sich nach ihrem eigenen Gutdünken und nicht nach den Geboten Gottes, oder sie legen die Gebote Gottes nach ihrem Gutdünken aus und nicht so, wie sie der Heiland ausgelegt hat und wie sie ausgelegt sein wollen. O sieh doch nur einmal in das Gesetz Gottes hinein, sieh einmal ab von deinen eigenen Gedanken und betrachte, wie dich Gott beurteilt nach der Bergpredigt, und du wirst dein Herz, das du noch für gut hältst, anders kennen lernen, du wirst nicht mehr nach Pharisäer Art verächtliche Worte über deine Mitmenschen fallen lassen, die über gewissen Sünden öffentlich bestraft worden sind, du wirst sehen, dass du dasselbe in dir hast. (Ludwig Hofacker)
Spricht hier Jesus wirklich das Todesurteil über die ganze pharisäische Schar? Schließt er sie alle von seinem Reich aus? Wäre das sein Wille, so müsste die Christenheit tief erbeben. Denn die Antwort auf die Frage, ob ihr Gottesdienst höher stehe als die pharisäische Frömmigkeit, ist nicht leicht zu finden. Es gibt auch unter uns viele, deren Anteil an der Kirche darin besteht, dass sie „die religiösen Pflichten“ erfüllen, viele, die nur durch die Sitte der Gemeinde zusammenhängen, die Taufe begehren, weil die Sitte es verlangt, und am Grabe beten lassen, weil es üblich ist. Auch bei uns haben manche gelernt, was Frömmigkeit sei, und wissen dies auch darzustellen, bleiben aber inwendig zerrissen und legen die christliche Tracht über ihren inneren Jammer, und für manche besteht ihr Christenstand in ihrer Theologie, sie sei überliefert oder selbst erworben, nach der pharisäischen Weise: Du lehrst die anderen, aber dich selber nicht. Soll über diesen allen das Urteil Jesu stehen: ihr kommt nicht in das Himmelreich hinein, so drängte es auf unsere Lippe die bange Frage, die einst die Jünger aus ihrem erschütterten Herzen hervorstießen: Wer kann dann selig werden? Aber vom Schicksal der Pharisäer spricht Jesus in diesem Wort nicht, sondern vom Schicksal seiner Jünger. Ihr, sagt Er, müsst etwas anderes sein als die, die in der Schule fromm sein lernten, ihr etwas anderes als die, die nur der Ritus bei der Gemeinde erhält, ihr etwas anderes als die, die nur das Gesetz kennen und es eifrig einüben, weil es ihnen zum Verdienst vor Gott verhilft. Ihr meine Jünger, kommt so nicht in Gottes Reich hinein. Ihr habt anderes empfangen und darum auch eine heiligere und herrlichere Pflicht. Ihr habt an mir den Sohn Gottes gesehen und das bedeutet: ihr habt Gottes Gnade geschaut, die den Glauben schafft und das Herz durch den Glauben reinigt und die Liebe gibt. Ihr dürft nicht sagen: so war es immer in Israel üblich gewesen und so hat es der Meister in der Schule befohlen. Ihr habt auf mich zu hören, nicht auf das, was zu den Alten gesagt wurde, sondern auf das, was ich euch sage, und werdet nicht ins Himmelreich kommen, wenn ihr nicht eine bessere Gerechtigkeit habt als die, die auch die anderen haben. Mit ihrem eigenen Schicksal hat Jesus seine Jünger beschäftigt und ihnen den Ernst ihrer Lage enthüllt, in die sie als die Seinen, als die zum Himmelreich Geladenen, versetzt worden sind.
In Deinem Wort und Willen, Herr Christus, sind die Gnade und die Gerechtigkeit vereint. Das von dir gegebene Pfund soll sich mehren und die von dir ausgestreute Saat reifen. Deine Gerechtigkeit, mit der Du die anderen richten wirst, ist Dein Geheimnis; wird es offenbar, so zeigt es Dich in Deiner ganzen Majestät. Dein Wort heißt mich achthaben auf mich selbst und treu sein in dem, was Du mir gabst. Das ist mein Verlangen und mein Gebet. Amen. (Adolf Schlatter)
Denn Ich sage euch: es sei denn eure Gerechtigkeit besser, denn der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
Es bleibt uns nichts übrig, als eine bessere Gerechtigkeit zu suchen, als die der Schriftgelehrten und Pharisäer war, nämlich die, welche man im Glauben an Christum findet. Nein! Nichts anderes bleibt uns übrig, als in Ihm, auf dessen Namen wir getauft sind, den anzuerkennen, den Gott uns nach Seinem unergründlichen Erbarmen zum Retter, Erlöser und Heiland geschenkt hat, mit dem festen Vertrauen, weil er es uns zugesagt hat, dass wir, so wir an Ihn glauben, nicht gerichtet werden sollen, wie wir es verdient haben, dass dann Gott um Seinetwillen uns die Sünden vergeben und uns Christi Gerechtigkeit zurechnen will, als ob es unsere eigne wäre. Also Gnade, Gnade suchen bei Christo, das ist das Weiseste und Klügste, was wir tun können. Weg mit aller pharisäischen Werk- und Selbstgerechtigkeit! Tun wir das, ergreifen wir Christi Retterhand, die Er uns entgegenreicht, blicken wir nur auf ihn, folgen wir Ihm nur nach: dann sind wir nicht mehr, weder des Gerichts nach des Rats, noch des höllischen Feuers schuldig; dann wird die Liebe zu Ihm uns den rechten Hass gegen die Sünde einflößen; dann wird er uns Kraft darreichen, die Gebote Gottes, wie Er sie uns verstehen gelehrt hat, zu erfüllen; dann wird Lust und Freudigkeit in uns erwachen, gegen die Sünde zu kämpfen und den Willen des Gottes zu tun, der also die Welt geliebt hat, dass Er Seinen eingeborenen Sohn gegeben hat, auf dass alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben! Amen. (Christoph Heinrich Otto Girgensohn)
Denn ich sage euch: Es sei denn eure Gerechtigkeit besser, denn der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
Warum war die Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht gut? warum taugte sie nicht? Weil sie, was sie vom Gesetz anerkannten und hielten, nur dem äußern, groben Buchstaben nach hielten, und damit meinten genug getan zu haben. Sie fragten weder danach, mit welcher Gesinnung sie es hielten, noch ob sie es dem Geiste nach hielten. Sie dachten in der Beziehung wie Unzählige denken, begnügten sich mit dem äußern Werke, brüsteten sich damit, bauten darauf ihre Gerechtigkeit. Aber es kommt bei der Erfüllung des Gesetzes vor allem auf die Gesinnung an, die derselben zu Grunde liegt. Die rechte Gesinnung aber ist in dem Gesetze selbst wieder vorgeschrieben, in dem königlichen Gebote: „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüte and aus allen deinen Kräften. Das ist das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst. In diesen zweien Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“. Um diese Gesinnung kümmerten sich die damaligen Schriftgelehrten und Pharisäer nicht und kümmern sich auch die heutigen nicht. Ihr tut das Gesetz, ihr tötet nicht, stehlt nicht, brecht die Ehe nicht, schwört keinen falschen Eid, ihr lebt äußerlich fromm, ehrbar, gesittet, seid mildtätig, aber warum? Nicht, weil ihr Gott über alles liebt und euren Nächsten als euch selbst, sondern weil euch euer Temperament so treibt, weil ihr so erzogen und gewöhnt seid, aus Pflichtgefühl, aus Eitelkeit, Ehrgeiz, Hoffart, um euch etwas, ja die ewige Seligkeit damit bei Gott zu verdienen. Was sollte diese Gerechtigkeit vor Gott gelten? Vor Menschen mag sie gelten und gepriesen werden, aber vor Gott gewiss nicht. Der sieht das Herz an, dem gefällt nur, was aus reiner, lauterer Liebe fließt. Und darum ist die Gerechtigkeit der Jünger Jesu besser als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, weil sie aus diesem Quell hervorgeht. „Lasst uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt“! Das Wort ist mit der Flammenschrift des Heiligen Geistes in ihr Herz geschrieben, und was sich an diese Liebe von Staub und Schmutz der Sünde, der auch in ihnen noch wohnenden Eigenliebe ansetzt, das hassen, das verabscheuen, das tun sie ab im Blute Christi. (Ludwig Josephson.)
Ich sage euch: Es sei denn eure Gerechtigkeit besser, denn der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
Gerecht kann ich nur sein, wenn ich dem göttlichen Gesetze genügt habe. Es kommt aber dabei gewaltig auf die Auslegung des Gesetzes an. Du kannst es nach dem Buchstaben und nach dem Geiste auffassen. Wie handelten die Pharisäer in der Auslegung von Gottes Gebot? Wir sehen es am fünften. Das heißt: „Du sollst nicht töten.“ Sie finden nichts darin, als was der Buchstabe sagt: Du sollst Keinen totschlagen. Damit sind sie fertig. Was im Innern vorging, darauf sollte es keinen Bezug haben. In den Gedanken konnte einer ein zehnfacher Totschläger sein, das schadete Nichts. Ob das Herz springen wollte vor Groll, ob die Augen Funken sprühten, und die Worte spitz und scharf wie Dolche dem Anderen in die Seele fuhren, das war ihnen einerlei. Diese Pharisäer waren fleißig im Gebet. Sie versäumten kein Morgen- und Abendgebet, kein Tischgebet. Die Meisten beteten des Tages siebenmal. Die rechte Länge hatten ihre Gebete auch, eine strenge Miene machten sie auch. Aber die liebe Demut, diese Seele alles Gebets, fehlte wiederum. Diese Pharisäer bringen ihren Zehnten, ihre Opfer. Diese Opfer waren die ausgesuchtesten Tiere. Sie hätten sich geschämt, ein lahmes oder krankes zu opfern. Sie schämten sich aber nicht, unter dem Vorwand der Fürbitte und des Opfers der Witwen Häuser zu fressen. Die Sabbattage und Feste hielten sie. Es sollte an ihnen nicht einmal ein Kranker geheilt werden, nicht einmal ihr Todfeind Christus am Kreuz hangen. Doch den reinen, unbefleckten Gottesdienst vor Gott dem Vater, das Besuchen der Witwen in ihrer Trübsal, ließen sie dahin gestellt.
Herr mein Gott, behüte mich, dass ich deine Gebote nicht fasse nach armer menschlicher Sprachlehre, die sich begnügt bei dem äußern Sinne. Herr Jesu, lege uns selbst das Gesetz aus. Lege es uns aber auch ein in unser Herz, damit wir nicht bleiben bei dem Wissen, das aufblähet, sondern zu der Liebe kommen, die aufbaut. Segne uns, Herr, den heutigen Tag. Nimm uns hin, dass wir im Geist vor dir stehen und durch den Geist, der die Tiefen der Gottheit erforschet, in die Tiefen deines Willens, unserer Sünde und deiner Gnade geführt werden. Amen. (Friedrich Ahlfeld)
Es sei denn eure Gerechtigkeit besser, denn der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
Wir haben gestern gesehen, wie äußerlich die Pharisäer die Gesetze auffassten. Und doch müssen wir, wenn wir in unser Geschlecht hineinsehen, an diesen Pharisäern noch mit gewaltigem Respekt in die Höhe blicken. Es ist wahr, Hochmut und Habgier hatten in ihnen ihre Wohnungen aufgeschlagen, wie Geier und Uhus in hohen faulen Eichen. Aber ein Ernst war doch noch in den Leuten. Gottes Wort hatte ihnen noch eine Geltung. Sie hingen selbst bei ihrem armseligen Verständnis des Gesetzes so fest an demselben, dass in den Tagen Herodes des Großen viele Tausende lieber den Tod als die Verspottung und Übertretung desselben gelitten haben. Vergleichen wir mit ihnen unser Geschlecht. Gottes Gesetz gilt Wenigen noch als Gottes Gesetz. Und auch in den Herzen dieser Wenigen hat das Wasser der Zeit die alte Schrift auf Mosis Steintafeln verwaschen, dass sie die scharfen und erhabenen Buchstaben Gottes nicht mehr in ganzer Schärfe und Höhe lesen. Ein armes Restlein von Moses und Christus, vermenget mit den Zeitsünden, macht den Geist aus, nach dem die meisten unserer rechtschaffenen Leute ihre Gerechtigkeit messen. Ein gewisser Lebensanstand wird erfordert. Die Sünde darf nicht so wüst oder öffentlich hervorbrechen, dass man sich in guter Gesellschaft unserer schämt. Sie darf nicht so ausschreiten, dass unser Beruf, unser gewöhnliches Leben oder die Gesundheit darunter litte. Zum Genuss gehört es, dass das Elend der Armen nicht so grell in unsere Freude hineinschreit. Sie müssen bedacht werden. Die Freiheit bringt es mit sich, dass Jeder glauben kann, was er will. Das ist der Geist, mit dem heut zu Tage von der großen Masse das Gesetz aufgefasst wird. Dieser Geist der neuen Pharisäer ist viel ärmer und flacher als der Buchstabe der Alten.
Herr, behüte uns vor solchem Pharisäergeist und gib uns deinen Geist der Wahrheit in allem, was wir reden und tun. Mache uns aufrichtig und fromm. Pflanze deine Wahrheit auch wieder in unser Volk, dass der Geist der Lüge, welcher es beherrscht, weichen müsse vor ihrer Macht. Schaffe wieder Ehrfurcht vor deinem Gesetz und Liebe zu deinem Worte, damit uns dereinst die Pforte des Himmelreiches nicht verschlossen bleibe. Amen. (Friedrich Ahlfeld)