Matthäus 3,11
Andachten
“Der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.“
Johannes hat's versprochen - Jesus hat's erfüllt. Die für solche Gabe innerlich Zugerüsteten empfingen sie damals zu Pfingsten als eine erschütternde, belebende, sie erfüllende Kraft. Merkwürdig, dass heute so viel Christen verlegen schweigen, wenn man sie fragt, ob sie den Heiligen Geist haben. Brennt denn in ihren Seelen nicht das Feuer, das sie scheiden will von der Sünde? Wirkt denn in ihnen nicht der Geist den Glauben an Jesus, den Sohn Gottes und ihren Heiland? Aber es mag daran liegen, dass man irgendwas für außerordentliche Erscheinungen und Kräfte vermisst und meint, so müsse der Geist sein Kommen bekunden, wie beim ersten Pfingsten. Das ist falsch. Man kann ihm, wie Gott, nur nachsehen: an seinen Wirkungen offenbart es sich, ob er da ist. Aber diese Wirkungen müssen heute sittlicher und religiöser Art sein - nicht in sinnfälligen Zeichen. Niemand kann Jesus einen Herrn heißen ohne durch den Heiligen Geist. Das ist die Hauptsache, dass der Geist unsere Stellung zu Jesus neu und lebendig und wirksam macht. Mehr will er nicht, als dass Jesus recht erkannt und geliebt und angesehen werde. Und das kannst du doch freudig bejahen, der du Jesum liebst und keinen Tag mehr leben kannst ohne ihn.
Wir danken dir, Herr Jesu, dass dein Feuer brennt, dass dein Geist wirkt, dass wir an dich glauben dürfen und dich lieben können. Werde du uns immer mehr und erfülle uns mit deiner Art zu deiner Ehre. Amen. (Samuel Keller)
Ich taufe Euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker, denn ich, dem ich auch nicht genugsam bin, Seine Schutze zu tragen, der wird Euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.
Ich taufe Euch mit Wasser zur Buße.“ Das war immerhin ein hohes und herrliches Amt. Es ist immer etwas Großes, wenn das heilige Gesetz Gottes sein ernstes Amt an dem Menschen auszurichten vermag, wenn es seinen Tugendstolz zu Boden wirft, und ihn mit allen Selbsttäuschungen und Rechtfertigungen so in die Enge treibt, dass er sich als einen armen Sünder erkennen und auf Gnade und Ungnade seinem Richter ergeben muss. Wenn dann die Tränenwasser der Buße aus dem geängsteten und zerschlagenen Herzen hervorbrechen, und das Angesicht überströmen, dann hat Johannes in einer solchen Seele sein Werk ausgerichtet. Und wer weiß denn, ob, wenn er heute in unserer Mitte auftreten würde, dann eben so, wie damals, die Scharen der geängsteten Seelen zu Tausenden sich um ihn sammeln würden. Denn das Wort: „Wir sind allzumal Sünder, und mangeln des Ruhmes,“ - es scheint in unseren Tagen seinen Stachel verloren zu haben. Eben die Allgemeinheit der Wahrheit erleichtert das Zugeständnis, und verhindert die Wirkung. Man tröstet sich an den Andern. Wenn sie Alle Sünder sind, meint man, was ist's denn, wenn ich aussehe, wie die Andern Alle? und so gehen Tausende in ihren erkannten Sünden hin, ohne dass man auch nur ein leises Bemühen bei ihnen spüren könnte, dem verheerenden Strome des sittlichen Verderbens eine Schranke zu setzen. - Darum ist es immerhin schon ein Großes, wenn einem Menschen seine Sünden recht wehe tun, wenn sie die Tränen der Buße ihm auspressen. Denn mit solchem Schmerze Hand in Hand geht die Sehnsucht nach Heiligung, nach Erlösung. Wenn in einer Seele erst die tiefen Seufzer aufwachen: „ach, wenn ich doch recht gut sein könnte!“ wenn diese Seufzer zu heißen unermüdlichen Gebeten werden: „Herr, befreie Dein Kind aus den Banden der Sünde; mache mir Dein Gesetz lieb und wert; drück's mir in Herz, dass ich das Gute tun muss, dass ich nicht anders kann“ - dann ist Johannes, der strenge Richter, der Engel geworden, als wie ihn die Schrift geweissagt hat, (Mal. 3, 1) der dem irrenden Schäflein die Wege aus der Wüste herausweiset bis zu dem guten Hirten, von dem geschrieben steht: „Er wird Euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.“ - Geistes- und Feuertaufe: wer kann das fassen? Aber weil wir es eben nicht begreifen können, sondern es nur erfahren dürfen, so wollen wir uns auch daran genügen lassen: Es gibt eine Geistestaufe, da Gottes Geist, wie Er einst den Menschen-Leichnam anhauchte, dass er eine lebendige Seele ward, in ähnlicher Weise das innere Leben der Seele anrührt, und es in heilige Gluten eintaucht, die alles Sündige verzehren und alle gebundenen Kräfte des Guten frei machen. Nun, liebe Seele, wenn in diesen stillen, trüben Adventstagen der Druck deiner Sünde schwer auf dir lastet, und das Sehnen nach der Feuer- und Geistestaufe in dir aufwacht, dann gehe alle Tage in dein Kämmerlein, und bitte um immer reichlichere Ausgießung des Heiligen Geistes; der Herr wartet deines Gebetes; Er sehnt sich selber darnach, in der Geistestaufe Seiner Kinder diese seine eigentlichste Bestimmung zu erfüllen, die Er uns in den Worten bezeugt hat: „Ich bin gekommen, dass Ich ein Feuer anzünde auf Erden, und was wollte Ich lieber, denn es brennt schon!“ (Luk. 12, 49.) (Julius Müllensiefen)