Matthäus 26,42

Andachten

Zum anderen Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist es nicht möglich, dass dieser Kelch von mir gehe, ich trinke ihn denn; so geschehe dein Wille.
So bete auch du, mit herzlichem Vertrauen auf die Allmacht Dessen, bei dem kein Ding unmöglich ist, aber auch mit dem kindlichen Gehorsam, der ohne Murren den eigenen Willen in des Vaters Willen legt: doch nicht wie ich will, sondern wie du willst. Zitternd war Jesus von den Jüngern hinweg zum Beten gegangen; fest und stark kehrt er zurück. Der Held hat seine Rüstung angelegt. Fest und stark geht er nun den Feinden entgegen. „Wacht auf, lasst uns gehen, siehe, er ist da, der mich verrät.“ Und mit seinem bloßen Wort: Ich bins, wirft er die Scharen zu Boden. Da seht, was es heißt: „Auf sein Gebet kam ein Engel vom Himmel und stärkte ihn.“ Wenn denn auch du vor einem bitteren Kelche zitterst, leg ihn bittend in Gottes Hand; gibt er ihn dir doch wieder, so sendet er ihn dann nicht allein. Er sendet die Kraft mit, die zwar den Kelch nicht verändert, aber dich selbst verändert, und die dich die bitteren Tropfen leichter trinken lässt. O darum: „Bete nur, betrübtes Herz.“ Dreimal fällt der Herr auf sein Angesicht in heißem Flehen, dreimal gibt er sich demütig in des Vaters Willen. So bete auch du und halte an am Gebet, bis der Engel auch zu dir vom Himmel hernieder kommt. Bete und flehe in deiner Angst, du wirst nie umsonst beten. Ist es auch nicht möglich, jeden Kelch von dir zu nehmen, so will der Vater dir doch in jeden einen Tropfen seines Trostes gießen. Herr Jesu, lass uns von dir lernen, in Not und Trübsal vor den Vater zu treten. Gib uns alle Tage und auch heute das demütige, gehorsame Herz, das über Allem betet: nicht wie ich will, sondern wie du willst. Dein Wille geschehe. Amen.(Adolf Clemen)


Zum andern Mal ging er wieder bin, betete und sprach: Mein Vater, ist es nicht möglich, dass dieser Kelch von mir gehe, ich trinke ihn denn, so geschehe dein Wille.
„Tapfrer als der Überwinder der stärksten Festung ist der Mann, der sich selber bezwingt,“ so hat schon einer von den griechischen Weisen gesagt. Das war ein schönes Wort, er hat damit aber auch sein eigenes Volk und die ganze alte Welt verdammt. Denn diese Griechen und Römer, die so todesmutig um ewigen Ruhm stritten und sich eine besiegte Welt zu Füßen legten, an dieser Klippe sind sie gescheitert; sich selber konnten sie nicht bezwingen. Dieser Ruhm blieb den stillen Nachfolgern Jesu, aus allerlei Volk und Land, vorbehalten. Sie vermochten es, ihren stolzen Mut und ihre verzagte Leidensscheu, ihren harten Eigenwillen und ihres Fleisches Lüsternheit zu dämpfen und zu überwinden. Hätte man sie aber gefragt: „Woher kommt euch solche Macht?“ sie würden alle hingewiesen haben auf den einen Mann, der im Ölgarten sich selbst bezwang und sein blutendes Herz Gott willig opferte: „Vater, nicht wie ich will…!“

Wer jemals an dem schmerzensreichen Siechbett seines Lieblings gesessen hat und hat es hören müssen, wie sein Kind aus tiefem Wehe heraus flehte: „O, Vater, Vater, hilf mir!“ der mag sich ausdenken, welche Bewegungen die Klagen und Bitten Jesu in dem Herzen des himmlischen Vaters hervorbrachten! Aber vielleicht reden wir törlich? Wer will die Tiefen der Gottheit ergründen? Lernen wir lieber an Jesu selbst. Denn, in der Tat, hier können und sollen wir lernen. Die eigentliche Last, die Jesus trug, die kann und darf ihm ja freilich kein Sterblicher nachtragen. Aber die Art und Weise, wie Jesus sich herausringt aus seinem zermalmenden Wehe, die ist uns zum Vorbild geschrieben; denn nicht durch irgend welche überweltlichen Kräfte und Einflüsse, sondern durch Glauben und Gehorsam, also ganz wie wir, hat Jesus kämpfen und überwinden müssen. Wie so echt menschlich der Kampf Jesu war, erkennen wir auch daraus, dass er sich ganz allmählig nur zu der schmerzlichen Gewissheit, der Kelch des Todes könne nicht vorübergehen, heraufarbeiten kann. Das Schweigen des Vaters ist die Antwort, die ihm zu Teil wird. Erst hören wir: „Vater, es ist dir alles möglich, überhebe mich dieses Kelches, doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“. (Mark. 14,36) Später heißt's: „Mein Vater, ist es nicht möglich, dass der Kelch vorübergehe, ich trinke ihn denn, so geschehe dein Wille!“ Der nur, dem das Ohr aufgetan ist, versteht es, welch ein innerer Kampf, welch ein atemloses Lauschen und angstvolles Warten zwischen diesen beiden Gebeten liegt.

Mit der Anrede: „Mein Vater!“ schmiegt sich Jesus an Gottes Herz an und legt Zeugnis ab, dass Er auch in diesen finstersten Stunden an seiner Liebe nicht zweifeln wolle. Weiter stärkt Jesus sein Herz, indem er sich die Allmacht des Vaters, der kein Ding unmöglich sei, vor Augen stellt. Daraus macht der Sohn der Liebe nunmehr den Schluss: „Was deine Allmacht kann, das wird auch ohne Zweifel deine Liebe tun. Aber eben darum kann ich auch getrost meinen Willen versinken lassen in deinem Willen. Denn das Heil zu schaffen für eine verlorene Welt, das ist dein Wille; das ist aber auch mein Wille. Führst du mich nun den Todesweg, so weiß ich, dass dieser Weg allein zum Ziel führen kann“. Da ist also keine Anwandlung von Trotz, bei aller heißen Sehnsucht nach Rettung; da ist bei dem heftigsten Grauen vor dem Leiden dennoch kein Anflug von Verzagtheit. Die Menschheit muss auf jeden Fall gerettet werden. Nur über das „Wie?“ ist Jesus verwirrt; das aber lässt Er willenlos den Vater entscheiden.

Ach, möchten wir auch also beten, glauben und gehorchen lernen! Auch fromme Leute machen in ihren Gebeten oft gar falsche Schlüsse. Sie sagen: „Da du, o Gott, allmächtig bist und helfen kannst; da du die Liebe bist und so gerne hilfst, so musst du mir helfen, denn zu groß ist mein Jammer und über Vermögen ist meine Anfechtung“. Das ist aber falsch gebetet, wie fromm es auch lauten mag. Statt dessen muss es also heißen: Dass du helfen kannst, das weiß ich; dass du nicht von Herzen die Leute plagst, nicht ohne Zweck dein Kind versucht werden lässt, das weiß ich auch. Also kann ich meine Sachen willig und getrost deiner Weisheit übergeben. Ist es mir selig, so hilfst du gewiss; tust du nicht nach meinem Begehr, so würde es mir auch nicht frommen zu meinem ewigen Heil und alsdann begehre ich auch nicht meines Leides entbunden zu werden. Darum schütte ich dir mein Herz aus und lasse dich alsdann walten.

Seht, das ist die seligmachende Logik des Glaubens, die so durchsichtig und klar ist, dass ein Kind sie fassen kann und die wir doch nur unter viel Zittern und Zagen lernen. Und wir lernen sie nicht durch Verstandesarbeit und Vernunftschlüsse, sondern einzig und allein dadurch, dass wir uns mit dem Mann in Gethsemane zusammenleben und - zusammen sterben.

Mein Lebetage will ich dich
Aus meinem Sinn nicht lassen;
Dich will ich stets, gleich wie du mich.
Mit Liebesarmen fassen;
Du sollst sein meines Herzens Licht!
Und wenn mein Herz in Stücken bricht,
Sollst du mein Herz doch bleiben.
Ich will mich dir, o du mein Ruhm,
Hiermit zu deinem Eigentum
Beständiglich verschreiben. (Otto Funcke)


Zum andern Male ging er aber hin, betete, und sprach: Mein Vater, ist's nicht möglich, dass dieser Kelch von mir gehe, ich trinke ihn denn, so geschehe dein Wille.

Zum zweiten Mal entfernt sich der Herr von seinen Jüngern, kommt aber wieder zu ihnen. Scheint es auch bisweilen, er habe uns aufgegeben, so sagt er doch selber: Ich will wiederkommen. Über ein Kleines, so werdet ihr mich nicht sehen, und aber über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen. Die Hilfe, die der Herr bei seinen Jüngern nicht gefunden hatte, als er sie ansprach, mit ihm zu wachen, sucht er desto brünstiger bei seinem Vater. Machen wir es auch so. Wenden wir das Herz von allen Kreaturen ab, und kehren wir es einig und allein zu Gott hin. Der christliche Umgang hat viel Süßes und Stärkendes, aber es gibt Zustände, die wir allein vor Gott durchringen müssen, und wo auch die zärtlichste Liebe der Unsrigen uns nichts geben kann. Es kommt ja doch auch eine Stunde, wo wir alle Menschengemeinschaft aufgeben müssen, um allein durch das dunkle Tal zu wandern, das sich uns dann öffnet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. Durch Beten lernt man beten, und sich immer völliger in Gottes Hände legen. Christus hatte auch einen menschlichen Willen wie wir, und nur unter Kampf und unausgeseztem Gebet konnte dieser Wille sich zur Übers nahme des allerbittersten Kelches entschließen. Vorhin betete der Herr um Abwendung des Kelches, falls dieselbe möglich wäre; hier ist nun schon eine größere Kraft in seine Seele gedrungen, denn er bietet sich an zum Trinken des Kelches, wenn dies des Vaters Wille ist. Würden wir auf jeden neuen Sturm der Anfechtung eine neue Aufopferung des Willens folgen lassen, so kämen wir auch zu immer neuen Siegen, und hätten nicht so immer über die Erfolglosigkeit unserer Gebete zu klagen. Das Gebet hat nur dann einen festen Boden, wenn man auf Grundlage des Willens Gottes betet; beten wir so, und fahren wir so fort, auch wenn uns Bitteres und immer Bittereres gereicht wird? (Friedrich Lobstein)

Predigten

Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Website stimmen Sie dem Speichern von Cookies auf Ihrem Computer zu. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzbestimmungen gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
nt/40/matthaeus_26_42.txt · Zuletzt geändert: von aj
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain