Matthäus 26,23
Andachten
Er antwortete und sprach: Der mit der Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten. Da antwortete Judas, der ihn verriet, und sprach: Bin ich's, Rabbi? Er sprach zu ihm: Du sagst es.
Die andern Jünger hatten Jesum: „Herr“ angeredet: „Herr, bin ich's?“ Judas sprach „Rabbi, bin ich's?“ Jesus war sein Herr nicht mehr, er war ihm nur noch ein Rabbi. Und einen Rabbi verrät man leichter als einen Herrn. Das Wort war eine Brücke, über welche der Verrat mit leiserem Fuße gehen sollte. Das ist die frechste Sünde, die den liebsten Freund und den Herzenskündiger mit dem Verrat im Herzen ins Angesicht fragen kann: „Bin ich's?“ Da ist keine Entschuldigung. Bei andern schweren Vergehungen fragt das Recht in aller Welt nach erleichternden Umständen. Welche wären es hier? Drei Jahre hat ihn die heilige Liebe getragen. Er hat das Brot des Herrn gegessen, sein Wort gehört, seine Taten gesehen, die göttliche Herrlichkeit in dem Menschen Jesus ist ihm nahe gekommen, und seiner vollsten Tücke gegenüber hat sich die Liebe in vollster Lauterkeit erwiesen. Und für dich, wenn du deinen Herrn verrätst, wenn du aus dem Bekenntnis zu ihm einen Spott machest, sind auch keine erleichternden Umstände da. Was hat er dir getan, worüber du zürnen könntest? Was hat er behalten, das er dir nicht gegeben hätte? Was hat er versäumt, womit er dich nicht gesucht hätte? Schlage in dich, damit Judas Teil nicht auch dein Teil werde. Welches ist Judas Teil? Aus dem Munde der ewigen, aber heiligen Liebe quillt das Wehe. Und was für ein Wehe; es wäre ihm besser, dass er nie geboren wäre.
O treuer Heiland, behüte uns davor, dass wir des Judas Tat an dir begehen, wir würden auch des Judas Urteil über uns erfahren müssen. Und wie Gold und Welt, Habsucht und Hochmut an Judas arbeiteten um ihn zum Verräter zu machen, so tun sie es ja auch an uns. Deshalb wollen wir nicht anders an des Tages Leben und Streben, Versuchung und Zerstreuung herantreten, als mit dir. Bleibe bei uns und halte uns an dich. Nur in deiner Kraft und unter deinem Schutze gehen wir sicher; nur durch dich werden wir auch das rechte Ziel unsres Weges erreichen. Amen. (Friedrich Ahlfeld)