Matthäus 27,24
Andachten
Da aber Pilatus sah, dass er nichts schaffte, sondern dass viel ein größer Getümmel ward, nahm er Wasser und wusch die Hände vor dem Volk, und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten; seht ihr zu! Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder! Da gab er ihnen Barabbam los; aber Jesum ließ er geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt würde.
Dem römischen Landpfleger galt das Wort eines Dichters aus seinem eigenen heidnischen Volke: „O leichtfertiger Wahn, der des schaurigen Mordes Verbrechen völlig zu tilgen vermeint, waschend die Hand in der Flut!“ Dass er „das Blut eines Gerechten“ vergießt, weiß er wohl, aber „unschuldig“ will er daran sein. Sein menschliches Urteil spricht den fälschlich Verklagten frei; sein richterlicher Spruch, seine mächtige Hand wird gelähmt, gebunden, regiert von Menschenfurcht, Selbstsucht und Sorge des eitlen Lebens. Diese bösen Geister aber erkennt er nicht. Ihre Gewalt hält er für die unwiderstehliche Macht des Schicksals oder vielleicht gar für die Entscheidung der Gottheit. Er sieht das schwere Verbrechen der Kreuzigung Christi, aber nicht auf seinem, sondern auf des Volks Gewissen, und dass er dies mit Wort und bildlicher Tat vor der Welt erklärt, scheint ihm seine Reinigung von aller Schuld zu vollenden. Armer Pilatus, wie hat der Gott dieser Welt deine Sinne verblendet! - Doch viel dunkler liegt der Höllenzauber über den Herzen des blinden Volkes. Ohne Bedenken wollen die Unglücklichen das ungeheure Gewicht der Schuld auf sich nehmen, welches Pilatus von sich zu wälzen meint. Da ist nicht die leiseste Besorgnis eines möglichen Irrtums, nicht die entfernteste Ahnung eines Vergehens, nicht der schwächste Gedanke an die Gefahr, einen Unschuldigen zu erwürgen und Gottes schreckliches Gericht auf sich zu ziehen. So groß ist ihre Sicherheit, so vermessen ihr Trog auf ihr angebliches Recht wider Christum, dass sie die Rache des Allmächtigen ohne Zögern auf sich herniederrufen, wenn sie am Blute Christi sündigen, ja, was ihren Wahn zum Gipfel steigert, nicht nur über sich, O auch über ihre Kinder! - die fürchterliche Nacht der Gewissen, in welche hier unser Auge blickt! Da ist alles Licht erloschen, alle Kraft zu sehen gelähmt und erstarrt! Ach, du Gerechter: dass doch keiner von uns mit der Binde über dem Gewissensauge unter deinem Kreuze stände!
Wir nehmen das Wort des verstockten Haufens ruhig auf unsere Lippen, und es verwandelt sich sogar, wenn Christi Blut uns gedemütigt hat, in ein erquickendes Gebet für unser geängstigtes Gewissen. „Sein Blut sei über uns und unsere Kinder!“ so dürfen wir auch sprechen, und die Rede gewinnt einen andern Sinn vor Gott. Sie meint nicht mehr den Fluch des Mordes, sondern den Segen des Todes Christi. Der Herr hat auch in seinem Sterben nicht gewollt, dass sein Blut sollte Rache schreien über die Missetäter. „Des Menschen Sohn ist gekommen, dass er gebe sein Leben zur Erlösung.“ So spricht er selber. Darum ist die eigentliche Stimme seines Blutes zum Himmel nur: „Gnade, Gnade über die Verlorenen!“ und nur das Ohr der Schuld vernimmt darin den Racheruf. Er vergießt sein Blut eben nur, damit es alle Flammen der Rache auslösche im Himmel und auf Erden, und zu einem Strom der Versöhnung werde, der durch alle Seelen rinnt, und alle Befleckung und somit allen Grund zur Vergeltung auf ewig hinwegnehme. Alle Welt sollte schuldig sein an seinem Blute, aber nicht, damit das göttliche Gericht Grund hätte, alle Menschen zu verderben, sondern die göttliche Barmherzigkeit vielmehr vollkommenen Grund, sie alle zu begnadigen, nämlich sein vollgültig Opfer und zerschlagene Herzen.
Nun, geängstetes Herz, wenn mit solchem Segen das Blut Christi über die Erlösten kommt, weißt du etwas besseres zu bitten für dich und deine Kinder? Schauriger kann kein Ruf sein als eben dieser: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ - aber kennst du einen höheren Wunsch, ein größeres Heil, als seine Gewährung? Ich wüsste kein größeres Leid, als wenn das Blut des Erlösers uns nicht berührte, wenn's auf keine Weise über uns käme, weder zum heilsamen Schrecken noch zum Trost. Wer da fühlt, das ihm das Vergießen desselben zum Fluche zugerechnet wird, der verzage nicht, sondern danke Gott, der wird's ihm bald zum Segen zurechnen. So komme es denn über uns alle, es versenke alle Befleckung und alle Unreinigkeit, alle Schmach, alles Leid, alle Klage, alle Angst, alle Seufzer und Tränen der Erde in seine heilige Tiefe! (Johann Wilhelm Rautenberg.)