Matthäus 27,5
Andachten
Und er warf die Silberlinge in den Tempel, hob sich davon, ging hin und erhenkte sich selbst.
Judas hatte geglaubt, Jesus werde auch diesmal den Händen der Juden wie schon früher durch ein Wunder entgehen, und dieser Glaube hatte ihm als Pflaster für die klaffende Gewissenswunde gedient, die er sich durch den Gedanken an den Verrat Jesu geschlagen hatte; so wie wir, wenn die sündliche Lust einmal unser Herz entzündet hat und wir noch vor Begehung der Tat die Folgen derselben abwägen, geneigt sind, allerlei Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, die eintreten könnten und welche die böse Folgen der bösen Tat hindern würden, für lauter Wirklichkeiten, mit in unsere Berechnung zu ziehen. Denn was man gerne möchte, das glaubt man auch, wenn es an sich auch noch so unwahrscheinlich ist. Aber wie bald zerreißt dieser Schleier, mit welchem unser verblendetes Herz die gefürchtete Wirklichkeit verdeckt hatte. Ein gähnender Abgrund öffnet sich vor unsern Augen, wir sehen uns am Rande desselben, und die unsichtbare Macht des Schwindels zieht uns, uns in die grausige Tiefe zu stürzen. Judas sah die Folgen seiner Tat. Er gewahrte, dass sich Jesus binden und gefangen nehmen ließ und sich nicht widersetzte und nicht durch seine Feinde hindurchstrich wie ehedem; er hörte wie das Todesurteil über Jesus gesprochen wurde. Jetzt auf einmal brach die Wunde seines Gewissens auf und wurde brennend; seine Tat, die ihm vorher sehr entschuldbar vorgekommen war, stellte sich ihm jetzt in ihrer nackten Scheußlichkeit vor die Augen, die Selbsttäuschung war dahin, dass er Jesu nur zu einem neuen herrlicheren Wunder die Gelegenheit darbieten wolle, die Silberlinge brannten ihm als Blutgeld in seinen Händen, und so sehr ihr Anblick vorher seine Begierde gereizt, so wenig konnte er ihn jetzt ertragen, er brachte sie eilends zu denen zurück, die sie ihm gegeben, bekannte, dass er unschuldig Blut verraten - und hörte, wie sie die ganze Schuld auf seine Achseln bürdeten: Was geht uns das an, da siehe du zu! Ach, so lohnt die Welt und ihre Lust. Sie reizt uns, nutzt uns aus und wirft uns weg. Das Herz aber ist ein trotziges und verzagtes Ding, wie bei Kain, so auch bei Judas und ach, bei allen Menschen, die sich dasselbe nicht durch die Liebe Christi haben bekehren lassen. Judas kannte Jesu Herz nicht, die Tiefe seines Erbarmens war ihm nicht auf gegangen und darum sah er auch die rettende Hand nicht, die er hätte ergreifen können, sondern wie Kain sagte er sich meine Sünde ist größer, denn dass sie mir vergeben werden könnte, und in wilder Verzweiflung und mit verdüstertem Sinn hob er sich davon und erhenkte sich. Ach, wenn er hätte glauben können an die Vergebung der Sünden, wenn er hätte beten können wie David, wenn er hätte weinen können wie Petrus: Aber er hatte das Vertrauen zu Gott verloren, und wo das dahin ist, und es bricht ein Sturm herein, da werden wir umgeworfen, wie ein entwurzelter Baum. Satan, der ihm ins Herz gefahren, gab dem Judas ein, für ihn sei keine Gnade mehr, und es sei besser sterben, als mit solchem Brandmal im Gewissen leben, und hielt ihm die Schlinge dar und stieß ihn wie der Henker sein Opfer hinein. Denn Satan ist ein Menschenmörder von Anbeginn. Darum ruft Petrus uns zu: Seid nüchtern und wacht, denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. Dem widersteht fest im Glauben. (Anton Camillo Bertoldy)