Matthäus 26,50
Andachten
Mein Freund, warum bist du gekommen?
So sprach Jesus zum Verräter, als er ihm nahte in Gethsemane. Hätte sich Judas in Ruhe Rechenschaft geben können, dass er wirklich gekommen sei, um unter der Maske heuchlerischer Liebe, aus Geldgier, Jesum zu verraten und den Feinden zu überliefern, vielleicht wäre er zurückgeschreckt; aber er fand keinen Raum mehr dazu. Sehen wir von dem Anlass ab, bei dem die obige Frage zum ersten Male vom Herrn gestellt ward, und denken wir, er richte sie an uns.
Wenn wir in unserm täglichen Gebete vor ihn treten und er uns fragt: Freund, warum bist du gekommen? geben wir uns auch Rechenschaft, warum wir ihm nahen und was unseres Gebetes eigentliches Ziel sei? Mancher müsste die Augen niederschlagen und sich gestehen: ich bin nur gewohnheitsmäßig gekommen, meine Bitten sind mir nicht wirklich ernst, und mein Sündenbekenntnis und mein Verlangen nach Erneuerung kommt nicht aus der Tiefe. Wenn wir des Sonntags zur Kirche gehen und auf den Beginn des Gottesdienstes warten, hören wir wieder die Frage: Freund, warum bist du gekommen? Hast du keine Nebenabsichten, läuft keine Eitelkeit mit unter, kein Schauen nach Menschen? Willst du eine schöne Rede hören? Willst du die Zeit dahinbringen? Oder bist du wirklich gekommen, getrieben von einem Verlangen nach Gott? Willst du Jesum sehen, Jesum hören und dich von ihm mahnen und belehren lassen? Bist du gekommen, um in Gemeinschaft mit andern beten zu können? Ist es dir wirklich um eine neue Kräftigung zu tun? Und wenn das heilige Abendmahl gefeiert wird, so tritt Christus als Hohepriester und Opferlamm zugleich in seinem gebrochenen Leib und vergossenen Blute vor dich und fragt wieder also: Warum bist du gekommen? Könntest du da antworten: Weil ich armer Sünder deiner Gnade und der Gewissheit der Vergebung aufs Neue bedarf, weil ich in allen meinen Vorsätzen keine Kraft finde, darum komme ich, um dich, Herr Jesu, zu empfangen, dass du in mir lebst und wirkst!
Solche Antwort würde er gern hören. Wenn wir die Bibel zur Hand nehmen, um darin zu lesen, so kann ein ausgeschlossenes Ohr wiederum dieselbe Frage hören; ein Mose, dessen Schriften du liest, ein David, ein Paulus, ein Johannes, und am dringendsten Jesus, stellt sie dir. Ists bloße Gewohnheit? Ists Heilsbegier? Suchst du das Lebensbrot als Manna für deinen heutigen Gang? Einem Jünger Jesu wird die gleiche Frage gestellt, sogar wenn er in eine Gesellschaft tritt, ja zu einem Gastmahl und zu einer vergnüglichen Unterhaltung geht: Freund, warum bist du gekommen? Wars deine Pflicht zu kommen? Willst du durch Freundlichkeit ein Salz sein? Willst du Liebe üben? Oder ist es dir um den Genuss zu tun? Willst du lieblos urteilen, die Zeit vertändeln, Schaden leiden und Schaden bringen? Freunde, lasset uns über die Antwort klar werden, wo wir auch hingehen! Klarheit kann nur nützen und wird uns oftmals von verderblichen Gängen zurückhalten und bei gefährlichen, die doch aus Pflicht getan werden müssen, in der Wachsamkeit halten.
Wir danken dir, Herr, dass du uns also frägst; du erweisest dich dadurch als unser Freund. Bewahre uns vor jeder Täuschung und lehre uns kommen und gehen nur im Dienste der Wahrheit und der Liebe, also nur in deinem Namen! Amen. (Rudolf Wenger)